BLOG

Michael Schumacher: Auf den Spuren eines Grenzgängers

09/01/2017 17:57 CET | Aktualisiert 09/01/2017 17:57 CET
Alessandro Bianchi / Reuters

An der Grenze

Der Grenzgänger hat den Drang, über das ihm gesetzte Maß hinauszugehen und seine Grenze ständig zu erweitern. Doch kehrt er im Gegensatz zum Grenzüberschreiter, der sich nach dem Grenzenlosen verzehrt und dem Reiz der Grenze erliegt, immer wieder zurück. Typologisch ist der Grenzüberschreiter verwandt mit Faust und Ikarus, der die Ratschläge seines Vaters Dädalus missachtete und sich durch sein Freiheitsgefühl dazu verleiten ließ, der Sonne zu nahe zu kommen. Die Hitze ließ das Wachs schmelzen, das die Federn seiner Flügel zusammenhielt, und er stürzte in den Tod.

Michael Schumacher hat die Grenzüberschreitung nie gesucht, er handelte immer überlegt und vorausschauend. Umso tragischer und schmerzlicher ist noch immer die Erinnerung an seinen Skiunfall in Méribel in denfranzösischen Alpen am 29. Dezember 2013: Er prallte mit dem Kopf auf einenFelsen und hatte trotz eines Helms ein schweres Schädel-Hirn-Trauma erlitten.

Aktuelle Informationen zum Gesundheitszustand des Ex-Rennfahrers gibt es bislang nicht. Da es kein Thema für die Öffentlichkeit ist, wird sich die Familie weiterhin dazu nicht äußern, sagte seine Managerin Sabine Kehm, die wenige Tage vor seinem 48. Geburtstag am 3. Januar mit seiner Ehefrau Corinna die Initiative „Keep Fighting inspired by Michael Schumacher" ins Leben rief. Sie soll die positive Energie kanalisieren, die Michael und seine Familie seit so vielen Jahren erhalten, und alle Menschen, die sich von Michaels Karriere und seinem Charakter inspiriert fühlen, „darin motivieren, weiter zu kämpfen und niemals aufzugeben". Dazu gehört auch die Beschäftigung mit dem Wesen des Grenzgängertums.

Das Mögliche leben - das mögliche Leben

Von Michael Schumacher, dem erfolgreichsten Piloten in der Geschichte des Motorsports, lässt sich lernen, was es bedeutet, am Rand des Möglichen sein Leben zu gestalten, nicht zu viel zu erwarten und so pragmatisch zu sein wie möglich, sich immer dem nächsten Schritt zu widmen und nicht dem Rausch des Überschwangs zu verfallen.

Er hatte nie die Vorstellung, ein Formel-1-Fahrer werden zu müssen. Vielmehr dachte er: „... gut, wenn der nächste Schritt kommt, wunderbar, dann wirst du auch versuchen, deine Chance zu nutzen. Aber gleichzeitig hatte ich immer eine pessimistische Einstellung. Ich wollte nicht in Träume abschweifen, die nachher doch nicht Wirklichkeit werden."

1969 wurde er in Hürth-Hermülheim, einem kleinen Vorort von Köln, geboren. 1988 nahm er zum ersten Mal an einem Formel-Rennen in der Formel Ford 1600 teil. Beim Großen Preis von Belgien in Spa gelang ihm am 25. August 1991 der Sprung in die Formel 1. 2004 wurde er zum siebenten Mal Weltmeister.

Wie fast alle Grenzgänger hat Michael Schumacher die Schule gehasst. Ihm war das Vokabelnpauken in einer Fremdsprache immer zuwider. Leicht fiel ihm dagegen das, was er gern tat und anwenden konnte. Die englische Sprache hat er zum Beispiel innerhalb von drei Monaten gelernt, weil er wusste, dass er sie im Motorsport braucht. Eine weitere Gemeinsamkeit mit erfolgreichen Grenzgängern aus anderen Bereichen ist die ausschließliche Beschäftigung mit einer Sache:

Er hielt sich nicht mit Kleinigkeiten auf, speicherte keine unwichtigen Details, sondern nur wesentliche Dinge. Damit verbunden war die Gabe, sich extrem konzentrieren zu können, aber dennoch wahrzunehmen, was in seiner Umgebung abläuft. Was er einmal gesehen oder gehört hat, merkte er sich. So nahm er beispielsweise die kleinste Veränderung des Motorgeräuschs wahr. Deshalb stellte er den Zehnzylinder meist rechtzeitig ab, bevor dieser explodierte.

Michael Schumacher verstand es von Anfang an, einen vermeintlichen Nachteil in einen Vorteil umzuwandeln. Das können meistens nur Menschen, die gelernt haben, mit Not- bzw. Grenzsituationen umzugehen. Fehlender finanzieller Rückhalt ist nicht die schlechteste Grundlage für die Persönlichkeitsentwicklung.

"Wir hatten kein Geld", sagte er im Rückblick auf seine Kindheit: „Also haben wir die alten, abgefahrenen Schlappen meiner Gegner aus dem Müll gefischt und sie verwendet. [...] Ich erinnere mich noch genau an meine Schulzeit. Ich hatte ganze drei Hosen im Schrank hängen. Meine Mitschüler dagegen waren immer schick angezogen. Mein Vater sagte, wenn ich etwas zum Anziehen wolle, dann müsse ich mir das selber verdienen."

