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Krankenakte Katar: „Krebsgeschwür" im System (Teil 1)

21/09/2015 15:54 CEST | Aktualisiert 21/09/2016 11:12 CEST
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In Behandlung

Im F.A.Z.-Gespräch mit dem Journalisten Michael Horeni kritisierte der frühere DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger am 25. April 2013 in scharfer Form die Methoden von Katar, dem Ausrichter der Fußball-WM 2022: „Der unendliche Reichtum dieses kleinen Landes Qatar breitet sich fast wie ein Krebsgeschwür über den Fußball und den Sport aus."

Das Emirat an der Ostküste der arabischen Halbinsel am Persischen Golf, das als „absolute Monarchie" regiert wird, nutzt seine wirtschaftliche Stärke, „um Einfluss zu nehmen auf Entscheidungen in der Politik und im Sport", sagte Zwanziger. Mit seiner Kritik war und ist er nicht allein.

Im Juni 2015 schrieben Christian Spiller und Andrea Böhm in der Wochenzeitschrift DIE ZEIT: „Katar kauft Weltmeisterschaften, Trainer und Spieler. Bei der Handball-WM kaufte es sogar Journalisten, indem es ihnen die Reise zahlte. Katar kauft auch Fans. In den meist leeren Stadien der heimischen Fußballliga machen bezahlte Fans einen großen Teil der Zuschauer aus."

Die Qatar Football Association hat gegen Theo Zwanziger geklagt. Ihm soll untersagt werden „zu äußern bzw. verbreiten und /oder zu äußern bzw. verbreiten zu lassen, das Katar ein Krebsgeschwür des Weltfußballs ist." Im gerichtlichen Verfahren wird er von der Anwaltskanzlei METZ LANG & KOLLEGEN (Diez, Lahn) vertreten, die beantragen wird, die Klage abzuweisen.

In der Klageerwiderung von Rechtsanwalt Hans-Jörg Metz (8.9.2015) heißt es: „Aus dem konkreten Klageantrag lässt sich zunächst nicht entnehmen, woraus die Klägerin ihr Recht, den geltend gemachten Anspruch gegenüber dem Beklagten zu verfolgen, herleitet." Denn die Qatar Football Associatioon ist in der zur Diskussion gestellten Äußerung nicht angesprochen.

Zwanzigers Formulierung wird in den „Gesamtzusammenhang der öffentlich auf breiter Basis geführten Diskussion" gestellt. Auch der Leser des Interviews wird die Verwendung des Begriffs Katar eher mit dem staatlichen Gebilde in Verbindung bringen als mit einem Fußballverband. Wer „Deutschland" liest, verbindet damit ja auch nicht den Deutschen Fußball-Bund.

Durch die Klage Katars ist es, so Metz, notwendig geworden, nochmals ausführlich die Positionen dieser deutlichen „Katar-Kritik" darzulegen und unter Beweis zu stellen. Was Zwanziger gesagt hat und sagt, sei eine „Machtkritik", an der er als DFB-Präsident und FIFA-Exekutivmitglied nicht nur ein berechtigtes Interesse hatte, „Missstände öffentlich zu beanstanden, sondern zu der er geradezu verpflichtet war."

Seine kritischen Bemerkungen beziehen sich auf das „System Katar" und die Vergabe der Fußball WM 2022 nach Katar und deren Begleitumstände: die spätere Verlegung vom Sommer in den Winter, den weltweiten Kapitaleinsatz Katars, die Menschenrechtssituation:

„... geradezu pervers wird das Ganze, wenn das Kapital des reichen Wüstenstaates sich im Ausland machtorientiert geradezu krebsartig ausbreitet, während im eigenen Land Arbeiter ausgebeutet und den großmannssüchtigen Plänen geopfert werden. Das Verhalten Katars, der dieser Philosophie unterworfenen Organisationen und seinen Helfern beschädigt die Integrität des Sports, es nimmt besonders auch jungen Menschen den Glauben an fairen Wettbewerb und soziale Verantwortung."

Das Geschwür, heißt es weiter, hat auch die Mitglieder des Exekutivkomitees und gerade europäische Vertreter erfasst, „die eben entgegen der Souveränität des Sports, sich stattlichen Einflussnahmen hingegeben und ihre speziellen Pflichten schwer verletzt haben."

Über die Auswirkungen der Entscheidung für den deutschen Amateurfußball wird in den Medien weniger geschrieben, weil das Thema nicht sehr viel Glanz hat -in der Klageerwiderung allerdings wird es ausführlich zur Sprache gebracht:

„Der Bundesliga-Spielbetrieb in Deutschland muss vorgezogen oder ausgesetzt und später zum Abschluss gebracht werden. Die zigtausend Spiele im Amateurfußball, die sich im durchgängigen Spielplan an die Spitzenliegen anhängen müssen, werden zwangsläufig stärker in den Winter verlegt werden müssen und/oder mehr Wochenspiele nach sich ziehen. Die Sportplätze, häufig Anlagen von Kommunen, die der Steuerzahler finanziert, werden beschädigt... Und das alles wegen einer Fehlentscheidung an der Spitze."

Es wird betont, dass Fußball einen tiefen sozialen Kern hat, weil er „als Mannschaftssport Egoismen und unnatürliches Leistungsstreben bekämpft und zugleich solidarisches Verhalten einübt". Angeführt werden auch Beispiele namhafter Persönlichkeiten, die die „systemimmanenten sozialen Werte des Fußballs" immer wieder betont haben. Dazu gehört auch der Deutsche-Fußball-Bund, zu deren Haltung Theo Zwanziger mit seiner Haltung in dieser Angelegenheit nicht im Widerspruch steht.

