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Kreislaufwirtschaft im Reinen: Warum gesundes Mineralwasser nicht nur eine Frage des Geschmacks ist

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WATER
Geber86 via Getty Images
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Auf den ersten Blick ist das Konzept von Biowasser schwer nachvollziehbar, denn ein Biosiegel gibt es eigentlich nur für Produkte, die von einem Produzenten selbst hergestellt wurden. Wasser sei doch ein Naturprodukt, so das gängige Argument. Aber Wasser ist nicht gleich Wasser - und nicht nur eine Frage des Geschmacks.

Vor allem geht es um die Reinheit verschiedener Vorkommen. Die vergangenen Jahre zeigten jedoch, dass vorwiegend Verschmutzungen aus konventioneller industrieller Landwirtschaft immer mehr Mineralquellen erreichen. Es wurden viele Stoffe im Wasser gefunden, die dort nicht hingehören: Chemikalien, Abbauprodukte von Pestiziden, Nitrat, Arzneimittelrückstände oder künstliche Süßstoffe.

Von etlichen Substanzen sind die Auswirkungen auf den menschlichen Organismus nicht einmal bekannt, auch gibt es für den Großteil von ihnen in den gesetzlichen Bestimmungen noch keine Grenzwerte. Da die Natur diese Substanzen nicht abbauen kann, müssen sie mit aller Konsequenz von den Quellen ferngehalten werden.

Das Oberflächenwasser von heute ist das Mineralwasser von übermorgen, sagt der Öko-Pionier Dr. Franz Ehrnsperger: „Es sickert allmählich in die Tiefe und nimmt auf dieser Reise Eigenschaften wie Mineralien oder eben auch Verunreinigungen der durchquerten Bodenschichten an.

Irgendwo tritt es als Quelle wieder ans Tageslicht oder wird in einem Brunnen abgepumpt." Wasser wird also „angebaut" und dann später wieder „abgebaut". Wie bei Kartoffeln - allerdings beträgt die „Vegetationsperiode" bei Wasser nicht nur einige Monate, sondern 100 Jahre und mehr.

Wer Biomineralwasser herstellen will, muss deshalb den Entstehungsprozess von Wasser kennen, dokumentieren, erhalten und pflegen. Für Biomineralwasserbrunnen ist es Pflicht, in diesen Gebieten den Ökolandbau zu fördern. „Nur so kommen wir zu einer gesunden Kreislaufwirtschaft", sagt Dr. Franz Ehrnsperger, Inhaber der Neumarkter Lammsbräu, der 2012 das erste Biomineralwasser auf den Markt gebracht hat.

Das Unternehmen wird jetzt in Neumarkt in der Oberpfalz das erste unterirdische Wasserschutzgebiet in einem öffentlich-rechtlichen Verfahren ausweisen lassen. Das ist ein völlig neuer Ansatz, wie sich Wasser schützen lässt - bislang gilt das nur für oberirdische Gewässer.

Der Unternehmer gehört zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit.

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Dr. Franz Ehrnsperger (www.gesichter-der-nachhaltigkeit.de)

Mit 24 Jahren stieg er in den elterlichen Betrieb ein und übernahm die Verkaufsabteilung. Nebenbei schrieb er an seiner Promotion. 1971 wurde er Geschäftsführender Gesellschafter. Der etwa 400 Jahre alte Betrieb befindet sich seit 1800 in Familienbesitz und gehört heute zu den größten Bio-Brauereien Europas.

Hier wurden 1984 wurden die ersten biologischen Brauverfahren erprobt. Seit 1995 werden ausschließlich Bio-Getränke hergestellt. Heute arbeiten rund 100 Bio-Bauern aus der Region mit 4000 Hektar ökologisch bewirtschafteter Fläche für das Unternehmen. Generalbevollmächtigte ist seit 2008 Susanne Horn.

Sein Lebensweg zeigt, dass ein einzelner Mensch nicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist, sondern viel und Nachhaltiges bewirken kann, wenn er handelnd im „Fluss" bleibt und Verantwortung übernimmt für das, was er tut. Zwei Jahrzehnte hat Ehrnsperger für das Biosiegel für Bier gestritten - heute verliert niemand mehr ein Wort darüber.

In den 1980-er Jahren war Bio noch kein Trend, dennoch drängte sich die Entwicklung zur Bio-Brauerei damals auf, weil Ehrnsperger auf der Suche nach besseren Rohstoffen war, die er in der Bio-Landwirtschaft fand. Doch der Weg war steinig, und die Vorbehalte bei Landwirten, Branchenexperten, im Handel und bei den Konsumenten waren immer dieselben (und sind es zuweilen heute noch): Es gäbe doch das Reinheitsgebot. Warum also Bio-Bier?

Berücksichtigt wird allerdings nicht, dass das Reinheitsgebot lediglich die Zutaten definiert, nicht aber deren Qualität und Verarbeitung. „Es sind die Querdenker und Unbequemen, die die Welt verändern, nicht die Angepassten", sagt Ehrnsperger rückblickend. Scharfer Gegenwind hat ihn nie aus dem Weg geworfen, sondern Dank seiner Hartnäckigkeit ans Ziel gebracht: Heute ist Bio-Bier weithin anerkannt und wird auch von vielen anderen Brauereien hergestellt.

Die Erfahrungen, die er in seiner Vorreiterrolle bei Bio-Bier gemacht hat, hat er in den vergangenen Jahren auf Mineralwasser übertragen: Gemeinsam mit der Qualitätsgemeinschaft Biomineralwasser e.V. hat Lammsbräu im Jahr 2009 angeregt, dass es dies auch für Mineralwasser Bio-Kriterien geben sollte.

