BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Mut und Geist: Warum die Philosophie hilft, CSR-Strategien lebendig zu halten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Interview mit der CSR-Expertin Caroline Meder


Frau Meder, weshalb heißt für Sie CSR, sein eingefahrenes Denken zu prüfen?

Erinnern wir uns, wie CSR entstanden ist: Konsument/innen reagierten zunehmend kritischer auf Produktionsbedingungen, die zu Lasten der Natur, der Produzierenden und ihrer Familien gingen. So gab es z.B. erste Umsatzeinbußen bei Unternehmen, die ihre Ware in Kinderarbeit produzieren ließen. Heute undenkbar, aber es ist keine 20 Jahre her, dass wir westlichen Konsument/innen en Gros Kinderarbeit vielleicht nicht schön fanden, aber als normal angesehen haben. Man dachte sich nichts dabei.

Wenn wir langfristig Güter und Leistungen auf einer lebensbejahenden Basis produzieren wollen, dann müssen wir prüfen, wo sich zerstörerisches Handeln eingeschliffen hat. Dazu müssen wir unsere blinden Flecken und eingefahrenen Denkmuster erforschen, wie man am Beispiel der Kinderarbeit gut erkennen kann.

Mir ist angesichts dieser komplexen Aufgabe nicht wohl, wenn mittelständische Unternehmen eine Finanzspritze für den örtlichen Sportverein oder ein gemeinsames Kochen mit Geflohenen als ihre CSR-Maßnahmen vorstellen. Wir müssen uns mehr um die Grundlage konstruktiven Handelns küm¬mern. Da liegt es nahe, die Angelegenheit philosophisch zu betrachten. Um CSR dem Grunde nach zu verstehen, finde ich die Schriften der politische Theoretikerin und Publizistin Hannah Arendt inspirierend.

Warum ist sie für Sie heute noch immer aktuell?

CSR mag eine Zeiterscheinung sein, aber das Thema dahinter ist uralt: Was macht ein gutes Mitei¬nander aus? Und wie können wir es gegen Arglist und Resignation durchsetzen? Arendt hat diese Fragen sehr konsequent durchdrungen. Daher ist m.E. ihr Ansatz eine gute Basis, um CSR strukturell zu begreifen. Sie hat sich intensiv mit dem Handeln und dem Herstellen beschäftigt. Das passt hier sehr gut.

In der „Vita Activa" beschreibt sie das Herstellen als eine Tätigkeit, um Gebrauchsgegenstände zu fertigen. Herstellen resultiert aus unserem Bedürfnis, die Welt zu gestalten, die eigene Haltung durch Materie auszudrücken. Etwas Bleibendes zu schaffen. Mit unseren Gegenständen gestalten wir uns ein vertrautes Umfeld.

Haben Sie dafür ein Beispiel aus dem Alltag?

Ja, denken Sie an die Bauhaus-Möbel: Sie waren zur Zeit ihrer Entstehung Avantgarde und haben ihre Entwickler/innnen und Produkten/innen längst überdauert. Heute stehen sie für Wertigkeit und Klarheit. Viele, die Bauhausmöbel besitzen, fühlen sich dieser Geisteshaltung zugehörig und zeigen dies. Wenn, wie Arendt skizziert, das Herstellen der materielle Ausdruck unserer Kultur ist, wundert es kaum, dass gerade Menschen mit Jobs im digitalen Umfeld handwerkliches Können zu schätzen wissen: Es geht um Dinge, die auch da sind, wenn der Strom ausfällt. Dinge, die über ihre Haptik ein Heimisch-sein in der Welt unterstützen.

Was macht uns zu guten Lebenshandwerkern?

