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Meisterhaft kommunizieren: kurz, präzise, prägnant

09/08/2017 12:25 CEST | Aktualisiert 09/08/2017 12:26 CEST

Interview mit Claus-Peter Niem (Coaching for Coaches)

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Foto und Copyright: Claus-Peter Niem

"Before you even say a word, the team sees your face the look in your eyes, even your walk. Show the face your team needs to see."

Coach Krzyzewski, US-Coach der Basketball-Nationalmannschaft

Herr Niem, was macht die Kunst der Kommunikation für Sie aus?

Kommunikation versorgt Menschen mit Sinn - oder sollte es wenigstens. Sie ist der einzige Weg, eine Gruppe dazu zu bringen, sich für die übergeordneten Ziele einer Organisation einzusetzen, Strategien umzusetzen, Visionen durchzusetzen. Es ist die Kunst eines Führenden, die Botschaften klar und bestimmt zu vermitteln - und sich auf jeder Ebene verbal bewegen zu können, verstanden zu werden; in Ansprachen, Moderationen, einzelnen Unterredungen, bei Gruppengesprächen, Konferenzen, im Small Talk zwischen Tür und Angel oder Feedback- und Entwicklungsgesprächen.

All das geht nur durch angemessene Kommunikation...

Ja, denn nur so können Führende ihre Träume, Vorstellungen und Visionen anderen zugänglich machen, andere für etwas begeistern. Überhaupt sollten sich Begeisterung und Kommunikation einander ergänzen. Je verlockender, je greifbarer eine Vision durch Worte, Bilder und Metaphern kommuniziert wird, desto erfolgsversprechender. Je sinnhafter, desto besser!

Was braucht gute Kommunikation?

Sie benötigt auf allen Ebenen entsprechendes Handwerkszeug. Denn je größer und komplexer ein Team, eine Organisation, desto überzeugender sollte das Auftreten sein - und auf umso mehr Widersacher, Gegenspieler oder Interessensgruppen werden Sie stoßen. Prepared - heißt hier das Zauberwort. Auf alles vorbereitet sein - im Kleinen wie im Großen. Die Hochform: Ein starker Auftritt - inhaltlich wie auch äußerlich.

Welche Rolle spielt Präsenz?

Fußball-Lehrer kennen das Gefühl - und überhaupt alle, die in der Erziehung und Weiterbildung arbeiten oder häufig vor Teams und Publikum präsentieren oder vortragen dürfen: Die Sache mit dem Zuhören... „Spätestens nach 10 Minuten schalten die Jungs ab!", resignierte schon so mancher Bundesligatrainer achselzuckend. Und das, obwohl alle rhetorischen Mittel der Kunst gezogen wurden. Kleine Geschichten, Motivationsfilme, Kopfkino!

Aber Hand aufs Herz: Haben Sie sich nicht auch schon mal bei einem Vortrag gelangweilt? Oder sich geärgert, weil kostbare Zeit verstreicht? Oder sich gedanklich auf Reise begeben - und wenn es nur bis zum eigenen, mit Arbeit vollgestopften Schreibtisch war? Und wer kennt sie nicht, die berühmten Powerpoint-Orgien von Seite 1 bis XY. Im Profifußball ist das nicht anders. Und die Motivationsreden können noch so groß sein - nicht immer erreichen sie die gezielte Wirkung, denn nicht immer sind alle über einen längeren Zeitraum gedanklich online.

Und das zeigt sich hinterher auch beim Training oder im schlimmsten Fall im Spiel auf dem Platz. Unkonzentrierte Aktionen, Anweisungen, die nicht ankommen oder nur unzureichend umgesetzt werden oder ein frühes Gegentor. „Wir waren nicht auf dem Platz," so ein gern zitiertes Argument. Das Ende vom Spiel: Geringer Lernzuwachs, zu viele Standzeiten, Übungen, die ins Leere laufen oder eben eine Niederlage.

Wie gelingt es, in solchen Momenten von Anfang an die Oberhand zu bewahren?

Indem das Auftreten ruhig und bestimmt ist und für für Konzentration und Aufnahmebereitschaft gesorgt und kurze Informationen vermittelt werden, die ankommen und zu 100% umgesetzt werden können - meisterhaft coachen eben.

Was heißt das konkret?

