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Wer keinen Respekt vor sich selbst hat, reißt auch Unschuldige mit in den Tod

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MUNICH OEZ
Johannes Simon via Getty Images
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In den verschiedenen Begriffen von Angst fühlt sich die Gesellschaft nicht nur den Puls - in ihnen wird auch deutlich, wohin sie sich entwickelt. „Angst zeigt uns, was mit uns los ist", schreibt der Soziologe Heinz Bude.

Das Blutbad von München verdeutlicht, wie unwichtig plötzlich unsere abstrakten Ängste geworden sind (demografischer Wandel, Umweltthemen, zerfallende Gemeinschaften) angesichts der konkreten Ereignisse in unmittelbarer Nähe.

Fassungslosigkeit und Verunsicherung haben nach dem Amoklauf in einem Einkaufszentrum in der Bayerischen Landeshauptstadt für Augenblicke die Angst in uns gefrieren lassen. Sie ist konkret geworden. Es wird Zeit brauchen, bis wir sie aus uns heraus bewegen können - doch die größte Sorge, die Verrohung der Gesellschaft, wird bleiben.

Worauf es jetzt ankommt, ist kluges Denken und nachhaltiges Handeln, damit sich Menschen nicht in Panik versetzen lassen und in ihren Ängsten nicht abhängig werden von Verführern, die Panik und Verwirrung stiften.

Was aber kann uns in unserer Schutzlosigkeit und Verwundbarkeit helfen?

Roosevelt sagte, dass es die erste und vornehmste Aufgabe staatlicher Politik sei, den Bürgern die Angst zu nehmen. Genauso wichtig ist aber, auch die persönlichen Werte auszubilden und zu stärken, damit der eigene Blick auch nach innen gerichtet und das eigene Gewissen immer wieder geprüft werden kann.

"Die geopolitischen Wirren lassen sich am besten dann überstehen, wenn man im Innern gefestigt ist." Schreibt Mathieu von Rohr in seinem SPIEGEL-Essay "Apocalypse Now" (30/2016).

Wo diese Vertiefung fehlt, fehlt es auch an inneren Ressourcen und Reserven, die wir brauchen, weil sie uns resilient und immun gegenüber Verführungen machen und uns emotional nicht abstumpfen lassen.

Wer keinen Respekt (mehr) vor sich selbst hat, dem ist auch das eigene Leben nichts wert, der reißt auch Unschuldige mit in den Tod. Wir können es uns nicht erlauben, im Denken nachzulassen. Und wir dürfen das, was um uns geschieht, nicht schweigend erdulden.

Buchstäblich gebraucht wird auch das Handgreifliche im Positiven: Zeichnen, Schreiben und Dinge formen, wie es auch „Volks"-Intellektuelle wie Günter Grass gemacht haben. Wir müssen in einer Könnensgesellschaft unsere Talente und Fähigkeiten ein Leben lang meisterhaft benutzen. Bücher und kulturell Hervorgebrachtes sind zwar keine Überlebensmittel, aber sie können uns helfen, im Ungewissen geborgen zu sein.

Denn es ist nicht klar, ob unsere Zeit der Schocks und Krisen nur eine "vorübergehende Erschüterung" oder der Beginn einer Entwicklung ist, "deren Ende sich noch nicht absehen lässt" (Mathieu von Rohr).

Weitere Informationen:

Zwischen Angst und Mut: In welcher Gesellschaft "können" wir leben?
Heinz Bude: Gesellschaft der Angst. Hamburger Edition HIS Verlagsges. mbH. Hamburg 2014.