Erneut gab es Aufregung und juristische Auseinandersetzungen um die rechtliche Zulässigkeit der Bezeichnung „Bio-Mineralwasser" - bis zum Bundesgerichtshof, der 2012 entschied, dass die Richtlinien für Bio-Mineralwasser so streng und umfassend sind, dass sich entsprechend zertifizierte Mineralwässer „Bio" nennen dürfen.

Das zugehörige Siegel gibt den Konsumenten Sicherheit und Verlässlichkeit und verpflichtet die Mineralbrunnen zu Nachhaltigkeit. Denn Bio ist mehr als nur „natürlich". Auch eine Marmelade aus 100% Früchten ist ja ein natürliches Produkt, aber noch keine Bio-Marmelade! Der Vergleich lässt sich auch auf Bio-Mineralwasser übertragen: Hier dürfen keine Rückstände von Düngern oder Pestiziden enthalten sein - und es soll ursprünglich rein sein.

Eine Regelung in der Mineral- und Tafelwasser-Verordnung gibt es diesbezüglich nicht, weil es bis vor wenigen Jahren keinen entsprechenden Regelungsbedarf gab (das Mineralwasser war tatsächlich rein).

Bio-Mineralwasser sorgt mit seinen strengen Anforderungen dafür, dass diese gute Qualität nicht nur erhalten, sondern auf immer mehr wasservorkommen ausgeweitet wird. Es darf nicht mit Ozon behandelt werden. Als Verpackung sind nur umweltfreundliche Mehrwegflaschen zugelassen, das Wasser soll weitestgehend nur in der Region verkauft werden, um CO2-Belastungen durch unnötige Transporte zu minimieren.

Geschmacklich muss das Wasser selbstverständlich einwandfrei sein, zusätzlich muss es mindestens eine gesundheitsfördernde Eigenschaft aufweisen. Zudem verpflichten sich Bio-Mineralwasser-Anbieter zu einer offenen Informationspolitik: Alle relevanten Infos müssen auf der Flasche stehen oder anderweitig leicht zugänglich sein, Anfragen von Konsumenten sind zu beantworten.

Die Richtlinien für Bio-Mineralwasser, die von der Qualitätsgemeinschaft Biomineralwasser e.V. gemeinsam mit Experten der Bio- und Mineralwasserbranche entwickelt wurden, definieren ein „Reinheitsgebot für Wasser", das über die Anforderungen der Mineral- und Tafelwasserverordnung hinausgeht. Sie betreffen sechs Bereiche:

1. Nachhaltigkeit: Festlegung der ökologischen Anforderungen, insbesondere Förderung des Wasserschutzes durch ökologischen Landbau

2. Naturbelassenheit des Produkts: strenge Grenzwerte für mögliche Rückstände anthropogener Einträge, Bestimmungen zur Reduktion von Behandlungseinflüssen

3. Produktsicherheit Mikrobiologie: Regelungen zu Hygiene und entsprechenden Untersuchungen

4. Produktsicherheit Chemie: Grenzwerte zu unerwünschten natürlichen Stoffen, zur Radioaktivität, Regelungen zur Sicherheit von Verpackungen und zu entsprechenden Untersuchungen

5. Gutes Lebensmittel: Bestimmungen zu genuss- und gesundheitsrelevanten Eigenschaften des Mineralwassers

6. Transparente Deklaration: Vorschriften zu einer umfassenden Transparenz und Verbraucherinformation

Auch die Ziele der Bio-Bewegung und der ganzheitliche Nachhaltigkeitsgedanke sind hier integriert: „Es geht um bessere Lebensmittel für die Menschen, wirksamen Umwelt- und Ressourcenschutz für unsere Erde und soziale Verantwortung für die Gesellschaft. Um die Etablierung eines zukunftsfähigen Maßstabes für dieses wertvolle Lebensmittel", so Ehrnsperger.

Wasserqualität bedeutet deshalb auch Nachhaltigkeitsengagement der Akteure. Dazu gehört beispielsweise besserer Wasserschutz. Der Leitspruch seines Unternehmens lautet „Verantwortung leben, Genuss schaffen." Er wandelt ihn um in einen Appell: „Verantwortung leben, um Genuss zu erhalten."

Manchmal wird ihm vorgeworfen, dass Bio-Mineralwasser eine „Marketingshow" oder eine „Luxus-Debatte" sei - doch wer sich damit befasst, erkennt, dass damit eine sehr hohe Produktqualität und Nachhaltigkeitsleistung sowie ein hoher Sicherheitsstandard verbunden sind - und dass bei einmal verschmutztem Wasser die Reinheit auf Jahrzehnte verloren ist. Deshalb kann es Bio-Mineralwasser auch nicht zu Discounter-Dumping-Preisen geben. Wenn gutes Wasser langfristig gesichert werden soll, sind Investitionen in umfassenden Quellschutz und damit in die Produkte erforderlich.

Vielleicht spricht in einigen Jahren niemand mehr über Biomineralwasser und unterirdische Wasserschutzgebiete, weil sie selbstverständlich geworden sind - wie Bio-Bier oder Bio-Wein, für den es seit 2012 ein EU-Bio-Siegel gibt.

Quelle und weiterführende Literatur:

Alexandra Hildebrandt, Claudia Silber: Circular Thinking 21.0: Wie wir die Welt wieder rund machen von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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