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Küche statt Auto: Was diese abgefahrene Entwicklung über uns aussagt

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KITCHEN
annebaek via Getty Images
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Die Küche ist heute nicht nur ein offener und einladend gestalteter Lebensraum, sondern auch eine moderne Feuerstelle, um die sich Familien, Freunde und Gäste versammeln. Sie stillt unsere Sehnsucht nach Heimat und Überschaubarkeit in einer globalisierten Welt. Damit verbunden sind die Sehnsucht nach Handhabbarkeit der Dinge und der Wunsch, sich wieder sicher zu fühlen - und selbstbestimmt an einem Ort zu sein.

In der Küche wird geschnitten, gerührt, gebacken, gebraten und gegessen. Selbermachen und Selbstgemachtes stehen heute für gesunde Ernährung, für nachhaltige Lebensführung, für soziales und politisches Bewusstsein und entsprechen dem Trend zunehmender Individualisierung. Dahinter steckt das menschliche Bedürfnis nach Unverwechselbarkeit.

Da die Herstellungsprozesse von Produkten heute kaum mehr sichtbar sind, verlieren wir auch die Beziehung zum Wesen der Dinge und deren Wertschätzung. Das lateinische „manu factum" (das Handgemachte) trifft deshalb nicht nur den Nerv der Zeit, sondern auch den einer wachsenden Zahl von Konsumenten, die der austauschbaren Welt der Industrieprodukte den Rücken kehren.

Maßarbeit und Nachhaltigkeit sowie ressourcenschonende Fertigungstechniken gewinnen beim Möbelkauf in einer Zeit voller Technisierung, Massenproduktion, Komplexität und Tempowechsel immer mehr an Bedeutung.

Die Küchenbranche sieht einen Trend zu „genussvollem Kochen" - schließlich ist Genuss auch eine „Schlüsselqualifikation für die Ökonomie des 21. Jahrhunderts" (Wolf Lotter): Wer sich seiner selbst bewusst ist, der weiß auch, was ihm guttut und kann genießen in einem entsprechenden Ambiente.

Deshalb investieren viele Deutsche inzwischen mehr in die eigene moderne Küche (inzwischen ist jede zehnte Küche ein Luxusprodukt) als ins Auto, das längst kein Statussymbol mehr ist. Hier verbinden sich heute ebenfalls innovative Technologien, intelligente Funktionen, nachhaltiges Design und traditionelles Handwerk zu einzigartigen und emotionalen Produkten.

Das ist nicht abgefahren, sondern hat mit der Lust am Bleiben und am Analogen zu tun. Egal, ob man mit dem Messer auf dem Brett ein Stück Brot schneidet, Teig knetet oder einfach nur den Wasserhahn bedient: Es geht darum, sich aus der Dauererreichbarkeit auszuklinken, achtsam und in sich ruhend im Hier und Jetzt zu sein und einer Sache seine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Der perfekte Moment offenbart sich dann beim „Erhalt" eines frisch zubereiteten Produkts. Obendrein liefert das Selbstgemachte jene Geschichten, die Produkte mit Liebe verbinden, die durch den Magen geht.

Quelle und weitere Informationen:

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Küchen-Kultur und Lebensart: Warum Verantwortung nicht zwischen Herd und Kühlschrank aufhört. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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