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Mensch sein: Darum ist Spielen für Wirtschaft und Gesellschaft ein Gewinn

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GAMES WIRTSCHAFT
Andreas Rentz via Getty Images
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Warum wir am Arbeitsplatz Masken tragen

Wir erfüllen Aufgaben und erreichen Ziele, die meistens andere gesetzt haben, wir spielen verschiedene soziale Rollen am Arbeitsplatz. Sagt der internationale Marketingexperte Tim Leberecht. Der Business-Romantiker wechselt täglich zwischen den „Rollen des Wieso, Was und Wie" hin und her. Die Trennlinien zwischen Strategie und Taktik werden dabei verschoben. Er hat Freude daran, multiple Identitäten auszuprobieren ohne seinen inneren Kern zu verlieren.

Ein Business-Romantiker-Vorstandschef ist für Leberecht kein realitätsferner Wirrkopf, sondern ein Suchender, ein Visionär und „jemand, der verbindet - der mit dem größten Herzen".

(Rollen-)Spiele

Auch wenn der US-Unternehmer Elon Musk vielleicht nicht das größte Herz hat (er tut, was er will, und ist dabei „gnadenlos", sagt seine Exfrau Justine), so zeigt sich an seinem Beispiel, wie wichtig das (Rollen-)Spiel auch für erfolgreiche Menschen wie ihn ist: Musk liebt Maskenbälle. „Bei einem davon erschien er als Ritter verkleidet und focht mit einem Sonnenschirm ein Duell gegen einen Zwerg im Darth-Vader-Kostüm."

Die wichtigste „Rolle" in seinem Leben war allerdings das Leiden: Seine Mitschüler quälten ihn, sein Vater spielte mit ihm „brutale Psychospiele". Schon in seiner Kindheit zeigte sich wie bei Hochbegabten eine außergewöhnlich intellektuelle Tiefe. Später missbrauchte er sich selbst, indem er „unmenschlich viel arbeitete". Ihn trieb immer der Druck, die Welt „reparieren" zu müssen.

Das Wesen des Menschen

Das Spiel gehört für ihn zum Wesen des Menschen, auf das wir auch im Arbeitsleben nicht verzichten können. Denn neben Intelligenz, Hingabefähigkeit und Kreativität gehört auch der Spieltrieb zum Menschen, der neben Angst, Sexualität, Wut, Sorge und Bindungssuche eines der biologisch verankerten primären Affektsysteme bereits bei Säugetieren darstellt.

In seiner Abhandlung „Über die ästhetische Erziehung des Menschen" (1795) definiert Friedrich Schiller das Spiel als das, was den Menschen erst zum Menschen macht: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt."

„Spielen" und „Schauspielen"

Dass „Spielen" und „Schauspielen" nicht nur sprachlich miteinander verwandt sind, zeigt Tim Leberecht auf schöne Weise in seinem Buch. Interessant ist, dass er „echte" und vieldeutige Marken (das gilt auch für die Business-Romantiker selbst) mit der Schauspielerin Greta Garbo vergleicht: Sie ziehen sich zurück - „immer begehrt, aber immer unerreichbar".

Es gibt auch etliche aktuelle Beispiele, die nicht in Leberechts Buch zu finden sind, aber das Gleiche meinen. So antwortete Sven-Eric Bechtolf, ursprünglich Schauspieler (!) und heute künstlerischer Gesamtplaner der Salzburger Festspiele, auf die Frage, ob er gern in der Öffentlichkeit steht:

„Ich habe unserer Pressechefin gesagt, sie müsse mich vertreten, als wäre ich Greta Garbo (!) in ihren späten Jahren, nämlich am besten gar nicht... Hinter der Front kann man ganz wunderbar spazieren gehen..." (ZEIT-Magazin Nr. 360/2015, S. 50).

Produktives Zweifeln

Wer in Unternehmen dem Rollenspiel und der Maskierung nicht negativ gegenübersteht, kann mit sich selbst auch besser umgehen und sich auch einmal in Frage stellen. Produktives Zweifeln hat auch mit Erkenntnis zu tun: Denn wer zweifelt, hinterfragt auch eher und stellt sich selbst auf den Prüfstand. Der Frühaufklärer René Descartes erhob den Zweifel sogar zur Methode der Wahrheitsfindung: „Zweifel ist der Weisheit Anfang."

Gute Schauspieler stellen sich ebenfalls in Frage, maskieren sich gern, weil viele Geschichten in ihnen schlummern und sie auch Selbst-Distanz wahren können. Sie bleiben wie die Business-Romantiker in Unternehmen „trotzdem, auch wenn wir als Larve im Supermarkt einkaufen gehen, immer wir selber", sagte der Schauspieler August Zirner kürzlich in einem VOGUE-Interview (September 2015).

Auch der Moderator Max Moor hat sich lange gefragt: „Spiele ich das, oder bin ich das?" Die Übergänge sind fließend.

Analoge und digitale Welten

Das Charakteristische des Spiels sind vor allem die Veränderbarkeit der Situationen und die Verschiedenheit der Blickpunkte. Soziologisch betrachtet gehört es heute zum Bereich der Freizeit, als Komplement zur Arbeit oder Kompensation. Das spiegelt sich auch in der Produktpräsentation von Handelsunternehmen: „Mit memolife kommt weder bei Kindern noch bei Erwachsenen Langeweile in der Freizeit auf", heißt es im memolife Katalog des Ökoversenders memo AG.

Auffällig im aktuellen IKEA-Katalog 2016 ist die Betonung des analogen Spielens: „Heute bleiben Smartphones und Spielkonsolen im Schrank." Empfohlen werden vor allem Brettspiele und Puzzles, die Kinder in ihrer Entwicklung unterstützen und vor allem Spaß machen.