Lebenshandwerker? Das ist ein guter Begriff! Wenn man CSR mit philosophischen Denkwerkzeugen begreift, geht es in der Tat nicht mehr um Unternehmen und Markt, sondern um Menschen und ihr tätiges Leben. Es geht darum, die Welt so zu gestalten, dass wir sie vor weiteren Zerstörungen schüt¬zen und hier ein gutes Auskommen miteinander haben. Die Aufgabe von CSR ist, diesen Weg für Wirtschaftsunternehmen zu definieren. Aus dieser Sicht ist ein Unternehmen ein Zusammenschluss von Menschen, die sich verabredet haben, gemeinsamen zu handeln und etwas herzustellen.

Auch hier wieder Arendt: „Handeln" ist ein weiterer zentraler Begriff bei ihr. Was meint sie damit?

Damit meint sie das miteinander Handeln, das gemeinsame Entwickeln. Nach Arendt erfährt man nur im Dialog mit den anderen, wer man ist. So geht vom gemeinsamen Handeln eine identitätsstiftende Wirkung aus. Sie spricht von dem Wagnis des Handelns, da das Ende offen und unvorhersehbar ist. Man setzt sich auseinander, ringt um gute Lösungen. Gleichzeitig entwickeln wir durch das Handeln die Welt weiter - auch im politischen Sinne. Das Handeln selbst ist flüchtig, seine Ergebnisse nie fertig. Bei jeder Zusammenkunft kann etwas unvorhersehbar Neues geschehen. Und niemand, der ein sin¬nerfülltes Leben führen möchte, kann sich dem Handeln entziehen.

Für mich sind Herstellen und Handeln zwei sinnvolle Begriffe, um das spezifisch Menschliche - oder mit Ihren Worten das Lebenshandwerk - zu verstehen: Uns Menschen tut das Zusammenspiel aus Herstellung und Handeln gut. Unsere Gegenstände unterstützen das Vertraut-sein mit der Welt. Je bedachter wir sie wählen, je mehr Verständnis und auch Einverständnis wir mit der Art ihrer Herstellung haben, umso mehr Anbindung an die materielle Welt gewähren sie uns. In dieser Welt begegnen wir einander, wir bemühen uns um Entwicklung und um Austausch. So beginnen wir uns selbst und das Gegenüber zu verstehen. Im Handeln erfahren wir, wer wir sind.

Wie kommen wir von diesem Punkt auf CSR zurück?

Indem wir das Herstellen noch einmal näher betrachten. Hier entsteht der Konflikt, für den CSR eine Lösung sucht. Anders als Handeln ist Herstellen stumm. Nach Arendt wendet jeder, der etwas herstellt, stumme Gewalt an. Bäume werden gefällt, Marmor aus der Erde gebrochen und mit Werk¬zeug bearbeitet. „Stumm", weil die Entscheidung für den Produktionsprozess ein Einzelner trägt - bei einem Automobilkonzern ist dieser Einzelne eher im übertragenen Sinne gemeint. Und das ist der Schwachpunkt des Herstellens: der Herstellende bestimmt die Materialwahl und die Produktion allein. Herstellen an sich ist kein demokratischer Prozess. An der Vielzahl ökologisch fragwürdiger, menschenunwürdig produzierter und durch aggressives Marketing auf den Markt gebrachter Waren fällt dies deutlich auf. Über diese Produktionen hat sich nie eine Gruppe weitsichtig Han¬delnder abgestimmt.

Spannend - und gesellschaftlich relevant - wird es, wenn Unternehmen ihr Können, das an sich stumme Herstellen, durch das dialogische Handeln ergänzen. Hier beginnt CSR.

So betrachtet, wird klar, dass CSR nicht der moralische Ablasshandel wohlha¬bender Unternehmen sein kann. CSR ist vielmehr eine Strategie, Unternehmen langfristig stabil aufzubauen.

CSR greift in die Unternehmensprozesse ein?

