BLOG

Mit guter Arbeit aus der Krise! Warum uns das Könnenwollen im Blut liegt

03/06/2017 17:20 CEST | Aktualisiert 03/06/2017 17:20 CEST

Interview mit Karin Helle und Claus-Peter Niem

Es wird immer wieder von einer Wissensgesellschaft gesprochen. Aber geht es nicht vor allem darum, unsere Könnensgesellschaft zu stärken? Was lässt sich diesbezüglich vom Fußball lernen?

Mit guter Arbeit aus der Krise! Das Könnenwollen liegt uns im Blut. Die Könnensgesellschaft ist eine Kultur des Lernens und der Entwicklung selbstbestimmter tätiger Menschen, die einen Sinn in ihrer Arbeit sehen und wissen, dass sich Anstrengung lohnt. Nehmen wir beispielsweise David Wagner, dem wir als Trainer von Hudderfield Town vor vier Monaten „One Touch" in der kleinen Arbeitermetropole nördlich von Manchester überreichen durften. Vor rund anderthalb Jahren übernahm er den Club - und wurde nach drei Niederlagen in Folge schon fast wieder entlassen. Doch dann schaffte er den Turnaround, baute Beziehungen zu den Spielern auf, veränderte da, wo verändert werden musste und führte den Kickern aus Yorkshire vor Augen, dass sie sich ändern müssen - wenn sie noch erfolgreicher sein wollen.

Welche Voraussetzungen brauchte es dafür?

Ein Blick über den Tellerrand war genauso wichtig wie Offenheit für Neues - ob in Trainingsmethoden, Regeneration oder Ernährung. Vor einigen Tagen schafften die Terriers - so ihr Spitzname - das Unglaubliche: Erstmals seit 45 Jahren steht der Club wieder in der Premier League. Wagners Rezept: Viel Ballbesitz, ein dynamischer und flexibler Spielstil, Aufstockung der Trainingseinheiten. Anfangs waren die Spieler geschockt - doch das harte Training wandelte sich in Können.

Wie war das möglich?

Sie sahen den Sinn in ihrem Tun. Und so entwickelt sich Können. Üben, üben, üben eben. Darum geht es auch in einer Könnensgesellschaft. Ständig an den Fähigkeiten arbeiten, handeln, ausprobieren. Übung macht halt doch den Meister!

Im Fußball ist es wie im ganz normalen Leben: So kann man durch unzählige Übungsstunden und permanente Wiederholungen in rund zehn Jahren zu einem Experten auf seinem Gebiet werden. Können ist auch aktives Lernen. Dieses wird nicht in Minuten oder Stunden gemessen, sondern in der Zahl der guten Versuche und Wiederholungen. Nur so kommt es zu neuen Verknüpfungen im Gehirn. Und das bedeutet: Lernen und wachsen und seine Fähigkeiten ausbauen!

Warum reicht Leidenschaft für ein echtes Miteinander im Fußball nicht aus?

Neben dem Leistungsprinzip als Auswahlkriterium und Flexibilität auf den Positionen spielt die charakterliche Eignung eines Spielers eine große Rolle, wenn es vor einem wichtigen Turnier um die Kaderzusammenstellung geht. Charaktereigenschaften und Werte wie Disziplin, Hartnäckigkeit, Ausdauer, Toleranz, Respekt spielen ebenso eine Rolle wie die klassischen Fußballtugenden Leidenschaft, Fairplay, Teamgeist und Siegeswillen. Das Reflektieren über das eigene Können ist genauso wichtig wie lebenslanges Lernen und der Umgang mit Rückschlägen. Und dann noch das: Frustrationstoleranz! Man bedenke, dass ein kompletter Fußballkader aus rund 25 Spielern besteht - doch 11 dürfen immer nur spielen.

Wann ist für Sie jemand ein Meister seines Fachs?

Es sind die fünf Schlüsselfaktoren guter Führung: professionelles Ethos, Expertenwissen, Kommunikation, Selbstführung und Beziehung plus Faktor X, hinter denen wiederum eine Vielzahl einzelner Fähigkeiten steckt. Konzept- und Professionswissen? Ja! Beziehung und Inspiration? Unbedingt! Es ist das Zwischenmenschliche, das Zuhören, Einfühlen und Kommunizieren, was Menschen wachsen lässt. Die Hochform: sich auf jeden Mitarbeiter einstellen, individuell fördern und fordern, sein Umfeld kennen und anerkennen und da sein, wenn es darauf ankommt. Wie sagte Sebastian Kehl, langjähriger Kapitän des BV Borussia 09: „Der Trainer kann noch so ein exzellenter Experte sein - hat er keine Beziehung zu dir, nimmt er dich auch nicht mit."

