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Leonardo-Effekte 21.0: Warum wir keine Angst vor Technik haben sollten

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LEONARDO
EdnaM via Getty Images
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Verstehen statt fürchten

„Man braucht nichts im Leben zu fürchten, man muss nur alles verstehen." Diesen Satz der polnischen Physikerin und Nobelpreisträgerin Marie Curie zitierte kürzlich Claudia Nemat, Vorstandsmitglied bei der Deutschen Telekom AG für Technologie und Innovation, im SPIEGEL-Interview (42/2017). Sie bemerkt zu Recht, dass wir mehr Menschen brauchen, die keine Angst vor Technik und Digitalisierung haben. Dafür sei es wichtig, dass bereits in der Schule die Neugier geweckt wird.

„Was wäre der Mensch ohne die Neugier seines Geistes?" (Marie Curie)

Ohne Erkenntnisdrang und Forschung gibt es keine Technik, ohne Versuch und Irrtum keine Wissenschaft, und ohne Interesse am anderen gibt es keine persönliche Anteilnahme. Neugier prägte auch den Weg der Wissenschaftlerin Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT und Leiterin des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe. In ihrer Entwicklung erhielt sie von der technologischen Seite immer Anreize, um ihre Neugier ausleben zu können und gleichzeitig die ökonomische Perspektive einfließen zu lassen.

Neugier ist für sie deshalb so wichtig, weil sie immer wieder dazu motiviert, den Dingen nachzuspüren und die Hintergründe komplexer Sachverhalte aufzudecken. Sie geht herausragenden Leistungen voraus. Diesen Rat gibt sie auch an ihre Studierenden, Doktoranden und Mitarbeiter weiter: „Offen und neugierig zu sein ist eine wichtige Voraussetzung für die Entstehung innovativer Ideen und Impulse."

Neugier gehört heute aber auch zur DNA innovativer Unternehmen. „Für Leader ist der Lernprozess nie abgeschlossen, denn sie wollen sich stetig verbessern", heißt es in den 14 Führungsprinzipien von Amazon. „Neuen Möglichkeiten begegnen sie neugierig (!), aufgeschlossen und erkunden sie stets".

Wer für unterschiedliche Perspektiven und Denkweisen offen ist und neugierig bleibt, dem ist auch zuzutrauen, „den einen oder anderen verschlungenen Weg zu gehen, um ans Ziel zu kommen", so Weissenberger-Eibl.

Leonardos Welt

Neugier schon in jungen Jahren zu wecken, gelingt heute nicht nur durch Codieren und Programmieren, sondern auch durch die Beschäftigung mit „universellen Charakteren". Wer sie zu lesen versteht, begreift auch die Welt und unser Komplexitätszeitalter besser, das mit dem Maler, Zeichner und Erfinder Leonardo da Vinci (1452-1519) eng verflochten ist. Denn auch er wollte die Realität verstehen, indem er ihre Gesetzmäßigkeiten zu entschlüsseln versuchte.

Am 22. März 1508 schreibt Leonardo in sein Notizbuch: „Die Wissbegier ist den Guten angeboren." In seiner Begeisterung erfand er Maschinen, die in unterschiedlichste Anwendungsbereiche fallen und das Interesse der Zeit für Technik belegen.

Die Zeichnung war sein Instrument zur Erforschung und Analyse der Wirklichkeit. Mehr als 300 Abbildungen von Kunstwerken und Reproduktionen seiner Skizzen- und Notizbücher werden in „Das große Leonardo da Vinci-Buch" präsentiert. Ausgewählte Zeichnungen und Dokumente können in diesem haptischen Meisterwerk in beigefügten Papiertäschchen auseinandergefaltet und buchstäblich be-griffen werden.

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Der „uomo universale" schuf nicht nur Gemälde wie die „Mona Lisa" oder das „Abendmahl", sondern hinterließ auch 6000 Blätter mit Naturstudien, Architektur, Anatomie, Flug- und Waffentechnik.

Der Künstler und Erfinder schrieb in Spiegelschrift, vermischte das Italienische mit dem Lateinischen und örtlichen Dialekten, warf Zeichnungen und Abhandlungen durcheinander, so dass nicht erkennbar ist, wofür sie gedacht waren. Er füllte die Ränder mit Anmerkungen, die manchmal keinen Bezug zum Text haben und ließ Entwürfe und Beschreibungen ineinanderlaufen.

Alles, was ihm in seinem Leben begegnete, wurde einer genauen Prüfung unterzogen und verwertet.

Damit steht er in der Tradition der Griechen: „Alles kommt von allem, aus allem wird alles, alles endet in allem, weil alles, was in Teilen existiert, aus diesen Teilen zusammengesetzt ist." Leonardo führte physische Tatsachen, analytische Berechnungen und ästhetische Mutmaßungen zusammen.

Probleme löste Leonardo mit einer praktischen und empirischen Herangehensweise. In seinen Forschungen waren Natur und Geschichte, Geist und Körper keine Gegensätze, und die Grenze zwischen Wissenschaft und Kunst war stets durchlässig. Auch wenn er das sichtbare Universum erforschte, so war ihm auch bewusst, dass das, was er sieht, nicht der ganzen Realität entspricht.

Außerdem ließ er Zweifel in Bezug auf Wahrnehmung, Vernunft und Intuition zu. Dennoch war er davon überzeugt, dass der Wille nicht nachlassen darf, das akzeptierte Wissen ständig zu hinterfragen.

Sein Wissen wurde ihm in jungen Jahren durch den örtlichen Pfarrer, seinen Onkel und seinen Großvater vermittelt. Der Junge konnte kein Latein und schrieb mit der linken Hand Spiegelschrift.

Wegen seiner mangelnden Bildung konnte Leonardo nicht Jurist werden. Mit ca. 18 Jahren trat er deshalb in die Werkstatt des Bildhauers Andra Verrocchio ein, erhielt dort seine künstlerische Ausbildung und freundete sich mit anderen Lehrlingen an, die später ebenfalls berühmt wurden: Botticelli, Perugino, Ghirlandaio.

Allerdings war er sich bewusst, dass ihm seine Kritiker mangelhafte akademische Bildung vorhalten und ihn wegen der Vielzahl seiner Interessensgebiete verspotten. Das was Leonardo zu sagen hatte, kam nicht von den Worten anderer, sondern allein von seiner Lehrmeisterin „Erfahrung".

Der französische Philosoph Montesquieu sagte später einen Satz, der auch auf ihn zutrifft: „Um Großes zu vollbringen, ist kein allzu großes Genie nötig; man darf nicht über den Menschen stehen, man muss unter ihnen sein." Leonardo schenkte seinen Zeitgenossen ein Leben lang Aufmerksamkeit. Auf der Straße, die zu seiner letzten Ruhestätte in der Kirche Saint-Florentin im Hof von Schloss Amboise führte, folgten auf seinen Wunsch sechzig Bettler seinen sterblichen Überesten.

Der französische Lyriker, Philosoph und Essayist Paul Valéry, der heute ebenfalls wiederentdeckt wird und zu den komplexen Geistesgrößen der Weltgeschichte gehört, verwies darauf, dass Leonardos Karriere zwar außergewöhnlich war, aber sein Ruhm und sein posthumanes Leben „vielleicht noch viel erstaunlicher" sei. Das große Leonardo-Buch ist ein greifbares Zeugnis dafür.

Literatur:

Gérard Denizeau. Das große Leonardo da Vinci-Buch. Aus dem Franz. von Heike Rosbach. Theiss Verlag, Darmstadt 2017.