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Saat und Staat: Wie sich Bürger gegen bodenlose Machenschaften organisieren

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AGRICULTURE
Thomas Barwick via Getty Images
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Die Saat des Guten Lebens

Wir brauchen heute andere Formen der gesellschaftlichen Organisation, eine neue politische Praxis, eine Welt mit neuen Dialogen und einer Wiederbegegnung der Menschen untereinander. Dazu müssen alle vom "Guten Leben" inspirierten Initiativen gefördert und unterstützt werden, sagt Alberto Acosta.

Er war 2007/2008 als Präsident der verfassungsgebenden Versammlung Ecuadors maßgeblich an der Integration des "Buen vivir" in die Verfassung des Andenstaats beteiligt und ist heute Professor für Ökonomie an der Lateinamerikanischen Fakultät für Sozialwissenschaften in Quito.

Institutionen müssen nach Acosta so aufgebaut werden, dass eine horizontale Machtausübung zur Realität werden kann. Um das zu erreichen, sollte der Staat von Einzelnen und von den Gemeinschaften "verbürgert" werden.

Denn was beim Konzept des "Guten Lebens" wirklich zählt, ist das menschliche Individuum, das in seine Gemeinschaft integriert ist und eine harmonische Beziehung mit der Natur pflegt sowie dabei nach dem Aufbau eines nachhaltigen Lebens für alle strebt.

Was ein gutes Leben ausmacht

Etwas mehr als 400 Jahre vor Christus begann Sokrates bereits damit, Fragen darüber zu stellen, was ein gutes Leben ausmacht. Für die antiken Griechen hatten diese Fragen einen so hohen Stellenwert, dass sie eine eigene Disziplin daraus gemacht haben: Teleologie, die Lehre vom höchsten Ziel oder Gut - der Sache, die in unserem Leben den höchsten Wert hat.

Der griechische Philosoph Platon war davon überzeugt, dass es das "Streben nach dem Guten" sei, was den Menschen zum Handeln antreibt.

Doch wie kann das Gute Leben gelingen, wenn es um die Gesundheit der Menschen im industriellen Agrarsystem schlecht steht?

Pestizid- und andere Rückstände belasten unsere Lebensmittel, Konzerne kontrollieren die Menschen, die in der Landwirtschaft tätig sind. Und nicht nur sie, sondern auch die Sorten, die angebaut werden und die Methoden, mit denen angebaut wird.

Der weltweite Saatgut-Markt

Zehn Konzerne kontrollieren heute fast drei Viertel des weltweiten Saatgut-Marktes. Über die Hälfte haben die drei größten Konzerne (Monsanto, DuPont, Syngenta) unter sich aufgeteilt.

"Wer das Saatgut hat, der hat die Macht auf dem Acker" titelt DIE ZEIT am 25. Mai 2016. Der Artikel analysiert die mögliche Übernahme von Monsato durch die Bayer AG. Wird der umstrittene Rivale "geschluckt", entstünde der größte Anbieter von Pestiziden und Getreidesaat:

"Zu viel davon in einer Hand weckt politischen Unmut bei vielen Bürgern." (Christiane Grefe)

Die seit den 1950er Jahren gezüchteten konventionellen "Hochleistungssorten" sind auf eine energieintensive, erdölbasierte Landwirtschaft ausgerichtet, die einen massiven Einsatz von Pestiziden und künstlichen Düngemitteln erfordern.

Von Konzernseite wird argumentiert, dass Züchtung sehr teuer ist. Gerechtfertigt werden damit Eigentumsrechte, Nachbau- und Lizenzgebühren.

Entsprechend herausfordernd ist es heute, Züchtung und Saatgutproduktion zurück auf die Höfe zu holen.

Das Thema betrifft uns alle

Saatgut ist nicht nur ein Thema, das allem Landwirte und Gärtner, sondern uns alle betrifft. Das Saatgut ist das erste Glied in der Nahrungsmittelkette und gehört zu den Grundlagen unserer Ernährung. Leider wissen viele Menschen jedoch zu wenig über das, was heute mit dem Saatgut geschieht.

