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Starke Heimat: So werden lokale Gemeinschaften heute wirtschaftlich gestärkt

09/08/2015 18:56 CEST | Aktualisiert 09/08/2016 11:12 CEST
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Was uns antreibt

Mit der Kampagne "Jeder Mensch hat etwas, das ihn antreibt" haben die Berliner Agentur Heimat sowie der Bundesverband der Volksbanken und Raiffeisenbanken nicht nur eine „Benchmark in Sachen Finanzwerbung" gesetzt, sondern auch auf die Sinnfrage verwiesen: Warum wir etwas tun. Und warum es wichtig ist, im großen Maßstab zu denken und im Kleinen zu handeln.

Um eine bessere Welt zu schaffen, brauchen wir zunächst eine Vorstellung davon, warum wir etwas tun oder unterlassen, und was uns die Kraft gibt, unseren Weg zu gehen.

Kampagnen wie die genannte zeigen, dass nur die Menschen vor Ort mit einem starken inneren Antrieb und hochgekrämpelten Ärmeln die entscheidenden Macher/innen sind, die „neue Ansätze einer lokalen, resilienten Wirtschaft Realität" werden lassen.

Die Resilienz einer Gemeinschaft wird nach Ansicht des britischen Umweltaktivisten Rob Hopkins am besten durch die Handlungs- und Projektmöglichkeiten beschrieben, die eine Kommune zur Verfügung hat. Resilienz ist für ihn ein Maß dafür, wie sich in Zeiten wachsender Unsicherheiten das Gefühl verstärkt, über verschiedenste Optionen verfügen zu können.

Diese Entwicklung bestätigt auch die kanadische Journalistin Naomi Klein. In ihrem aktuellen Buch „Die Entscheidung" zitiert sie dazu den Umweltautor und -analytiker David Roberts, der befindet: Die Voraussetzungen für Resilienz" seien „sich überschneidende gesellschaftliche und bürgerschaftliche Zirkel, mit Menschen, die einander kennen und sich umeinander kümmern, weil sie in enger Nachbarschaft wohnen und sich gemeinsame Räume teilen."

Es geht künftig immer mehr darum, Wege zu finden, wie sich die öffentliche Sphäre ausdehnen lässt und die fürsorgliche Bürgerbeteiligung, die auf eine breit akzeptierte Lösung für gesellschaftliche Herausforderungen setzt, gesteigert werden kann.

Vor allem Kleinstädte zeigen das auf vorbildliche Weise, wie es sich am Beispiel der Transition-Town-Bewegung ablesen lässt. Es ist vielfach erwiesen, dass resiliente Gemeinschaften, in denen sich Menschen für ihre Nachbarn und ihre Umwelt verantwortlich fühlten und ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl hatten, eher in der Lage waren, Krisen zu bewältigen.

„Die Kommunen", fordert die Globalisierungskritikerin Naomi Klein, „sollten mit neuen Instrumenten und Befugnissen ausgestattet werden, mit denen sie die für sie geeignetsten Methoden entwickeln können".

Warum Genossenschaften besonders krisenfest sind und einen Gründerboom erleben

Kommunen kommt beim nachhaltigen Wirtschaften eine wichtige Rolle zu, weil sie entscheidend zur Zukunftsentwicklung beitragen können, indem regionale Wirtschaftskreisläufe gestärkt werden.

Städte und Gemeinden erhalten die finanzielle Basis zur Erfüllung ihrer Aufgaben vor allem über Gebühren und Beiträge („Entgelte"), Steuereinnahmen und Finanzzuweisungen.

Gerade in Krisenzeiten kann es für Kommunen zu erheblichen Einnahmelöchern bei der Gewerbesteuer kommen. Wenn die Kassen knapp sind, fallen häufig auch freiwillige Leistungen weg oder werden heruntergefahren. Betroffen ist im Kleinen vor allem die Förderung der Kinder- und Jugendarbeit - und im Großen das gesamte Thema Nachhaltigkeit.

So sehen zwei Drittel der Städte und Gemeinden in ihrer angespannten Haushaltslage „das größte Hindernis für die Realisierung von Nachhaltigkeitsvorhaben".

Die kommunale Finanznot ist für viele Bürger der Grund, sich nachhaltig zu engagieren. Doch wie können lokale und regionale nachhaltige Projekte auch in schwierigen Zeiten gefördert werden? Wie gelingt es, die Bürgerschaft aktiv einzubinden, den kommunalen Haushalt zu entlasten und die Wertschöpfung in der Region zu stärken?

Immer mehr Menschen organisieren sich inzwischen in Genossenschaften, die dazu beitragen, den Einfluss auf die Kommunalpolitik zu stärken. Sie sind auf langfristigen Erfolg ausgerichtet und nicht auf eine kurzfristige Kapitalrendite.

Zudem bieten sie den Vorteil, dass sich alle Beteiligten vor Ort aktiv einbringen und mitbestimmen können. Die Leistungen kommen den Mitgliedern selbst, aber auch den Menschen in der Region zugute.

„Mehrere kleine Kräfte vereint bilden eine große Kraft, und was man nicht allein durchsetzen kann, dazu soll man sich mit anderen verbinden."