Ein Experte auf seinem Gebiet verfügt über Fachwissen, über ein breites Spektrum seines Spezialgebietes, gepaart mit einer guten Didaktik und Beratungskultur. Er hat ein klares Konzept und kann es verständlich vermitteln. Er verfügt über ein gutes Urteilungsvermögen und ist konsequent und mutig im Handeln. Als Persönlichkeit beherrscht er die Kunst der Selbstführung und Selbstregulation, vermittelt Werte, ist authentisch und handelt als Vorbild. Er ist ein Kommunikationsprofi, Menschenfreund und Visionär - ein lebenslanger Lerner. Diese Aufzählungen ließen sich noch beliebig fortsetzen.

In Ihrem Buch „One touch" dominieren die drei Buchstaben des Erfolgs: TUN. Ist Tun dasselbe wie Machen, dasselbe wie Verrichten oder Handeln?

Eine hochphilosophische Frage! Inhaltlich kann die Frage sicherlich mit „Ja" beantwortet werden. Die Sprache betreffend ist es eine Variation des Gleichen mit einer Wirkung auf ein Ziel hin. Der Ausspruch „Erfolg hat drei Buchstaben: T U N!" von Johann Wolfgang von Goethe ist klar, einfach und selbsterklärend mit hohem Aufforderungscharakter und leicht nachvollziehbar. Er reduziert die Komplexität von unzähligen Wahlmöglichkeiten des Handelns auf das Wesentliche - den ersten Schritt. „Simplify your life" ist ein Schlagwort, mit dem Ratgeber dem Menschen dabei helfen wollen, durch Komplexitätsreduktion glücklicher zu werden. Aufgrund vielfältiger Möglichkeiten, auch im digitalen Bereich, sind wir immer in Gefahr, uns zu verzetteln. Stichwort: Multitasking und Aktionismus. Aber viel auf einmal zu tun heißt am Ende, nichts richtig tun.

Wäre es stattdessen sinnvoll zu fragen: „Was möchte und kann ich wirklich?"

Ja, und sich auf das, was ich kann und was ich bin, zu konzentrieren und das unbedingt und vorbehaltlos zu tun - sich auf Tätigkeiten zu beschränken, die man erfüllen und ausfüllen kann. Zu telefonieren, ein erstes Treffen vereinbaren, den inneren Schweinehund überwinden, ins Handeln kommen, eine Entscheidung treffen... eben der Macher der Situation sein! Oder anders gesagt: Der Anfang einer Reise beginnt immer mit dem ersten Schritt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Karin Helle ist Managementberaterin, Mentaltrainerin und Coach.

2017-06-01-1496313683-9540080-KarinHelle.jpg

Foto und Copyright: Karin Helle

Claus-Peter Niem ist Autor und arbeitet als Lehrer sowie als Coach in der Lehrerfortbildung.

2017-06-01-1496313638-3056954-ClausPeterNiem.jpg

Foto und Copyright: Claus-Peter Niem

Durch eine Begegnung im Jahr 1999 mit Spitzentrainern des Premier-League-Tabellenführers Aston Villa FC tauschen sich Karin Helle und Claus-Peter Niem seitdem gemeinsam mit vielen Führungskräften aus, arbeiten mit einzelnen Profitrainern sowie Profisportlern und Teams, unter anderem mit Jürgen Klinsmann, Jogi Löw, Sebastian Kehl, Christoph Metzelder, Hansi Flick oder Stefan Kuntz - getreu Ihres Mottos: „A great leader is a great teacher who is a lifelong learner!" Zu ihren wichtigsten Veröffentlichungen gehören "Meine Fußballschule" (Loewe 2004), "Die Fußballakademie" (Loewe 2006), "Raus und Spielen" (4 Bände, Loewe 2006), „Spiel, Schuss und Tor - so wirst du ein Fußballprofi" (Duden 2010), Talente-Reihe "Camp Castle www.camp-castle.de - entdecke deine Stärken!", Band 1: "Jojo kommt ins Team" (Velber 2013). Regelmäßige Veröffentlichungen auf www.fD21.de sowie in Fachzeitschriften (fussballtraining, fussballtraining-junior, Kommunikation heute etc.).

Weiterführende Literatur:

Claus-Peter Niem, Karin Helle: One touch. Was Führungskräfte vom Profifußball lernen können. Mit Einwürfen von Jürgen Klinsmann, Joachim Löw & Co. Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2016.

2017-06-01-1496313607-3472973-Cover.PNG

Alexandra Hildebrandt: TUN! Warum wir Könner brauchen, um die Zukunft meisterlich zu gestalten. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino