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Kranke Systeme, neue Probleme: Warum Gesundheit unser wichtigster Wert bleibt

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Das Wohl der Patienten bleibt auf der Strecke

Zum wichtigsten Ergebnis des Werte-Index 2016 gehört, dass sich die Deutschen über kaum ein Thema online so intensiv austauschen wie über Gesundheit. Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zum Folgewert „Freiheit" (Platz 2): Krankheit wird als Einschränkung der Freiheit und der Selbstbestimmtheit gefürchtet.

Es ist kein Zufall, dass das Thema Selbstbestimmung auch ein Schwerpunkt des Deutschen Ethikrats ist.

Hintergrund:

• In deutschen Krankenhäusern herrscht massiver ökonomischer Druck.

• Die Vielzahl der Kliniken steht in scharfer Konkurrenz zueinander.

• Das Geld ist knapp, weil die Länder seit Jahren ihre Finanzzuschüsse kürzen.

• Krankenhäuser steigern vor dem Hintergrund der schwierigen ökonomischen Situation die Zahl der Operationen und senken gleichzeitig die Zahl der Pflegekräfte.

• Ärzte überweisen Untersuchungsmaterial an Labore, um hieran still zu profitieren (vgl. Oliver Pragal: Gekaufte Medizin, in: DIE ZEIT, 10.3.2016).

• Menschen mit Behinderung und Kinder werden ungern behandelt, weil es sich nicht „lohnt."

„Das Wohl des Patienten bleibt in deutschen Krankenhäusern auf der Strecke", urteilte am 5. April 2016 der Ethikrat.

Ziel müsse sein, das Patientenwohl zum zentralen Leitmotiv im Krankenhaus zu machen. Nach Auffassung des Gremiums kommt es für den Patienten auf drei Umstände an:

1. Der Patient sollte innerhalb des Krankenhauses selbstbestimmt (!) handeln können.

2. Zum Patientenwohl gehört laut Ethikrat eine gute Behandlungsqualität.

3. Es muss zur Sicherung des Patientenwohls bei der Behandlung gerecht zugehen.

Dafür braucht es allerdings Veränderungen im täglichen Ablauf: So sollten die Geschäftsführer der Kliniken künftig „neben ihrer ökonomischen Fachkompetenz auch über grundlegende Kenntnisse in Medizin und Pflege verfügen."

Zudem müssten die Regeln überarbeitet werden, nach denen zurzeit die Krankenhausleistungen (Fallpauschalen) bezahlt werden, denn sie führen laut Ethikrat vielfach dazu, dass in den Krankenhäusern Leistungen im Übermaß angeboten werden, die besonders lukrativ sind.

Andere Behandlungen würden jedoch aus dem Angebot fallen. „Darunter hätten zum Beispiel behinderte und Kinder zu leiden." (Guido Bohsem: Mehr Operationen, weniger Pfleger, in: SZ, 6.4.2016).

Ein weiteres wichtiges Ergebnis des Werte-Index lautet vor diesem Hintergrund, dass die klassischen „anonymen" Institutionen immer mehr an Glaubwürdigkeit verlieren.

Was sich in Unternehmen ändern muss

Die Frage, inwiefern Unternehmen und Organisationen dem selbstbestimmten Menschen Möglichkeitsräume zur Potenzialentfaltung bieten und gleichzeitig ihren gesellschaftlichen Pflichten nachkommen, wird immer dringlicher.

In einer internationalen GfK-Studie (März 2016), die mehr als 27.000 Internetnutzer in 22 Ländern zu den wichtigsten Pflichten von Unternehmen befragte, nennen Verbraucher am häufigsten:

• gute Arbeitsstellen bieten (53 Prozent)

• Produkte von guter Qualität herstellen (39 Prozent)

• Gesundheits- und Arbeitsschutz der Mitarbeiter (38 Prozent).

In Zukunft werden sich große etablierte Organisationen anders aufstellen müssen, wenn sie überlebensfähig sein wollen.