Das sagte einst Hermann Schulze-Delitzsch (1808-1883), der Gründervater des Genossenschaftswesens, der schon vor 150 Jahren die Bedeutung von Kooperationen und Netzwerken zur Bewältigung der wirtschaftlichen und sozialpolitischen Herausforderungen erkannt hat. Dieses Prinzip der Nachhaltigkeit ist heute noch immer aktuell.

Ja, es ist sogar erwiesen, dass Genossenschaften oft sogar besser als Kommunen arbeiten: „Niedrigere Kosten, mehr Transparenz und Mitbestimmung seien die wesentlichen Vorteile", sagt Richard Reichel, Geschäftsführer des Forschungsinstituts für Genossenschaftswesen an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Infolge der Finanzkrise und des neuen Genossenschaftsgesetzes rechnet er sogar mit einer Welle weiterer Neugründungen und steigender Mitgliederzahlen. Kommunen ist es auch nicht gestattet, in größerem Umfang Kredite von ihren Bürgern zu nehmen - über eine Genossenschaft ist dies jedoch über die Mitgliedseinlagen möglich.

„Wie wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen"

Von der Genossenschaftsidee ist auch Andreas Marth, Stifter und Sprecher der green blue social you Stiftung überzeugt. Bislang ist es so, dass hier Aufgaben und Kapital klar getrennt werden:

„In der Treuhandstiftung befindet sich das Stiftungsvermögen, das nicht geschmälert werden darf. Die gemeinnützig anerkannte green blue social you gGmbH verwaltet als Treuhänder (Träger) unentgeltlich die Stiftung und setzt Projekte um", so Marth.

Alle Fördergelder fließen in einen Sozial- und Bildungsfonds sowie in den Umweltfonds. Aus dem Sozial- und Bildungsfonds werden Projekte des Schulamts und des Amts für Soziales der jeweiligen Region unterstützt sowie des eigenen Projekts „Korbinian", das Kinder aus benachteiligten Elternhäusern in schulischen Belangen unterschiedlicher Art unterstützt. Aus dem Umweltfonds werden Projekte des Umweltamtes der Region finanziert.

Beide Fonds sind ortsgebunden, werden also ausschließlich am Standort bzw. Firmensitz der Förderer investiert. Alle Förderbeträge gehen auf die EthikBank.

Die Verantwortlichen wählten eine Bank, bei deren Geschäften vor allem die gesellschaftliche Verantwortung im Fokus steht ("sozialökologische Anlagepolitik"), die ihre Anlagepolitik - mit der sie aktiv Einfluss auf eine nachhaltige Wirtschaft nimmt ("Ethik-Kompass") - transparent macht ("gläserne Bank") und „bei der der Vorstand für uns als Kunde erreichbar bleibt, die unsere Anforderungen versteht und mit uns gemeinsam Lösungen sucht, die unseren Förderern und Stiftern und uns ein gutes Gefühl gibt."

Über die Homepage und über Facebook-Seite werden die Förderer und Unterstützer zeitnah über den Stand der Projekte informiert. Zudem dokumentiert ein jährlich erscheinender Nachhaltigkeitsbericht das jeweilige Engagement.

Die Inhalte des Engagements spiegeln sich auch im Namen wieder: „green" (Umweltschutz), blue (Gewässerschutz), „social" (soziales Engagement und gesellschaftliche Verantwortung), „you" (es kommt auf jeden Einzelnen, aber auch auf Unternehmen, die nachhaltig von Menschen geprägt werden).

Das Leitbild der Stiftung baut auf dem Slogan „Die Kraft der Wirtschaft für Ihre Region" auf, „dass wir uns gemeinsam mit lokalen Unternehmen vor Ort für die Förderung von Bildung, Sozialem und Umweltschutz engagieren", sagt Andreas Marth.

Kleine und mittelständische Unternehmen können sich als Förderer oder Stifter (ausschließlich Unternehmen, keine Privatpersonen) im Rahmen ihrer Möglichkeiten und unter Berücksichtigung ihrer Rahmenbedingungen und Bedürfnisse für die Gemeinschaft einsetzen.

Unter dem gemeinsamen Dach können sie „geschaffene Werte für Bürger, Kunden und Politik sichtbar machen und werden positiv wahrgenommen. Förderbeiträge fließen in Projekte von Städten und Gemeinden und kommen dadurch direkt der positiven Entwicklung der Region und der Gesellschaft zugute."

Die Idee des „Engagements vor Ort" soll weiter ausgebaut werden. Deshalb werden in Zukunft aus dem Sozial- und Bildungsfonds vor allem Projekte des Sozial- und Schulamtes finanziert und aus dem Umweltfonds Projekte des Umweltamtes.

Zudem soll die Stiftung in eine Genossenschaft eingehen, um lokal Aktivitäten und Innovationen noch nachhaltiger zu fördern und zu zeigen, dass Zukunft das ist, was wir vor allem regional gemeinsam daraus machen. Jetzt.

Literatur:

Rob Hopkins: Einfach. Jetzt. Machen! Wie wir unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen. Oekom Verlag München, 2014.

Naomi Klein: Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015.


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