Energetisch und voller Spannkraft zu sein! Jedes Training steht und fällt mit dem Coach! Dazu gehört eine optimale Vorbereitung genauso wie die Gestik, Mimik und Körpersprache. Gehen Sie davon aus, dass Ihr Team unbewusst viel wahrnimmt - und schon ein Blick in Ihre Augen kann verraten, wie Sie sich fühlen. Spieler spüren, ob ein Trainer energetisch und voller Spannkraft auftritt oder ob er mit anderem beschäftigt ist. Achten Sie also darauf, möglichst im Hier und Jetzt zu sein und mit Körperspannung aufzutreten.

Türstehermentalität entwickeln - ruhig und bestimmt! Auch, wenn es sich für den einen oder anderen Führenden zunächst einmal befremdend anhören mag: Hilfreich kann das imaginäre Bild eines Türstehers, der mit beiden Füßen fest und nebeneinander geerdet etwas breiter steht und mit aufrechtem Körper ruhig und bestimmt klare Anweisungen gibt. Seine Arme sind dabei in einem rechten Winkel gebeugt, die Hände geöffnet. Alert! Wachsam!

Weshalb beeindrucken uns geradlinige, präsente Menschen so?

Das wiederum erklärt die Neuropsycholgogie: Es ist in erster Linie die Körpersprache, die beim Gegenüber ankommt und über längere Zeit in Erinnerung bleibt. Gefolgt von der Tonalität Ihrer Stimme (Betonung, Veränderung der Tonlage). Ihre Botschaften, die Sie mit Worten vermitteln möchten, bleiben dagegen am wenigsten hängen und werden meist schnell wieder vergessen.

In Zahlen drückt sich das folgendermaßen aus: Nur rund 7 Prozent der gesprochenen Wörter bleiben beim Zuhörer längere Zeit im Gedächtnis, jedoch zu 38 Prozent die Tonalität der Stimme und gar zu 55 Prozent das äußere Auftreten - also Ihre Gestik, Mimik, Körpersprache.

So, wie der Führende geht oder steht, wird er von seinem Team auch wahrgenommen. Ein aufrecht gehender Coach, geradlinig in seinem Bewegungsablauf, wird auch klar in seiner verbalen Botschaft sein - und erreicht somit die volle Aufmerksamkeit seiner Spieler. Tritt er dagegen energielos auf und lässt die Schultern hängen, fehlt meist auch die Kraft in der Stimme - und die Spieler schalten ab.

Wie können verbale Botschaften vermittelt werden, wenn sie nur in sehr geringem Maße beim Zuhörer haften bleiben?

Meistertrainer haben hier eine Lösung gefunden! Sie lautet: Kurz und prägnant - und ist für alle Übungsleiter sowie Führende, die in Bildungseinrichtungen arbeiten, besonders wertvoll, lassen sich zudem aber auch auf andere Organisationen übertragen.

Welche Bedeutung haben Üben und Wiederholen?

Wissenschaftler haben festgestellt, dass rund 10.000 Stunden Übungspraxis erforderlich sind, um zum Experten zu werden - ganz gleich auf welchem Gebiet. So gesehen sind normal begabte Kinder durchaus in der Lage, sich durch intensive Auseinandersetzung mit einem Thema ihrer Wahl zum Spezialisten zu entwickeln. Natürlich ist ein gewisses Talent immer von Vorteil. Doch alleine die Gene sind nicht ausschlaggebend. Das Zauberwort lautet: Üben, üben, üben.

Was bedeutet das für einen Trainer?

Es bedeutet wiederum, dass dem Üben und Wiederholen eine ganz neue Bedeutung zugemessen wird. War man in den vergangenen Jahren in der Trainingspraxis eher dazu übergangenen, möglichst vielfältige und abwechslungsreiche Trainingsformen anzubieten, steht heute zudem wieder das bloße Automatisieren und reflektierende Üben/ aktives Lernen im Vordergrund - so die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse. Die Hochform: Fehler werden beim Üben erkannt und durch Lösungsmöglichkeiten/ Strategien des Trainers präzisiert.

Trainieren erfolgreiche Trainer anders?

