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Nachhaltiger Tourismus: Mehr diskutiert als vom Urlauber gelebt?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
TOURISM
Alexander Spatari via Getty Images
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Die Vereinten Nationen haben 2017 zum „Internationalen Jahr des Nachhaltigen Tourismus für Entwicklung" ausgerufen. Bereits 2016 führte der Deutsche Tourismusverband gemeinsam mit dem Bundesumweltministerium und dem Bundesamt für Naturschutz einen Praxisleitfaden zur „Nachhaltigkeit im Deutschlandtourismus" ein. Zeitgleich registrierte das Forum anders Reisen, ein Zusammenschluss von etwa 130 kleinen und mittelständischen Reiseveranstaltern, die das sozial- und umweltverträgliche Reisen fördern, ein durchschnittliches Umsatzwachstum von 14,25 Prozent. Für die Internationale Tourismusbörse Berlin (ITB), seit 1966 Leitmesse der weltweiten Tourismusbranche, ist Nachhaltigkeit mehr als nur ein Lippenbekenntnis - sie wird als „Strategieelement" gesehen.

„Dafür braucht es eine eindeutige Philosophie, klar formulierte Ziele und Maßnahmen sowie eine konstante Richtung (die durchaus ab und zu korrigiert werden sollte) führen zum Erfolg", sagt Claudia Silber, Leiterin Unternehmenskommunikation beim Öko-Pionier memo AG. Philosophie und Strategie müssen von „oben nach unten" gelebt werden.

Was in der Handelsbranche für nachhaltig ausgerichtete Unternehmen selbstverständlich ist und von bewussten Konsumenten mitgetragen und eingefordert wird, ist in der Tourismusbranche noch nicht selbstverständlich - zumal das Wachstum von nachhaltigen Reiseveranstaltern kaum etwas darüber aussagt, ob tatsächlich ressourcenschonender und fairer gereist wird. Zudem müssen regionale Unterschiede berücksichtigt werden: So ist das Thema in Skandinavien „wahnsinnig weit", während der russische Markt „geradezu immun auf Fragen der Nachhaltigkeit reagiert" (Dominik Prantl).

Viele Urlauber finden Nachhaltigkeit zwar gut, sehen die Aufgabe, etwas zu verändern, aber vor allem bei Unternehmen, sagte Prof. Stefan Gössling, Nachhaltigkeitsforscher an den Universitäten Kalmar und Lund, im März der Süddeutschen Zeitung.

Interview mit dem Tourismusexperten Daniel G. Bieber

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Foto und Copyright: Daniel G. Bieber

Daniel G. Bieber ist gelernter Hotelfachmann und Hotel-Betriebswirt sowie seit 2003 praktizierender Buddhist. Nach seiner Aus- und Fortbildung in 2004 war er für renommierte Hotelkonzerne international tätig und verantwortete Bereiche im Vertrieb, Marketing und Kundenmanagement. Er sah es immer als seine Aufgabe und Berufung an, Kunden zu gewinnen und zu binden. Seine Ideen und die dahinterstehenden Denkansätze bildeten später die Grundlage zur Entwicklung seiner Systemischen Positionierung. Für seine Erfolge wurde er 2008 von Marriott International - Doral Golf Resort & Spa - mit dem „Award of Excellence" ausgezeichnet. Sein erster Schritt in die Selbständigkeit war 2010 eine Internetfirma mit einer innovativen Hotelsoftware, die über einen späteren Investor Risiko-Kapital finanziert wurde. 2013 gründete er die StrategieMentoren GmbH und entwickelte das Konzept zur Systemischen Positionierung. Heute coacht er Geschäftsleiter/innen, Unternehmer/innen und General Manager von Hotels in der systematischen Entwicklung von Ideen und Strategien.

Herr Bieber, was verbinden Sie mit dem Begriff Nachhaltiger Tourismus?