Veränderte Haltung gegenüber Computerspielen

Dem Thema Spiele widmen sich auch zahlreiche Forschungsinstitute in den USA und Großbritannien. Befördert wird diese Entwicklung vor allem durch eine veränderte Haltung gegenüber Computerspielen (E-Sport). Bereits 2013 haben allein in Deutschland mehr als eine Million Menschen die digitalen Spiele für sich entdeckt.

„Spielen ist wie ein Trieb, ähnlich mächtig wie Sex. Er bestimmt unsere Kindheit, mit seiner Hilfe erkunden wir die Welt, sind begierig nach neuen Erfahrungen. Wenn das Spiel besser läuft als erwartet, schüttet unser Körper das Glückshormon Dopamin aus. Unser Hirn wächst, neue neuronale Verbindungen entstehen." (Du sollst spielen! DER SPIEGEL 3/2014)

Heute nutzen auch immer mehr Kinder den Computer als Spielzeug. Dabei geht es den meisten um die Freude, das Entdecken und die eigene Beteiligung am Lernen. „Die entscheidende Frage ist, warum man etwas lernen sollte" („Das wird ein dramatischer Einschnitt", STERN 8/2007, S. 136), sagte Microsoft-Gründer Bill Gates.

Medienaskese vs. Medienkompetenz

Wenn Eltern ihren Kindern allerdings verbieten, mit Computern zu arbeiten und zu spielen, um sie vor den neuen Medien zu schützen, dann haben sie das Verhältnis von Mensch und Medien nicht verstanden. Statt Medienaskese sollte vielmehr die Medienkompetenz gefördert werden.

Körper und Geist sind erfüllt und befriedigt, wenn ein Wechsel von digitaler und analoger Tätigkeit stattfindet. „Per se möchte ich Computerspiele nicht verurteilen, denn sicherlich gibt es viele, die sinnvoll sind und Spaß machen. Mit der ganzen Familie zusammen muss es ja nicht immer ein Holz-Brettspiel sein. Es ist wie immer im Leben die gute Mischung aus althergebracht und modern und innovativ", sagt Claudia Silber, die beim Ökoversender memo AG die Unternehmenskommunikation leitet.

Pädagogisches Spielzeug

Neben nachhaltigem Babyspielzeug gibt es hier eine breite Auswahl an pädagogischem Spielzeug, das Geschicklichkeit, Reaktionsfähigkeit (z.B. Kugelfangspiel „Trichter") und Kreativität fördert. Viele Spielzeuge wie Fingerkreisel oder das Wikingerschachspiel „Kubb" sind aus FSC-zertifiziertem, naturbelassenem Buchenholz.

Auffällig ist das große memolife Angebot an Gedächtnisspielen („Schattenmonster" oder „Versteckt! Entdeckt?"). Erwähnenswert ist auch der Story Cubes Geschichten-Würfel: Neun Würfel mit witzigen Symbolen dienen als „Geschichtengenerator" für fantasievolle Erzählungen. Stets neue Kombinationen der 54 Bilder ergeben immer neue Storys. Das fördert die Improvisationsgabe, kreatives Denken, Fantasie und die Lust an Sprache, die ebenfalls durch das Gedächtnisspiel „Gemischtes Doppel" angeregt wird.

Spielend die Welt retten

Für Claudia Silber sind vor allem Spiele empfehlenswert, die auch einen Lerneffekt haben. Experimente rund um die Umwelt bietet der "Mini-Umweltkoffer", bei dem aus Kindern kleine Wissenschaftler werden. In dem Köfferchen aus Recyclingkarton finden sich ein Reagenzgläschen aus Polystyrol, drei Teststreifen und eine Anleitung.

Es lassen sich Experimente zur Bodenverschmutzung, zur Ozonbestimmung und zum Nitratgehalt im Wasser durchführen. Der Solar-Bausatz "Windgenerator" enthält ein detailgetreues Modell eines Windrads und benötigt keine Batterien.

„Wechselspiel"

Auch wenn all das nur kleine Beispiele sind, um die Welt zu erklären und zu verändern - sie zeigen zugleich das Geheimnis der Beziehungen zu Mensch und Umwelt. Nur in diesem „Wechselspiel" können wir uns bilden und entfalten.

Denn: „Tief in unseren Köpfen haben wir Ketten, die uns hindern, frei zu denken, zu schauen, zu gehen, zu träumen, zu führen... Deshalb ist eine soziale Ordnung, die nicht auf wechselseitigen Beziehungen gründet, darauf, dass die Menschen sich ergänzen, sondern auf Konkurrenz, Beherrschung und Ausbeutung, zum Scheitern verurteilt." (Jean Ziegler)

Wenn sich Business-Vordenker wie Tim Leberecht für ein anderes Wirtschaftsleben einsetzen, dann haben sie auch das vor Augen: Um Großes zu verändern, braucht es im Kleinen zuweilen auch die Verkleidung, kluge Gewitztheit sowie die Fähigkeit, andere mitzunehmen und in unterschiedlichen Rollen Übersetzungsarbeit im Nachhaltigkeitsbereich zu leisten. Denn es steht viel auf dem Spiel.

Zitierte Literatur:

Ashlee Vance: Elon Musk. Tesla, PayPal, SpaceX. Wie Elon Musk die Welt verändert. Die Biografie. FinanzBuch Verlag, Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH 2015.

Tim Leberecht: Business-Romantiker. Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben. Droemer Verlag München 2015.

Jean Ziegler: Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen. C. Bertelsmann Verlag, München 2015.


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