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Kulturwandel in Deutschland: Warum Industrie 4.0 mehr als ein Update ist

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DIGITALISATION
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Während Emmanuel Macron mit dem Tech-Milliardär Xavier Niel eine weltweite Digitaloffensive startet und Frankreich zur Start-up-Nation erklärt, hält sich die Aufbruchsstimmung in Deutschland in Grenzen. Wenn der Raum der Digitalisierung heute ein Klassenzimmer wäre, säßen die Musterschüler der Industrialisierung wohl nicht mehr in der ersten Reihe und würden nicht verstehen, dass sie den neuen Möglichkeitsraum auch experimentell nutzen könnten.

„Die gewohnten Cluster nach traditionellem deutschen Industrialisierungsschema haben jedenfalls ausgedient", bemerkt der Digitalisierungsexperte Christoph Bornschein im manager magazin (August 2017) und geht mit dem Begriff Marketingbegriff Industrie 4.0 hart ins Gericht.

Er steht für ein "Zukunftsprojekt" der Bundesregierung Deutschland, die im Sommer 2014 mit der Digitalen Agenda eine Leitschnur für ihre Digitalpolitik entworfen hat. Ergänzend dazu beschreibt die Digitale Strategie 2025 Maßnahmen und Instrumente, die über die Legislaturperiode hinaus erforderlich sind, um die digitalen Transformation erfolgreich zu gestalten. Industrie 4.0 steht für die vierte industrielle Revolution, die sich durch Individualisierung bzw. Hybridisierung der Produkte und die Integration von Kunden und Geschäftspartnern in die Geschäftsprozesse auszeichnet.

In Deutschland wird allerdings häufig viel zu kleinteilig gedacht - „ein bisschen mehr US-Denke" würde uns deshalb guttun, sagt Christoph Bornschein und begründet seine Kritik damit, dass Industrie 4.0 hier als reines Update für effizientere Prozesse und verringerte Risiken gesehen wird. Die Tatsache, dass sich auch neuen Geschäftsmodelle rund um die Digitalisierung realisieren lassen, wird oft ausgeblendet.

Unternehmen brauchen heute ein tieferes Verständnis dafür, welche neuen Wertschöpfungspotenziale die Digitalisierung bringt und wie sie sich nachhaltig nutzen lassen.

Es muss erkannt werden, dass sie nicht nur „zur Effizienzsteigerung und Kostenoptimierung dient, sondern auch und gerade, um neue Geschäftsmodelle zu schaffen", bemerkt auch Ernst Wallacher, Autor des Buches „Praxiswissen", das sich den ganzheitlichen Aspekten der digitalen Transformation widmet:

• den Wandel verstehen
• Lösungen entwickeln
• Wertschöpfung steigern.

Ohne Kulturwandel ist Industrie 4.0 ein „deutscher Irrglaube", wie ihn Christoph Bornschein richtig beschrieben hat. Dabei gibt es viele hervorragende Beispiele, die von einigen alten und „großen" Marktplayern als klein und unbedeutend wahrgenommen genommen werden. Aber wie sagte Gandhi: „Erst belächeln sie dich, dann bekämpfen sie dich und dann folgen sie dir!"

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Wie es geht, zeigt die Deutsche Post, die den europaweit größten Fuhrpark besitzt: Nachdem das Unternehmen mit dem Wunsch nach Elektroautos für seine Paketboten bei den deutschen Herstellern kein Gehör fand, entwickelte das Unternehmen zusammen mit der RWTH Aachen ein eigenes Modell: den Streetscooter.

2.500 Fahrzeuge sind bereits im Einsatz, bis Ende 2017 sollen es doppelt so viele sein. Künftig werden aufgrund der steigenden Nachfrage die Elektroautos auch an Dritte verkauft. Derzeit wird an Entwicklung und Bau eines E-Transporters mit einem Ladevolumen von 20 Kubikmetern gearbeitet, der Anfang 2018 auf den Markt kommen soll.

Mehr zum Thema: Warum Circular Economy das Wirtschaftsmodell der Zukunft ist

Das ist zugleich das Ergebnis eines nachhaltigen Kulturwandels, der auf einem dynamischen, veränderbaren Selbstbild basiert. Allen Beteiligten geht es nicht darum, was sie sind, sondern wie viel Arbeit sie in eine Sache investieren und was sie tun (!).

Ihr Tun basiert auf der inneren Überzeugung, dass sich Menschen, Organisationen und Gesellschaften weiterentwickeln. Um Industrie 4.0 zu verstehen und zu gestalten, brauchen wir ein „Growth Mindset".

Quellen und weitere Informationen:

Ernest Wallmüller: Praxiswissen. Digitale Transformation. Den Wandel verstehen, Lösungen entwickeln, Wertschöpfung steigern. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München 2017.

Tun statt reden.: Personalverantwortung 21.0 von A bis Z. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag, Heidelberg Berlin 2017. Außerdem: Fragen zur Digitalisierung von A bis Z: Wie wir die neue Welt besser verstehen können. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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