Ja, CSR berührt das Kerngeschäft im Mark, daher ist es auch Aufgabe der Geschäftsführung. Und: es ist keine Frage des Geldes. Hier braucht es die Unternehmer und Unternehmerin, die sehen, dass einer gute Entscheidung ein offener Dialog voraus geht. Geschäftsführer/innen, die ein großes Interesse an der Welt haben, ein Interesse an Andersdenkenden, an anderen gelebten Werten und an einer neuen Sicht auf das Geschäftsfeld. Offenheit, Demut und Stille: CSR fordert ungewöhnliche Werthaltungen von einer Geschäftsführung. Kurz: CSR braucht menschliche Größe, denn Handeln ist keine Managementauf¬gabe, es ist eine Führungsverantwortung.

Wie zahlt sich das aus?

Wer sich vor der Herstellung in die gesellschaftliche Diskussion um die Rohstoffe und die Nutzenas¬pekte seiner Produkte einmischt, wer als Produzent öffentlich formulierte Anforderungen aufgreift, vielleicht sogar die Forschung für eine verbesserte Umsetzung einschaltet, gewinnt auf zwei Ebenen.

Es ist eine persönliche Bereicherung, sein Schneckenhaus bzw. sein Büro zu verlassen, Fragen zu stellen, Antworten zu abwägen, Erkenntnisse zu sammeln, Kritik zu hören. Im Dialog wachsen wir Menschen, in dem mutigen Dialog um die eigenen Geschäftsentscheidungen allemal. Wer diesen Weg verfolgt, wird ein feines Gespür für den Kulturraum seiner Ware erlangen.

Wer sich in der Entscheidung für sein Produkt und seine Produktionsabläufe den Ideen, Sorgen und Bedürfnissen seiner sozialen und regionalen Umwelt stellt, wird Produkte erstellen, die vom Markt bzw. den Verbraucher/innen gut aufgenommen werden. Einfach, weil sie ein hoher Nutzen und die gesellschaftliche Zustimmung eint.

Im Zusammenspiel der philosophisch konnotierten Begriffe des Herstellens und den Handelns wird klar, warum CSR-Expert/innen auf Stakeholder-Dialoge drängen: Unternehmerische Entschei¬dungen auf der Basis eines gesellschaftlichen Dialogs zu treffen, ist ein Garant für eine unterneh¬merisch erfolgreiche und eine persönliche befriedigende Arbeit.

Doch eine Bitte zum Schluss: Laden Sie unbedingt wieder Geflohene und Angekommene zum gemeinsamen Essen ein! Auch wenn es vermutlich nicht CSR ist, es ist mit Sicherheit eine große Freude und ein sinnlicher Genuss. Und auch das zählt!

Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person:

2017-08-10-1502356566-5519612-portraitcarolinemeder.jpg

Foto und Copyright: Caroline Meder

Caroline Meder, Jahrgang 1967, ist Soziologin, philosophische Praktikerin und eine der Vordenkerin von CSR im Mittelstand. Nach einer handwerklichen Berufsausbildung studierte sie an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg Soziologie mit BWL, VWL und Recht und an der FU Berlin Soziologie mit Philosophie und Publizistik. Sie ist Dipl. Sozialwirtin und Dipl. Soziologin. Sie war fünf Jahre als Geschäftsführerin einer Agentur für Softwarelösungen und acht Jahre als Dozentin an der Universität der Künste, Berlin tätig. 2007 bis 2010 arbeitete sie für das Forschungsprojekt „CSR in KMU" des TÜV Rheinland, sie war 2010 bis 2012 Leiterin CSR in einem mittelständischen Berliner Bauunternehmen und führte 2014/15 eine Studie „Ein regionsbezogenes CSR-Konzept für kleine und mittlere Unternehmen" für die IHK zu Rostock durch. Sie ist Autorin von CSR-Fachartikeln, der neuste in: „CSR und Kleinstunternehmen - Die Basis bewegt sich" Hg. Wolfgang Keck, Springer Gabler, 2017. Heute lebt und arbeitet sie als Impulsgeberin an der Schnittstelle zwischen Institutionen des Mittelstands, unternehmerischer Praxis und Forschung in Norddeutschland.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.