Da „Nachhaltigkeit" immer wieder inflationär verwendet und missbraucht wird, gibt es meiner Auffassung nach mehrere Begriffe, die dieses Wort umschreiben. Dazu gehören Umweltschutz, Langlebigkeit, Ressourcenschonung - das sind für mich alles Teilaspekte der Nachhaltigkeit. Wichtig ist, den Begriff mit einer ganzheitlichen Ausrichtung zu verbinden - dabei sind nachhaltiges Wachstum (Ökonomie) sowie Schutz von Natur und Umwelt (Ökologie) und Soziales wesentliche Aspekte. Im touristischen Kontext bedeutet das für mich, nicht nur ressourcenschonend zu reisen, sondern auch Land und Leute mit nachhaltigen Maßnahmen zu fördern.

Ist das nachhaltige Reisen nur ein vorĂĽbergehender Trend?

Aktuell denke ich, dass es sich ehr um einen Trend handelt. Trends fangen immer dann an, wenn eine bestimmte Anzahl von Menschen etwas gut finden und andere einfach mal mitmachen, weil es vermeintlich den Status stärkt, ohne aber tiefergehend darüber nachzudenken, ob es wirklich nutzbringend für sie ist. Sobald die Masse dann in eine andere Richtung rennt, kippt der Trend. Langfristig bleibt etwas nur dann, wenn es einen größeren, persönlichen Nutzen bringt. Wie etwa das Internet, was ja auch einst als „Trend" von so manchem Unternehmer bezeichnet wurde und ihn oder sie später in den Ruin getrieben hat.

Sobald ein Trend geschaffen wurde, steigen in der Regel viele Anbieter in diesen Markt ein. Dadurch kann der entsprechende Begriff, in diesem Fall Bio, schnell aufgeweicht werden. So kann man sich beispielsweise durchaus die Frage stellen, ob in so manchen Bio- Eiern (die auch bei Urlaubern sehr beliebt sind) noch wirklich so viel Bio drin ist. Und genau hier liegt das Problem. Es gibt im Bio-Markt mittlerweile zu viel unterschiedliche Label, die alle ihre eigenen Standards haben. Dadurch ist es schwer zu definieren, wie gesund und ressourcenschonend bio wirklich ist.

Was muss getan werden, damit das Thema nachhaltiger Tourismus gesellschaftlich wirklich greift?

Basierend auf meiner beruflichen Expertise denke ich, dass das Thema in der Wertschöpfungskette weitergedacht und neu beschrieben werden muss, damit die Idee hinter dem nachhaltigen Reisen nicht irgendwann mit dem Begriff untergeht, was durch die steigende Zunahme an Anbietern in diesem Markt vorprogrammiert ist. Konkret heißt das: Den Nutzen für den Verbraucher stärken und - im Falle eines aufgeweichten Trendbegriffs - einen neue Begriff kreieren, der sich an dem Bestehenden anlehnt und mit ihm in Verbindung gebracht werden kann.

Warum?

Menschen suchen immer nach Bezugspunkten und sind permanent am Vergleichen: „Ah, dass so ist wie..." . Wenn man ihnen hier keinen Anker liefert, ist der menschliche Denkapparat überfordert und blendet aus. Diese Tatsache hat schon so manchen Produkt-Flopp hervorgerufen.

Kürzlich hat mich ein Metzger aus dem Fränkischen Markt Berolzheim schwer beeindruckt: Er hat ein neues Ernährungskonzept für Wurst und Fleisch geschaffen, was neben dem Verbraucher auch die Umwelt in den Mittelpunkt stellt und klar definiert, wer alles wie davon profitiert. So hat er die Wertschöpfungskette weitergedacht und dafür auch einen neuen Begriff geschaffen, der sich an Bio anlehnt und beim Verbraucher gut ankommt.

Diese Vorgehensweise kann auch in der Tourismusbranche genutzt werden, um die Konstruktivität vom nachhaltigen Reisen zu bewahren und zu fördern und als Tourismusunternehmen attraktive Nischen innerhalb des Marktes zu belegen.

Vielen Dank für das Gespräch.

Quellen und weiterfĂĽhrende Informationen:

Alexandra Hildebrandt: Das Gute in der Nähe finden: Urlaub ist... wo wir uns im richtigen Leben aufgehoben fühlen von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Claudia Silber: Gut zu wissen... wie es grĂĽner geht: Die wichtigsten Tipps fĂĽr ein bewusstes Leben von Amazon Media EU S.Ă  r.l. Kindle Edition 2017.

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