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Kultivierte Welt: Können Fidget Spinner und grüner Daumen das Chaos in den Griff bekommen?

14/06/2017 11:50 CEST | Aktualisiert 14/06/2017 11:50 CEST
mheim3011 via Getty Images

Das Rad der Zeit

Unsere Hände waren das erste Werkzeug, das uns dazu verholfen hat, die Natur nach unseren Vorstellungen zu verändern. Als amerikanische Anthropologen vor einigen Jahren die Feinmotorik von Neandertalern untersuchten, konnte belegt werden, warum sie nicht überlebt haben: Sie starben aus, weil ihre Hände weniger Nerven und motorische Fähigkeiten hatten als die der ersten Urmenschen, die mit ihren Händen bessere Werkzeuge bauen konnten. „Erst war das Greifen - dann kam das Begreifen", bemerkt der US-Neurologe Frank Wilson, für den die Hand das Werkzeug ist, das unseren Geist erst zu dem machte, was er ist.

Es ist sicher kein Zufall, dass in Zeiten der Umwelt-, Kapitalismus- oder Finanzkrisen und des digitalen Wandels, in denen nur mit der Fingerkuppe über das Smartphone gewischt wird, die Hand und ihre eigentliche Funktion wieder entdeckt wird. Denn Orientierung, Verstehbarkeit und Gestaltbarkeit braucht das Analoge und Greifbare.

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Fidget Spinner (Foto: Dr. Alexandra Hildebrandt)

Wer über den Fidget Spinner lächelt, hat den Zusammenhang vielleicht noch nicht „begriffen": Der moderne Kreisel für die Hand, der auf einem Finger gedreht wird, ist für einige Menschen vielleicht ein Balanceakt, sich nicht im Chaos zu verlieren.

Das Kugellagerspielzeug hat inzwischen Schulhöfe und Büros erobert. Es wird während des Nachdenkens und Telefonierens gedreht und erinnert an eine meditative Bewegung, in der Daumen und Handmuskeln wieder spürbar sind. Das Rad der Zeit erlebt gerade ähnlichen Boom wie vor ein paar Jahren die Ausmalbücher für Erwachsene. „Wir spinnen", hieß es schon damals.

Interessant bei diesen Phänomenen sind nicht die Produkte selbst, die mit Nachhaltigkeit wenig zu tun haben (der Fidget Spinner kommt aus Fernost), sondern die Rückbesinnung auf das Haptische und die „geübte" Bewegung, durch die wir eigene Begrenzungen in einer immer komplexer und größer werdenden Welt schaffen.

Daran wird auch der Gärtner ständig erinnert, da der Daumen bei den meisten Gartenarbeiten eine bedeutende Rolle spielt. Der schnelllebigen Welt setzt er eine eigene Ordnung entgegen, die sich der Tätigkeit des ständigen Kultivierens verdankt. Gärtnern befriedigt nicht nur Sehnsüchte nach Heimat, Sinn und greifbarem Erleben, sondern bedeutet auch vorausschauende und planerische Arbeit, der sichtbare Ergebnisse folgen. Dazu braucht es ständige Übung (griech. askesis), die nur funktioniert, wenn Erkenntnis in Handeln umgesetzt wird. Wir machen etwas und wiederholen es Tag für Tag, bis es zur Gewohnheit und zu unserer zweiten Natur wird.

Das beschreiben Karin Helle und Claus-Peter Niem auch im Fußball- und Führungskräftekontext in ihrem Buch „One touch": Je präziser Trainer bestimmte Übungsformen in kleinere Einheiten zerlegen, desto mehr lässt sich eine Aktivität/Übung verbessern.

Allein zu üben ist nach Ansicht der Managementexperten die beste Möglichkeit, um die Schwachstelle im Grenzbereich seines Könnens zu finden und Disziplin zu entwickeln, weil man nicht auf andere angewiesen ist: „Eine Vergleichsstudie untersuchte das Vorgehen von Weltklassemusikern und Spitzenamateuren. Die Forscher fanden heraus, dass das Übungsverhalten in beiden Gruppen in allen Variablen bis auf eine gleich war. Die Weltklassemusiker übten fünfmal so lange allein."

