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Lifestyle des Loslassens: Die gute Idee hinter Sharing Economy

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Sharing Economy, der Lifestyle des Loslassens (Lifestyle of Relief and Fun), steht für einen konsumorientierten Lebensstil, in dem weniger Besitz, Genuss und Verantwortung keine Gegensätze mehr sind. Er beschreibt das systematische Ausleihen beziehungsweise das gegenseitige Bereitstellen von Produkten und Flächen. Das gemeinsame Nutzen von Wohnräumen ist besondere in Städten beliebt. Durch die Digitalisierung erlebte diese Entwicklung einen enormen Aufschwung, entfaltete ungeahnte Kräfte und gewann an ökonomischer Bedeutung. Hinzu kommt, dass die Sharing-Generation auch materiell in weniger sicheren Verhältnissen lebt als die Generationen vor ihr.

Wer tauscht, teilt, ausleiht oder Dinge verschenkt, schont nicht nur Umwelt und Ressourcen, sondern sorgt dafür, dass Produkte intensiver genutzt werden. Neben dem ökonomischen und ökologischen Vorteil ist auch der soziale nicht zu vernachlässigen, denn gemeinsamer Austausch und die Pflege von Netzwerken geben auch in Krisenzeiten auch Halt.

Auch wenn Sharing-Angebote in den vergangenen Jahren immer beliebter wurden, kam es zu Entwicklungen, die mit Nachhaltigkeit wenig zu tun haben, etwa wenn sich Sharing Economy mit der Start-up-, On-Demand- und der Gig-Economy verbindet und Teil des so genannten Plattformkapitalismus wird: Hier bringen innovative Web- und App-basierte Plattformen Käufer und Verkäufer von Waren, Aufträgen und Dienstleistungen zusammen. Die Betreiberunternehmen der Plattformen erheben eine Vermittlungsgebühr. Diese virtuellen On-Demand-Internetgeschäfte haben rund um die Uhr geöffnet.

„Die Idee der Sharing Economy klingt total super - umweltpolitisch korrekt, überparteilich, anti-individualistisch, und das alles eingehüllt in das kuschlig warme Vokabular des ‚Teilens'. Was kann man daran nicht mögen?", fragt der US-amerikanischer Kolumnist, Autor und Politikexperte Steven Hill. In seinem Buch „Die Start-up-Illusion" zeigt er an zahlreichen Beispielen, dass „die gar nicht so teilende ‚Sharing' Economy den Rückschritt in die ungesicherte Selbstständigkeit und die Akkordarbeit des 19. Jahrhunderts" ist. Das hat seiner Meinung nach nicht nur Auswirkungen auf die Arbeitnehmer und die Erwerbsbevölkerung als Ganzes, sondern auch auf die Unternehmen selbst, die großen Umbrüchen unterliegen, die unter anderem ihre Geschäftsmodelle grundlegend infrage stellen.

Airbnb listet für Berlin über 15 000 Wohneinheiten auf (Stand: 2016), 61 Prozent davon sind ganze Wohnungen oder Häuser - nicht einzelne Zimmer! Eine Vielzahl wird von Profis verwaltet und dem Wohnungsmarkt entzogen, was zu steigenden Mieten in Berlin führt. Airbnb kann auf diese Daten zugreifen und ist sich darüber im Klaren, „dass es gegen kommunales Recht verstößt, tut aber wenig, um dies zu ändern - beispielsweise durch den Ausschluss von Immobilienfirmen von der Vermittlungsplattform." Der Grund ist für Hill offensichtlich: Die 30-Milliarden-US-Dollar-Bewertung Airbnbs resultiert vor allem aus den Einnahmen durch diese Profis. Der Kern dieses Geschäftsmodells hat demnach nichts mit „Sharing" zu tun.

Trotz dieser Entwicklungen hat richtig verstandene Sharing Economy mehr Vor- als Nachteile. Schon der Gedanke lohnt sich, häufiger über ein Tausch- oder Teilgeschäft nachzudenken, statt in etwas Neues zu investieren.

Gerade bei Baby- und Kinderkleidung empfiehlt es sich, auf Kindermärkten, auf Second-Hand-Basaren und im Internet nach gebrauchter Kleidung zu suchen. Einerseits wachsen Kleinkinder sehr schnell aus ihrer Kleidung heraus, dass diese kaum Gebrauchsspuren haben; andererseits sind die Kleidungsstücke schon häufig gewaschen worden und enthalten deshalb im Vergleich zu Neuware kaum Schadstoffe. Bei entsprechender Materialqualität verziehen sich die Kleidungsstücke beim Waschen nicht so schnell und gehen nicht ein. Fündig wird man z. B. auf mamikreisel.de.

Räubersachen-Gründerin Astrid Brederbek arbeitet mit sorgfältig ausgewählten Herstellern zusammen. Zur Miete werden nur Materialien und Kleidungsstücke angeboten, die für die eigenen Kinder für gut befunden wurden. Aber auch soziale und ökologische Aspekte spielen eine wichtige Rolle: eine umweltschonende Herstellung, die Verwendung natürlicher Materialien sowie soziales Engagement der potenziellen Partner sind Voraussetzungen für eine Kooperation wie nachhaltiges Design und Haltbarkeit der Produkte. Von Bodys und Stramplern über Jacken und Mützen bis hin zu Schuhen ist hier alles zu finden, was Kinder brauchen. Die Kleidung kann aber auch länger genutzt werden, und wenn ein Kleidungsstück ganz besonders gut gefällt, kann es auch gekauft werden. Die Kosten der Miete ist abhängig vom Zustand der jeweiligen Kleidung.

Bei Kleiderkreisel, Zamaro oder auf anderen Internet-Börsen können alten Kleidungsstücke online gegen die Kleidung anderer Menschen getauscht werden. Kleiderkorp und Mädchenflohmarkt funktionieren ebenfalls nach dem Flohmarkt-Prinzip.

Bei Tictail kann ein eigener Webshop zum Verkaufen von Kleidung erstellt werden. Die DIY-Plattformen Etsy und DaWanda bieten neben handgefertigten Dingen auch gebrauchte Mode an. Unter dem Motto „Tauschen statt kaufen" werden heute in vielen Städten Kleidertausch-Partys durchgeführt. LifeThek funktioniert wie eine Bibliothek für Dinge des täglichen Lebens: Hier können Alltagsdinge vom Bollerwagen bis Beamer ausgeliehen werden.

Wer in Dinge investiert, ist selten glücklich, denn die wichtigsten Dinge sind ja sowieso keine, sagt der Businessexperte Hermann Scherer und verweist auf Plinius d. Älteren, der etwa 2000 Jahre vor der Einführung des iPhones bemerkte: „Dinge, die wir besitzen, bewahren selten den Zauber, den Sie hatten, als wir sie erstrebten."

Weiterführende Literatur:

Steven Hill: Die Start-up-Illusion. Wie die Internet-Ökonomie unseren Sozialstaat ruiniert. Droemer Knaur, München 2017.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Gut in Mode: Wissenswertes über nachhaltige Bekleidung und Textilien. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Von Lebensdingen: Eine verantwortungsvolle Auswahl. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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