Aus vielen komplexen Anbausystemen wurden Monokulturen gemacht, die Agrarökosysteme sehr anfällig macht, dabei wären vielfältige Felder und Pflanzen krisensicherer (resilienter).

In den vergangenen hundert Jahren war ein dramatischer Sortenverlust zu verzeichnen. In den 1990er Jahren bekam die Saatgut-Frage "durch die sich ankündigende Gentechnik eine neue Dringlichkeit" (Laura Krautkrämer).

Immer neue Zuchttechniken und Sorten-Patentierungen durch marktbeherrschende Konzerne unterstreichen die Notwendigkeit der ökologischen Pflanzenzüchtung, die sich dafür einsetzt, dass dies auch künftig so bleibt.

Saatgutsouveränität ist eine Grundlage von Ernährungssouveränität, was auch bedeutet, dass die Menschen, die mit Saatgut umgehen, selbstbestimmt und nachhaltig entscheiden und handeln können.

Vom Gemeingut zur Ware

Anja Banzhaf hat dazu ein bemerkenswertes Buch geschrieben ("Saatgut. Wer die Saat hat, hat das Sagen"), in dem sie vom Beginn der Züchtung, vom industriellen Agrarsystem und von bäuerlichen Saatgutsystemen berichtet und beschreibt, wie Saatgut innerhalb weniger Jahrzehnte vom Gemeingut zur Ware wurde, und wie Agrarkonzerne und Nationalstaaten immer mehr das Sagen über die Saat erobern.

Zudem gibt sie in Interviews und Streifzügen den Menschen das Wort, die auf unterschiedlichste Weise versuchen, das Sagen über ihre Saat zu behalten oder wiederzuerlangen.

Auch hier liegt - wie ebenfalls von Alberto Acosta bemerkt - die Herausforderung darin, Strukturen zu finden, die die ökologische Züchtung finanzieren.

Kooperieren statt konkurrieren

Anja Banzhaf zeigt in ihrem Buch anhand konkreter Beispiele, was ein solidarisches Netzwerk, in dem Züchter/innen, Erhaltungsinitiativen und Vermehrungsbetriebe eine "vielfaltsbetonte und eigenmächtige Saatgutstruktur bilden", heute ausmacht. Vor allem aber, was zu tun ist, wenn die industrielle Landwirtschaft lokale bäuerliche Praktiken verdrängt:

• Saatgut von samenfesten und ökologisch gezüchteten Sorten verwenden
• im eigenen Garten oder auf dem Balkon Nahrungsmittel anbauen und Saatgut gewinnen
• ökologische Züchtung unterstützen
• die Überarbeitung der Saatgutgesetzgebung mitverfolgen und beeinflussen
• Saatgutboxen aufstellen
• Sattgut-Tauschbörsen und -feste organisieren
• Saatgut per Post an Freunde verschicken
• Sortenpatenschaften übernehmen
• Erzeugergemeinschaften gründen
• sich vernetzen, gemeinsam Samenbau betreiben und untereinander Saatgut weitergeben, und damit den Umgang mit Saatgut als Gemeingut üben
• nicht darauf warten, dass andere (z.B. der Staat, NGOs) das Problem lösen.

Weitere Informationen:
Warum das gute Leben eine Metaressource der Zukunft ist

Leben als normierte Ware. Warum Bioökonomie ein Irrweg ist

Kultursaat e. V.

Zukunftsstiftung BioMarkt

Saatgutfonds

Literatur:
Anja Banzhaf: Saatgut. Wer die Saat hat, hat das Sagen. Oekom Verlag, München 2016.

Alberto Acosta: Buen Vivier. Vom recht auf ein gutes Leben. Oekom Verlag, München 2015.

Anita Krätzer, Franz-Theo Gottwald: Irrweg Bioökonomie . Kritik an einem totalitären Ansatz. Suhrkamp Verlag, Berlin 2014 (edition unseld).

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