Das haben langjährige Untersuchungen ergeben. Sie halten selten nur Motivationsreden, sind häufig eher ruhig und bestimmt und denken strategisch. Bei Niederlagen suchen sie nicht die Schuld im Pech oder Unvermögen, sondern hinterfragen ihre Arbeit und nutzen Strategien, die sie korrigieren können. Neben ihrem großen Erfahrungsschatz sind sie Experten auf ihrem Gebiet. Sie reden wenig und geben gezielte Anweisungen. Übungen und Abläufe zerlegen Sie präzise in einzelne Bestandteile.

Je präziser Trainer bestimmte Übungsformen in kleinere Einheiten - und hier haben sich drei Schritte als besonders effektiv erwiesen - zerlegen, desto mehr lässt sich eine Aktivität/ Übung verbessern. Die Anweisung sollte darüber hinaus kurz und prägnant sein. Wissenschaftlicher sprechen in diesem Zusammenhang von einer „mentalen/emotionalen Konditionierung" oder anders gesagt von Anweisungen, die das Gehirn besonders gut aufnehmen und umsetzen kann. Sagen Sie zunächst, WAS zu tun ist, erklären Sie in einem zweiten Schritt WIE es zu tun ist, um drittens darauf einzugehen, WIE sich die Aktivität verbessern lässt.

Wie könnte sich das in der Fußballpraxis anhören?

Passe den Ball mit der Innenseite deines Fußes. Standbein neben den Ball! Den Ball genau in der Mitte treffen.

1. Ball mit der Spitze getroffen! Zu tief! Zu unpräzise!

2. Ball in der Mitte treffen! Fußspitze zeigt nach außen! Locker durchschwingen!

Der Großteil einer Anweisung sollte sich immer auf pure Information und Korrektur beschränken, und zwar kurz und knapp! Auch Lob und Kritik sollten immer zielgerichtet sein. Loben Sie also nicht mit den Worten „Das hast du gut gemacht", sondern loben Sie immer die Handlung: „Du hast den Ball sauber gepasst." Und üben Sie auf gleiche Art und Weise Kritik, indem Sie Verbesserungsvorschläge kurz und prägnant äußern.

• 6 % Lob

• 6 % Kritik

• mehr als 78 % pure Information.

Erfolgreiche Trainer, Lehrer oder Mentoren schwingen also keine großen Reden?

Genau, sie dozieren weder stundenlang vor ihrem Publikum noch halten sie Vorlesungen oder Predigten. Unmissverständlich und klar sind ihre Anweisungen. Das kommt an. Der äußerst erfolgreiche Basketballcoach John Wooden ließ in den 70iger Jahren eine Saison lang seine Rhetorik aufzeichnen. Das Ergebnis dieser Studie: Seine Anweisungen waren im Durchschnitt nur 4 Sekunden lang. Die Schlussfolgerung: Coaching ist kein Rethorikseminar - weder in Schule, der Universität oder dem Fußballplatz. Statt dessen wird eine Verbindung zum Lernenden aufgebaut, um nützliche Informationen punktgenau weiter zu geben.

Besonders erfolgreiche Trainer loben und kritisieren wenig. Sie legen ihr Hauptaugenmerk auf pure Information. Sie geben Informationen also immer kurz, knapp, bestimmt sowie in anschaulicher Form weiter und achten dabei auf eine Abfolge von klaren Anweisungen, um Ihre Spieler aktiv in die richtige Richtung zu lenken.

• „Schnelle Pässe. Präzise spielen. Gut Marco, genau so!"

• „Zügiger abgeben. Jetzt!"

• „Dribbeln und sofort den Abschluss suchen!"

• „Ball erobern, umschalten, angreifen!"

• „Suche den Zweikampf! Behaupte dich! Ja, sehr gut, Mirco!"

Die Hochform: Durch kurze und präzise Informationen (Stakato-Rhythmus) alle Spieler im Trainingsfluss halten. Non-Stop-Training - jeder ist in Bewegung.

Zur Person:

Claus-Peter Niem und Karin Helle waren schon immer von der Welt des Fußballs begeistert. Nach ihrem Studium der Pädagogik, Psychologie und Soziologie arbeiteten sie zunächst als Lehrer. 1999/2000 gründeten sie die Agentur Coaching for Coaches in Dortmund. Sie arbeiten seither mit zahlreichen prominenten Sportlern, unter ihnen Jürgen Klinsmann, Joachim Löw, Stefan Kuntz und Sebastian Kehl. 2016 erschien bei Campus ihr Buch „One touch. Was Führungskräfte vom Profifußball lernen können".

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