Gute Übung: Die Kultivierung des Gartens und des Geistes

Das Umgraben, Umwenden, Eingraben, Auflockern und Einebnen ist auch ein schönes Sinnbild für das Zusammenspiel von Lebensinhalt und -form. Und das Schreiben, das der Gartenarbeit ähnlich ist: Beides sind Vorgänge, die die Welt wieder „in Ordnung" bringen. Der argentinische Autor, Psychiater und Gestalttherapeut Jorge Bucay sieht eine Parallele zwischen der Aufgabe, das eigene Leben zu meistern, und der, Land urbar zu machen.

Das Wort „kultivieren" ist für ihn mit dem Gedanken von Entwicklung verbunden und nicht des simplen Erwerbs: „Dies sind Ressourcen, die man früh entwickeln muss, damit sie einem dienen können, und nicht erst dann, wenn man sie braucht." Auch für den tschechischen Schriftsteller Karel Capek, der 1929 das Buch „Das Jahr des Gärtners" schrieb, waren die Kultivierung des Erdbodens und die Kultivierung des Geistes wesensgleich. Im Kulturbegriff sind Bildung, Kultur, Natur und Nachhaltigkeit zu einer Einheit verbunden.

Die Form eines Gartens ist ein notwendiger Gegenstand des handwerklichen Könnens der Gartengestaltung. Es gilt, dabei die richtige Balance zwischen geformter und wilder Natur zu finden.

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Zeichnung: Emilia, 7 Jahre

Erst durch die meisterhafte Beherrschung des Handwerks tritt die Gestaltung poetisch hervor: als schön empfundene Natur. Der Boom der neuen Commons- und Gardening-Projekte geht nicht zufällig mit einem sozialen Wandel umher, der die menschlichen Lebensverhältnisse weltweit und in Deutschland prägt und verändert. Damit einher geht die Stärkung der Handlungsfähigkeit im Lokalen.

Der griechische Philosoph Platon war davon überzeugt, dass es das "Streben nach dem Guten" sei, was den Menschen zum Handeln antreibt. Das gute Leben beruht im Gegensatz zum „bloßen Leben" auf Gemeinsamkeit, Freundschaft und Sinnstiftung. Es ist mit der „Kultivierung" der Natur eng verbunden: Der damit einhergehende ständige Auswahlprozess bedarf sachkundiger Entscheidungen - in der kleinen und der großen (Wirtschafts-)Welt: So vergleicht Michael Pollan Unkräuter mit Anwälten, die sich am Unglück anderer bereichern: Blender, Bauernfänger und Betrüger. Fast jede Nutzpflanze, weist er in seinem Buch „Meine zweite Natur nach", hat einen zu ihr passenden „Unkraut-Hochstapler, eine Art botanischen Doppelgänger", der im gesamten Entwicklungsprozess Aussehen und Wachstumsgeschwindigkeit der Kulturpflanze nachzuahmen gelernt hat und so sein Überleben sichert.

Darin ist auch Menschliches, Allzumenschliches verbprgen. Deshalb ist es umso wichtiger, erfolgreich gärtnern zu können, weil wir dann mit der „fundamentalen Doppelbödigkeit unserer Rolle" besser ins Reine kommen und erkennen, „dass wir nämlich das Problem, zugleich aber auch die einzig mögliche Lösung des Problems sind" - und keine Spinner im Rad der Zeit.

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Zeichnung: Johanna, 9 Jahre

Weitere Informationen:

Melanie Groß: Und plötzlich gärtnern alle. Theoretische, konzeptionelle und methodische Perspektiven für Gardening und Commons in der Jugendarbeit. Oekom Verlag, München 2016.

Claus-Peter Niem, Karin Helle: One touch. Was Führungskräfte vom Profifußball lernen können. Mit Einwürfen von Jürgen Klinsmann, Joachim Löw & Co. Campus Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2016.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Gartenzeit: Wie wir Natur und Kultur wieder in Gleichklang bringen. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017. (Der Erlös kommt HORIZONT e.V. zugute. Der von der Schauspielerin Jutta Speidel gegründete gemeinnützige Verein unterstützt obdachlose Mütter und Kinder.)

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