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Marathon laufen: Warum das neue Wir-Gefühl auf der Strecke liegt

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RUNNING
Adam Orzechowski via Getty Images
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„Wenn du laufen willst, lauf eine Meile. Wenn du ein neues Leben willst, lauf Marathon." (Emil Zátopek)

Laufen ist gut. Im Rudel und mit Freunden laufen ist besser. Besonders Männer mögen es, im Rudel zu laufen, weil sie hier unter sich sind und „neben dem eigentlichen Laufpensum jede Menge Männerrituale absolvieren, wie sie im Alltag längst nicht mehr so direkt auszuleben sind", schreibt Matthias Politycki in seinem aktuellen Buch „42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken".

Es ist für Läufer und Laufinteressierte geschrieben, die sich nicht nur mit Trainingsplänen, Nahrungsmittelzusätzen und der neuesten Generation an Laufschuhen beschäftigen, sondern auch damit, was hinter dem Lauf steht: Antrieb, Sehnsucht und die Frage, worauf wir eigentlich alle zulaufen - jenseits von Ziellinien.

Der Autor selbst bezeichnet sich im Zeitalter der Selbstoptimierung als Gemeinschaftsläufer. Sein Buch ist ein Plädoyer für mehr „Gemeinschaftsgefühl", das früher selbstverständlich war und heute wieder neu eingefordert werden sollte.

Dabei geht es ihm nicht um den virtuellen „Community"-Gedanken (der für ihn „eher ein Phantom des Marathonmarketings" ist), sondern um die real existierende Gemeinschaft der eigenen Läufergruppe.

„Laufen ist aber auch etwas, um sich selbst nahe zu kommen: sowohl körperlich als auch geistig, was für den nachhaltigen Zusammenhalt unserer Gesellschaft enorm wichtig ist", sagt die Ex-Bundesligaspielerin und Marathonläuferin Tanja Walther-Ahrens, die gerade am 41. TCS Amsterdam Marathon teilgenommen hat. Nur wer sich selbst kennt, versteht auch die anderen.

Selbst wenn nicht alle Laufkumpel Freunde sind, so gibt es doch eine verlässliche Verbindung zwischen ihnen in der Läuferclique. Alle freuen sich auf- und miteinander.

Und während sie gemeinsam laufen, stellt sich das ein, „was vor Jahrmillionen die Geborgenheit der Urhorde gewesen sein muß" (Politycki). Heute wird es als Mannschafts- oder Teamgeist bezeichnet.

„Alleine Laufen ist doof. Einer Gruppe hinterher hecheln genauso", sagt die Extremsportlerin Nadine Wolff. Sie gehört zur Generation Y und machte 2009 ihr Hobby zum Beruf, indem sie ihre Firma „Wolff Sports. Grenzen erreichen & Neues entdecken" gründete.

Als Personaltrainerin coacht sie nicht nur Triathleten, Schwimmer und Läufer, sondern ist auch Veranstalterin von zwei jährlichen Ultraläufen. 2012 finishte sie u.a. den Tough Guy in England, 2013 den Transalpine Run und 2015 Transvulcania.

Ihre Berufung ist geprägt von T. S. Eliot: „Nur diejenigen, die riskieren, zu weit zu gehen, können herausfinden, wie weit sie gehen können."

Die staatlich geprüfte Trainerin und Fachtrainerin für Ausdauersport gründete auch den „Wolff´s Rudel Lauftreff Mittelfranken", bei dem es ebenfalls um den Gemeinschaftsgedanken geht. Das Motto lautet: „Kommen, ausprobieren, dabei sein".

Kürzlich führte sie in ihrem „Rudel" eine Umfrage durch, deren Ergebnisse eindeutig sind. Alle Befragten äußerten, dass ihnen folgende Aspekte besonders wichtig sind: der Austausch mit Gleichgesinnten, Spaß, Motivation und gegenseitige Inspiration, Zusammenhalt, gegenseitige Hilfsbereitschaft, echte Anerkennung, Verantwortungsübernahme und gemeinsame Ziele.

Wer in seiner komplexen Arbeitswelt mehr Mitbestimmung fordert und den Verzicht auf Hierarchien, sucht in seiner Freizeit oft das Gegenteil. Hier wird genau das genossen, was im Job keine Akzeptanz finden würde.

So gibt es im Sport keine „flachen Hierarchien" - und es bereitet vielen sogar Befriedigung, nach einer harten Einheit von einem „absoluten Herrscher" (Politycki) gelobt zu werden.

Menschen brauchen Struktur und Ordnung, weil sie sich sonst verlieren in einer Welt, die immer unüberschaubarer und „voller" wird. Etwa 20 Millionen Deutsche laufen regelmäßig - nicht nur, um abzunehmen, sondern auch, um wieder klare Gedanken zu fassen und innerlich aufzuräumen.

Nach dem Laufen kann der leere Kopf wieder neu gefüllt werden. Einige Menschen vergleichen Laufen sogar mit Beten. Es gibt also gute Gründe dafür, warum es heute Volkssport Nummer 1 ist.

Weitere Informationen:

Warum Laufen unsere Leistungsgesellschaft auf den Punkt bringt


Weltläufig: Was Frauen heute bewegt

Der New York Marathon - der Lauf des Lebens

Nadine Wollf bei den Burgthanner Dialogen 2016

Michael W. Austin und Peter Reichenbach (Hg.): Philosophie des Laufens. Mairisch Verlag, Hamburg 2015.

Matthias Politycki: 42,195. Warum wir Marathon laufen und was wir dabei denken. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2015.

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