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Maßstab im Herzen. Warum wir den gesunden Menschenverstand brauchen

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GOOD HEART
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FĂŒhrungskrĂ€fte, die dem gesunden Menschenverstand vertrauen, unterscheiden sich von anderen, die vorwiegend auf antrainierte Managementmethoden setzen, vor allem darin, dass sie ihre Arbeit um das entscheidende Maß „persönlicher" nehmen, intuitiv handeln und niemals mittelmĂ€ĂŸig sind. Arbeit und Leben gehören fĂŒr sie zusammen.

In einer unĂŒbersichtlichen Zeit und offenen Gesellschaft, in der vieles aus den Fugen gerĂ€t, wo Chancen vergeben werden, sich auch abzugrenzen, um das EigentĂŒmliche und Eigensinnige zu bewahren - in einer solchen Zeit ist eine RĂŒckbesinnung auf den gesunden Menschenverstand, der direkt zu Herz und Sinn spricht, nötig und nĂŒtzlich. „Gesund" steht hier fĂŒr „natĂŒrlich" im Sinne von „intuitiv, emotional" - mit Verstand (von „verstehen" von althochdeutsch „firstȃn", im Sinne von „dicht davor stehen"), der hilft, Dinge zu erkennen und zu begreifen.

Es braucht einen Maßstab, um den eigenen Kurs im Leben festzulegen, der hilft, die eigene Existenz neu auszurichten. Viele versprechen Orientierung, aber niemand kann sie geben, weil sie nur von innen kommen kann - genauso wie Motivation, soziales Gewissen und Menschlichkeit. Der gesunde Menschenverstand hilft, mit den Anforderungen moderner FĂŒhrung besser umzugehen. Damit verbunden ist auch die Erkenntnis, dass Informationen kein Machtinstrument und Statussymbol mehr sind, um einen Platz in der Hierarchie zu sichern oder zu erhalten. Charakter und Persönlichkeit sind heute wichtiger als Wissen. Beides ist aber nur zu haben, wenn der Instinkt dafĂŒr nicht verlorengeht, was richtig ist. Wer sich auf sein Inneres verlĂ€sst, ist auch in der Lage, das Richtige zu tun.

Das „Innerste" ist das Herz, weil es das Zentrum der GefĂŒhle ist, wo Leben und Liebe ihren Anfang nehmen. Schon in der Bibel heißt es in 1. Samuel 16, 7: „Denn nicht sieht der Herr auf das, worauf ein Mensch sieht. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an." Literarische Unsterblichkeit erlangte der berĂŒhmte Satz von Antoine de Saint-ExupĂ©ry, dem Autor des Kleinen Prinzen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist fĂŒr die Augen unsichtbar."

Es ist fĂŒr die Augen nicht zu sehen, aber es ist spĂŒrbar, es geht uns an - es ist der „Stoff", aus dem das Leben ist. Der Begriff „gesunder Menschenverstand" geht wie „Gemeinsinn", die französischen Pendants „bon sens" und „sens commun" sowie der englische „common sense" auf den lateinischen Terminus‚ „sensus communis" zurĂŒck. Er ist eine Übersetzung des von Aristoteles geprĂ€gten Begriffs „koine aisthesis" - ein innerer Sinn mit Sitz im Herzen, der die verschiedenen Informationen der Einzelsinne zusammenfasst und beurteilt.

Kann jemand eine gute FĂŒhrungskraft sein, wenn er kein großes Herz hat? Wenn ihm die Gabe fehlt, es „sprechen" zu lassen, es in seine Gestaltungen einzuschließen? Wohl kaum. Großes hinterlassen können nur Menschen mit einer intensiven Hingabe - an Menschen, ihre Gedanken, an das, was sie tun und an ihre Vision. Sie sind intuitiv und dennoch inspiriert. Ohne es zu wissen, schreibt Jay Elliot ĂŒber Steve Jobs, befolgte der Apple-GrĂŒnder den Rat Einsteins: „Folge dem Mysteriösen." Auch in BewerbungsgesprĂ€chen waren ihm Talent, Leidenschaft und SpĂŒrsinn wichtiger waren als die Tatsache, dass Technologie in der bisherigen Arbeit der Bewerber kein Schwerpunkt gewesen war.

„Ich wundere mich oft und bin auch oft bestĂŒrzt, wie wenig Menschen im tĂ€glichen Leben ihren gesunden Menschenverstand einsetzen. Vielleicht kommt das daher, dass wir schon viel zu sehr ans ‚Folgen' gewöhnt sind und nicht mehr selbst die Richtung bestimmen (wollen und/oder können). Sicherlich ist es nicht leicht, manche Entscheidungen zu treffen. Aber es gibt doch eigentlich fast immer die Möglichkeit, einmal ‚eine Nacht darĂŒber zu schlafen' und dann Bauch, Herz und Verstand gemeinsam entscheiden zu lassen. Aus diesem Grund wundern mich viele Diskussionen nicht, die wir tĂ€glich fĂŒhren oder die gefĂŒhrt werden - beispielsweise in der Politik oder auch zu gesellschaftlichen Themen", sagt Claudia Silber, Leiterin Unternehmenskommunikation bei der memo AG in Greußenheim.

In der Moralphilosophie des deutschen AufklĂ€rungsphilosophen Immanuel Kant spielt der gesunde Menschenverstand eine wichtige Rolle, denn in Fragen der Moral urteile dieser oft richtiger als die Wissenschaft. Ihn zu besitzen sei ein Geschenk des Himmels. Kant formuliert drei Maximen fĂŒr den erfolgreichen Gebrauch des gesunden Menschenverstands:

1. „Selbstdenken"
2. „An der Stelle jedes andern denken"
3. „Jederzeit mit sich selbst einstimmig denken"


Es ist kein Zufall, dass heute vor allem BĂŒcher wie „Selbstdenken. Eine Anleitung zum Widerstand" (2013) von Harald Welzer den Nerv unserer Zeit treffen. Sie sind eine großartige UnterstĂŒtzung, mehr auf den gesunden Menschenverstand zu bauen, um innerlich stabil zu bleiben und auf „echte" Persönlichkeiten zu setzen, bei der Sein und Tun wie zwei Muschelschalen aneinander gelötet sind. Diese Menschen fallen heute vor allem deshalb auf, weil es so wenige von ihnen gibt.

Ein aktuelles Beispiel fĂŒr das Gegenteil findet sich im Beitrag „Mit durchgedrĂŒcktem Kreuz" (DIE ZEIT, 12.6.2014), in dem der Teammanager der deutschen Nationalmannschaft Oliver Bierhoff portrĂ€tiert wird. Es heißt darin, dass er nicht zu durchschauen ist, zum Greifen nah wirkt und doch so fern ist. Und er sich oft fragt, warum anderen die Sympathien einfach zufliegen und er sich immer wieder neu „beweisen" muss. In diesem Wort liegt schon die erste Schwierigkeit: der eigene Druck, gefallen zu mĂŒssen, einem Muster zu entsprechen. Bierhoff betont, dass er lange braucht, um vom „Managertypus" zum „Menschen" umzuschalten. Das ist die Bruchstelle: Menschen spĂŒren, wenn jemand nicht 1:1 ist und zeigen das auch. Mediengeschulte glatte „Managertypen", die sich möglichst nicht in rhetorische Gefahrenzonen begeben, werden in einer Gesellschaft, die sich selbst immer wieder erneuern muss, um zukunftsfĂ€hig zu sein, nicht gebraucht. Nur „echte" Menschen sind in der Lage, sich selbst und andere zu bewegen.