Die Diagnose

In der Zwanziger-Klageerwiderung wird vorgeschlagen, die Begriffe Sport und Ethik aus den Satzungen zu streichen, wenn sich das Krebsgeschwür weiter ausbreitet: „Der gesamte Unterhaltungsbetrieb ist dann ein kapitalgesteuerter Zirkus", der von Größenwahn und Geldgier beherrscht wird.

Vor diesem Hintergrund ist es unabdingbar, dass es möglich sein muss, „unter Berücksichtigung der grundsätzlich garantierten Meinungsfreiheit drastische Formulierungen in einem in der Öffentlichkeit nachhaltig geführten Meinungsstreit zu verwenden."

Auf kranke Systeme muss laut und deutlich hingewiesen werden, denn für Diagnose und Ursachenforschung bleibt nicht viel Zeit, weil sie sich sonst immer mehr ausbreiten. „Alles, was das Böse braucht, um zu triumphieren, ist das Schweigen der guten Menschen", zitiert der Schweizer Soziologe Jean Ziegler den schottischen Philosophen Edmund Burke in seinem Buch „Verändere die Welt!".

Jedes System verbirgt, lügt und enthüllt zugleich. Was am meisten verborgen wird, weist der Soziologe hier nach, ist besonders wahr. Sein Buch ist zugleich ein Beispiel dafür, dass die Kraft der Soziologie ideologische Strategien gesellschaftlicher Akteure entlarven kann. Ihre Analysen tragen dazu bei, dass Strukturen des Überbaus einstürzen können, die Nachhaltigkeitsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft behindern. Kritik höhlt diese Systeme aus und zerstört sie dann.

Deshalb ist es wichtig, Missstände beim Namen zu nennen, auf Schuldige zu verweisen sowie „wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Kalküle ans Licht bringen, die Menschenleben zerstören".

Geld produziert Geld, sagt Ziegler: „Es ist ein Mittel zu Macht und Herrschaft. Und der Wunsch zu herrschen ist unausrottbar, für ihn gibt es keine objektiven Grenzen." Der Begriff „Krebsgeschwür" ist in diesem Zusammenhang eine gängige Beschreibung gesellschaftlicher Entwicklungen.

Er wird zudem häufig im Kontext mit Nachhaltigkeitsthemen aufgegriffen. So beschrieb Papst Franziskus im Rahmen einer Pressekonferenz auf dem Rückflug von einer apostolischen Reise nach Sarajevo am 4. Juni 2015 damit gesellschaftliche Fehlentwicklungen: „Wir wissen, dass der Konsumismus ein Krebsgeschwür der Gesellschaft ist, dass der Relativismus ein Krebsgeschwür der Gesellschaft ist ..."

Prinz Charles geißelte in einer Ansprache Architekten und Bauträger, die lieber alte Gebäude abreißen statt sie zu renovieren, die nicht genügend Beratung einholten, bevor sie Gemeinden ihre Gebäude aufzwangen oder kaum auf behindertengerechte Zugänge achteten - hier „schickte der Prinz sich doch an, die Krebsgeschwüre herauszuschneiden, die er innerhalb seiner Zunft diagnostiziert hatten" (Catherine Mayer).

Dass der Begriff „Krebsgeschwür" so häufig verwendet wird, mag damit zusammenhängen, dass Menschen davor am meisten Angst haben, weil sie der Krankheit, wenn sie ausbricht, hilflos ausgesetzt sind. Zudem wird mit diesem Bild aber auch ein krankes System verdeutlicht, das sich leicht auf den Gesamtorganismus von Wirtschaft und Gesellschaft übertragen lässt:

Verursachen Einflüsse von außen Schäden im Erbgut gesunder Zellen, können die normalen Reparaturmechanismen versagen. Das defekte Genmaterial gibt die entartete Zelle dann an ihre Tochterzellen weiter. So kann ein bösartiger Tumor entstehen. Sind durch die Schäden Gene betroffen, die das Zellwachstum regeln, teilen sich die entarteten Zellen schnell und unkontrolliert. Stoppsignale von gesunden Nachbarzellen werden ignoriert.

Bei unbehandelten Krankheitsverläufen führt das invasive Wachstum des Tumors innerhalb kurzer Zeit zum Tod. Er dringt ins umliegende Gewebe ein, gibt Botenstoffe ab, die Gefäße anlocken - so wird er mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt. Über den Blutkreislauf breiten sich dann Tochtergeschwüre (Metastasen) in andere Körperregionen aus. Häufig sind sie gefährlicher als der Tumor selbst.

Krebs könnte bald eine heilbare Krankheit sein, ist der Mediziner und Politiker Karl Lauterbach überzeugt. Allerdings ist die Kernkompetenz der Krebsindustrie seiner Ansicht nach „nicht ihre Forschung, es sind ihr Kapital und ihre Kontakte." (DER SPIEGEL, 35/2015).

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Literatur:

Jenseits von Sieg und Niederlage: Sport als gesellschaftliche Aufgabe verstehen und umsetzen. Hg. von Alexandra Hildebrandt. Springer Gabler, Heidelberg Berlin 2014.

Jean Ziegler: Ändere die Welt! Warum wir die kannibalische Weltordnung stürzen müssen. C. Bertelsmann Verlag, München 2015.

Catherine Mayer: Charles. Mit dem Herzen eines Königs. Heyne Verlag, München 2015.

Links:

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