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Leben in Taten - nicht in Jahren: Was wir unserer kosmischen Unwichtigkeit entgegenzusetzen haben

Veröffentlicht: Aktualisiert:
COSMOS
Carlos Fernandez via Getty Images
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Der Bindestrich zwischen den Daten auf unserem Grabstein ist das, „was wir unserer kosmischen Unwichtigkeit entgegenzusetzen haben", schreibt der britische Journalist und Autor Simon Garfield in seinem aktuellen Buch „Zeitfieber". Darin erzählt er, wie es dazu kommen konnte, dass wir alle unter Zeitdruck stehen, warum wir die Zeit messen, kontrollieren, verkaufen, filmen und auf Zeitmanagement-Ratgeber verzichten können - und wieso wir von unseren Computern kontinuierlich und zwanghaft Direktiven mit atomarer Genauigkeit beziehen.

Er verfolgt damit zwei Ziele: „erstens ein paar aufschlussreiche Geschichten zu erzählen und zweitens die Frage zu stellen, ob wir alle völlig durchgeknallt sind."

Es ist ein Buch, das aus der Zeit gefallen und gerade deshalb so wertvoll ist. Man legt es nach dem Lesen nicht aus der Hand, sondern greift immer wieder danach, weil es wunderbare Wahrheiten und Fundstücke enthält. Es gibt den Dingen, die wir heute verloren glaubten, ihre Seele und ihr Leben wieder zurück. Und es richtet unsere Aufmerksamkeit auch auf Kunsthandwerker wie Uhrmachermeister. Garfield zeigt, dass Tradition und Kunsthandwerk auch in der verpixelten Welt noch immer einen hohen Stellenwert haben.

„Eine mechanische Uhr zu tragen, mache uns einfach menschlicher." Die Idee zum Buch hatte er nach einem Fahrradunfall. Die Armbanduhr, die er im Augenblick des Unfalls trug, war in den 1950er-Jahren gefertigt worden und ging täglich zwischen vier und zehn Minuten nach, abhängig davon, wie oft er sie aufzog.

Er liebte sie, weil sie alt war und er diesem Produkt vertrauen konnte, „weil sie seit Jahren dasselbe macht". Vor allem gefiel ihm das Analoge, die Federn sowie Zahn- und Schwungräder, die ohne Batterie auskamen.

Uhren sagen viel über unser Verhältnis zum Leben aus, in dem das Ansagen der Zeit heute oft wichtiger geworden ist als das Verständnis für das Uhrwerk. Damit geht der Zeitbegriff als Dimension des Lebens immer mehr verloren und führt zugleich in große Zeitbedrängnis, die mit einer beschleunigten Lebenszeit bezahlt wird, die das Leben durch Geschäftigkeit tötet. Garfields Buch erinnert uns daran.

Es ist jedoch kein „gestriges" Buch, sondern ein hochaktuelles, das sich auch Themen wie den viel gelobten TED Talks widmet, die nur 17 Minuten dauern sollten. Dies lasse dem Sprecher genügend Zeit für seinen Beitrag und die Verdichtung seiner Aussagen und sei nach Ansicht der Organisatoren die ideale Zeitspanne, „damit ein Referat online zum Renner werde, denn sie sei etwa so lang wie eine Kaffeepause".

Garfields Erfahrungsbericht aus Toronto gibt jedoch zu denken: Sobald man sein 17-Minuten-Limit erreichte, erschien jemand der Verantwortlichen am Rand des Podiums. Wurde der Vortrag um eine Minute überschritten, näherte er sich langsam, und falls man noch weiter überzog, rückte er immer näher heran, „bis er neben einem stand, bereit, mit einer geistreichen Bemerkung dazwischen zu gehen."

Wer länger spricht, kommt zwar auch auf Abwege, kann aber die Fäden spätestens am Schluss wieder verbinden. „Aber 17 Minuten sind gnadenlos; es darf keine Längen geben, keine Rückblicke, keine Exkurse. Außerdem hatte das Publikum 5000 kanadische Dollar pro Nase bezahlt, um da zu sein, also sieh besser zu, dass du Spitze bist."

Dieses Erlebnis hat ihn begreifen lassen, wie destruktiv es sein kann, sich übermäßig auf die Zeit zu konzentrieren. In diesem Fall war sie darauf ausgelegt, einen Rahmen bzw. Aufmerksamkeitsfokus zu bieten, aber sie schaffte es nur, die Teile seines Gehirns einzuengen, „die mit freiem Denken und Vorstellungskraft zu tun haben". Das TED-Erlebnis war für ihn so, als fiele er ein zweites Mal von seinem Rad, während sein Gehirn automatisch alle Verbindungen (außer den lebenswichtigen) abschaltete.

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Ausführliche Geschichten und das flaneurhafte Abschweifen sind heute unverzichtbar, wenn es darum geht, unsere Möglichkeiten zu stärken, einsichtig zu handeln, unsere Intelligenz zu trainieren und uns den Optimismus von Aristoteles zunutze zu machen:

„Wir leben in Taten, nicht in Jahren, in Gedanken, nicht Atemzügen, in Empfindungen, nicht in Zahlen auf einer Sonnenuhr. Wir sollten die Zeit in Herzschlägen messen."

Literatur:

Simon Garfield: Zeitfieber. Warum die Stunde nicht überall gleich schlägt, die innere Uhr täuschen kann und Beethoven aus dem Takt gerät. Aus dem Englischen von Jörg Fündling. Theiss Verlag, Darmstadt 2017.

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