Solche Erfahrungen prägen und bilden das, was allgemein Charakter genannt wird. Schumacher verdankte dem Glück die Gelegenheit, seine Pläne zu verwirklichen: „Zum Beispiel das Glück, dass ich zur richtigen Zeit im richtigen Moment die richtigen Leute getroffen habe." In seiner „Not" fanden sich Förderer: zuerst Gerd Noack, ein Freund des Vaters, dann Jürgen Dilk, der aus der Spielautomaten-Szene kommt. Dankbarkeit und Schuldgefühle ihnen gegenüber führten dazu, dass Schumacher alles tat, was ihm möglich war. Er wollte die, die ihn unterstützten, „nicht hängen lassen".

Willi Weber, erfolgreicher Formel-3-Teamchef, holte ihn in sein WTS-Formel 3-Team. Er sagte von sich selbst, dass er aufgrund seiner Erfahrungswerte und seines Alters zweimal „chemisch gereinigt" ist, denn in der Formel 1 „wimmelt es von Haien und Piranhas". Seine Erkenntnis: „Man muss lernen, sehr vorsichtig zu agieren, denn man trifft alle Leute zweimal. Ein Mechaniker, den man heute für unwichtig erachtet, steigt plötzlich zum Teamchef auf. Ein Journalist, über den man sich ständig ärgert, wird Pressechef eines Autokonzerns. Man darf in diesem Gewerbe niemals Brücken abbrechen. Man muss geschickt verhandeln, darf nichts zerbrechen. Man darf aber auch nicht zu weich erscheinen."

Als Michael Schumacher zum ersten Mal in einem Formel 3-Auto saß, fuhr er nach fünf Runden das Auto an die Leitplanke. Es folgte die Erkenntnis eines „Grenzfahrers", dass er „zu sehr mit Gewalt an die Sache rangegangen [ist], über dem Limit war, was nicht gut gehen konnte". Seither fuhr er mit „kontrollierter Leidenschaft", indem er seine Emotionen im Cockpit ausgeschaltet hat.

Niki Lauda prophezeite bereits 1994: "Wenn ich Gene mischen könnte, um einen idealen Rennfahrer zu machen, dann wäre mir genau das gelungen, was aus Schumacher geworden ist. Er ist gescheit, er macht keine Fehler, emotionell hat er alles im Griff."

Er umradelte die Kurse, registriert jede Welle, jeden Riss im Asphalt. In Kurven stieg er manchmal ab und grübelte über die Ideallinie: "Man muss das Gefühl dafür haben, ob das Auto eine bestimmte Kurve in einer bestimmten Geschwindigkeit bewältigen kann oder nicht. Es liegt dann an dir, so in diese Kurve hinein zu fahren - aber wenn du dazu Mut brauchst, gibt es ein Problem. [...] es geht darum, ob du das Gefühl für den Grenzbereich hast. "

Schumacher arbeitete ständig daran, die Grenze zu verschieben und ans Limit zu gehen. Wer es nicht tut, ist langsamer, weil er etwa in den Kurven rutscht und seine Reifen ruiniert. Schumacher versuchte in jeder Kurve buchstäblich zu er-fahren, wo das Limit ist. Dazu musste er häufig kontrolliert schneller in sie hineinfahren. Nur auf diese Weise konnte er feststellen, wie weit er gehen dar. Wenn er vom Grenzbereich sprach, meinte er immer das Auto:

„Das Überleben ist für mich selbstverständlich. Ich bin überhaupt nicht daran interessiert, das Limit des Autos zu ignorieren und mein Leben zu riskieren. Niemals. Ich will die Leistungsfähigkeit des Autos komplett ausschöpfen, genau den Punkt treffen." Damit verbunden war auch die Anpassungsfähigkeit an die sich ständig verändernden Rahmenbedingungen (Wetter, Fahrbahnbelag etc.).

Die Formel 1 kann als Teamsport auch symbolisch auf Unternehmensprozesse übertragen werden: Mitarbeiter eines Ressorts oder einer Abteilung können sich wie Schumacher mit dem Ferrari-Team aneinander reiben und gegenseitig abschleifen, bis sich eine Einheit (ein System sich ergänzender Stärken) entwickelt, bis alle mit Vehemenz das gleiche Ziel verfolgen und dieselbe Begeisterung haben.

Schumacher wusste, dass erst die Kombination den Erfolg ermöglicht: „Es kommt nicht nur auf mein Talent an, sondern auch auf mein Team, das übrigens großartig ist. Es ist wie beim Auto: Nicht einzelne Komponenten wie Reifen, Aerodynamik und Motor sind entscheidend, sondern das Gesamtpaket."

Er sah sich jedes gelaufene Rennen in einer Aufzeichnung an, dabei analysierte er nicht nur den Triumph der Vorderen, sondern auch das Geschehen im hinteren Feld. Wenn diese Vorgehensweise auch Führungskräfte beherzigen würden, sähen sie, wie wichtig es ist, gerade in der Erfolgswelle nach eigenen Schwachstellen zu suchen, denn, um noch einmal Schumacher zu zitieren:

„Wer anfängt, im Rausch des Überschwangs nur noch auf sich zu hören und alles selbst zu regeln, der tut den ersten Schritt zurück nach unten. Die Blumen des Sieges gehören in viele Vasen."

Das sind Momente, in denen seine Gedanken nicht nur ein ruhiges Plätzchen in unserem Gedächtnis erbitten, um nachhaltig wirken zu können, sondern einen Schalter in unseren Köpfen umzulegen scheinen, der der uns bewusst macht, worauf es wirklich ankommt: Niemand kann sich entwickeln ohne Liebe und die Beziehung zu anderen. Es geht nicht darum, welchen Sinn „das Leben" hat, sondern welchen Sinn wir ihm geben möchten am Rande des Machbaren und Möglichen.

Weitere Informationen:

Alexandra Hildebrandt: Was wir von Grenzgängern lernen können. Menschen am Rand ihrer Möglichkeiten von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Sponsored by Trentino