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Lernzentriert statt technikfokussiert: Vom richtigen Umgang mit der Digitalisierung

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DIGITAL LEARNING
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Bestehende Berufe müssen im Digitalisierungs- und Komplexitätszeitalter neu gedacht und neue Berufsfelder definiert werden, in denen Mensch und Maschine nachhaltig und leistungsstark zusammenarbeiten können. Die Grundprinzipien von und die Arbeit mit Systemen im jeweiligen Berufsfeld zu lernen sind auch wichtige Bestandteil in der zukünftigen Ausbildung.

Vor allem aber wird es künftig darauf ankommen, jene Fertigkeiten verstärkt auszubilden, die künstliche Systeme nicht so gut übernehmen können - Kompetenzen, die nicht nur ein zielführendes, sondern ein verantwortungsvolles Handeln ermöglichen. Dafür braucht es nicht nur Führungsbildung, die auf funktionaler, emotionaler und strategischer Befähigung basiert, sondern auch Können und Meisterschaft.

Denn wer mit intelligenten Werkzeugen arbeitet, muss auch befähigt werden, deren Leistungen und Ergebnisse richtig einzuschätzen. „Schon heute können viele Manager, Börsenhändler und andere nicht erklären, wie die Ergebnisse der von ihnen genutzten Tools zustande kommen. Trotzdem basieren zum Teil gravierende Entscheidungen auf diesen Ergebnissen", bemerken Thomas Klauß und Annika Mierke in ihrem lesenswerten Buch „Szenarien einer digitalen Welt - heute und morgen", in dem sie sich mit den wichtigsten Fragen der digitalen Transformation beschäftigen: Was bedeutet digitale Transformation, wie und wo äußert sie sich? Wie wirken sich bereits heute Hardware, Software und digitale Services auf uns, unser privates, geschäftliches und gesellschaftliches, kulturelles und politisches Umfeld aus? Wie beeinflusst die Digitalisierung unsere sozialen Beziehungen, unsere Arbeit, Mobilität, unser Zuhause, Gesundheits-, Freizeit-, Medien-, Konsumverhalten und Engagement? Was verändert sich, was entsteht und was verschwindet? Worauf können oder müssen wir uns einstellen und was können und sollten wir tun? Welche Bedeutung haben Lernen, Wissen und Können?

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„Bildung ist ihrem Wesen nach analog. Mit digitalen Medien und Methoden indes kann man sie ergänzen, vertiefen und ausbreiten", sagt der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz, auf den im Bildungskapitel des Buches verwiesen wird. Es ist wert, besonders hervorgehoben zu werden, weil es sich einem der wichtigsten Aspekte in der Digitalisierungsdebatte widmet: der Bedeutung des Lernzentriertseins.

Die Autoren verweisen auf einen israelischen Hightech-Kindergarten, in dem Robotik-Unterricht und Programmieren zum Alltag gehören. Spracherziehung kommt erst an zweiter Stelle. Einige Kinder können zwar programmieren, aber weder lesen noch schreiben.

Thomas Klauß und Annika Mierke sind davon überzeugt, dass ein schlüssiges Unterrichtskonzept wichtiger ist als der „planlose Einsatz von Informationstechnologien". Leider wird häufig der Fehler gemacht, dass instrumentelle kindliche Fähigkeiten mit Kompetenz verwechselt werden.

Kompetenz basiert jedoch auf selbst organisiertem Lernen und ist eng mit dem Konzept des aktiven Lernens verbunden. Dazu bedarf es entsprechender Lernumgebungen, die auch prominente Vertreter der IT-Elite betonen. Es ist kein Zufall, dass darunter auffallend viele Montessori-Schüler Baumeister der Digitalisierung sind, darunter Bill Gates, Mark Zuckerberg Sergey Brin, Jeff Bezos, Jimmy Wales und Google-Gründer Larry Page, der rückblickend auf seine Schulzeit bemerkt, dass es Teil des Unterrichts in der Montessori-Schule war, „nicht Regeln und Anweisungen zu folgen, sondern selbstmotiviert Fragen über die Welt zu stellen und Dinge ein bisschen anders zu machen."

In der Steve Jobs School in Amsterdam gibt es beispielsweise eine Bibliothek mit Selbstlernraum und einen Ruheraum. Tablets werden vor allem für die Planung des Unterrichts eingesetzt und ermöglichen es den Schülern auch, selbstbestimmt zu lernen und zu entscheiden, ob sie in der Gruppe im Klassenraum lernen möchten oder im Selbstlernbereich.

Diese Grundlagen werden in der aktuellen Diskussion um Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung oft vernachlässigt. Stattdessen wird die ausschließliche Förderung der MINT-Fächer und mathematisch-logischer Kompetenzen (z.B. in den Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften ) betont. Das führt jedoch in die Sackgasse, wie auch zahlreiche Beispiele bei Klauß und Mierke belegen.

Personalexperten wie Dipl.-Ing. (FH) Werner Neumüller von der Neumüller Ingenieurbüro GmbH betonen nicht nur die Notwendigkeit eines breiteren interdisziplinären Ansatzes, sondern auch die Bedeutung des Tuns, denn ohne anpackende Menschen, die klug und pragmatisch die Welt gestalten, kann sich eine Gesellschaft nicht nachhaltig entwickeln und innovativ sein. Mit der Hand begreifen und gestalten wir die Welt. Wer dies vernachlässigt, wird die Herausforderungen unserer Zeit nicht meistern können und lediglich in der Welt „hantieren".

In seinem Buch „Tun statt reden" beschäftigt sich Werner Neumüller vor diesem Hintergrund nicht nur mit künftigen betrieblichen Abläufen und Organisationsstrukturen aus und betrieblichen Karrierewegen, sondern auch mit der Frage, warum Wissen ohne Können wertlos los.

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Dem dualen Studium mit vertiefter Praxis kommt dabei eine wesentliche Bedeutung zu: Es schafft Unternehmen die Möglichkeit, attraktive Ausbildungsprogramme für Schulabgänger mit Hochschulreife zu bieten und damit dem Fachkräftemangel entgegen zu treten sowie den richtigen Führungskräftenachwuchs für Unternehmen zu gewinnen. Denn mit Uni-Studenten von der Stange ist keine deutsche Meisterschaft zu gewinnen.

Weiterführende Literatur:

Thomas Klauß und Annika Mierke: Szenarien einer digitalen Welt - heute und morgen. Hanser Verlag. München 2017.

Werner Neumüller: Tun statt reden.: Personalverantwortung 21.0 von A bis Z (mit Alexandra Hildebrandt). Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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