Was passiert, wenn zu spät reagiert und an dem festgehalten wird, was immer getan wurde, zeigt im Kontext des Gesundheitswesens das Beispiel Dräger, einst Vorzeigeunternehmen der deutschen Medizintechnikbranche:

Noch zu stabilen Zeiten, 2009, wurde hier ein „Turnaround-Programm" aufgelegt, um Profitabilität und Eigenkapital zu stärken. Doch es war nicht nachhaltig:

„So wurden trotz Sparmaßnahmen in den vergangenen drei Jahren mit Segen des Vorstands rund 1000 neue Mitarbeiter auf Basis überzogener Wachstumsaussichten neu eingestellt, viele in der Zentrale sowie für Marketing und Vertrieb. Wieder liefen die Kosten aus dem Ruder. Nun sollen die Projekte ‚Fit for Growth', ‚Evolution', ‚Shape' und ‚Recover' wirksam Kosten und Personal einsparen.

Interne Kritiker zweifeln. Sie fordern stattdessen bessere Zusammenarbeit der Bereiche Medizin- und Sicherheitstechnik."

In ihrem Beitrag „Lebensretter in Not" (WirtschaftsWoche 10/4.3.2016 zitiert Anke Henrich den Beschaffungsschef einer großen nordrhein-westfälischen Feuerwehr:

„Dräger ist zu innovativ in zu kurzen Produktlaufzeiten und mit zu komplizierten Denkansätzen."

So seien neue Atemschutzgeräte viel verspielter, aber weniger robust als ihre Vorgänger. Auch würde die Konzernführung nicht auf ihre rationalen Praktiker hören, sondern auf „Technikfantasten".

Das Unternehmen steckt trotz Toptechnik in der Krise, weil es

... zu lange an uralten Produkten festhielt

... nicht auf richtiges Management setzte

... für die Probleme vor allem externe Gründe (Währungsverluste, weltweit politische Turbulenzen und Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen) anführte

... nicht erkannte, dass die wahren Probleme innen liegen (internes BĂĽrokratentum und eine veraltete FĂĽhrungskultur).

So würde nach Angaben der WirtschaftsWoche der Vorstand zum Beispiel persönlich darüber entscheiden, „welche Abteilung welchen Praktikanten einstellen darf".

Quantität statt Qualität

Im Gesundheitswesen und in der Pharmaindustrie sind bĂĽrokratische Strukturen keine Ausnahme, wie auch das Beispiel von Clemens Fischer, Jahrgang 1975, zeigt:

Er studierte zwar Medizin und Betriebsökonomie, wollte aber niemals als Arzt arbeiten, weil er kein Freund von Hierarchien war. Immer wollte er sein „eigenes Ding" machen, das Pharma FGP heißt und eine der größten Werbetreibenden in der Pharmaindustrie ist, deren Produkte allerdings auch auf Kritik stoßen.

Seine berufliche Laufbahn begann er dennoch 2001 in einem Großkonzern: beim Schweizer Pharma-Konzern Novartis. 2006 stieg er in die Geschäftsleitung der deutschen Tochter auf:

„Das Wort groß hat mich gereizt. Ich dachte, da habe ich Möglichkeiten ohne Ende, da kann ich viel erreichen." Aber er täuschte sich und verließ 2007 Novartis:

„Je höher der Platz in der Hierarchie, desto enger das Korsett. Da sagen dann die Investoren, wo es langgeht, und die denken in Quartalen." (Elisabeth Dostert: Der Kämpfer, in: SZ, 6.4.2016)

Die Logik der Pharmaindustrie entspricht der kalten Logik der Kapitalmärkte: Sie ist mit zahllosen Übernahmewellen verbunden. Zudem werden Bilanzen poliert, indem die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen ihrer Übernahmeziele auf Miniaturformat geschrumpft und die zugekauften Medikamente massiv verteuert werden. Damit steigen Gewinne, Aktienkurse und die Gehälter der Topmanager.

Jedes Mal, „wenn das Management sich auf Deals konzentriert statt sein Augenmerk auf den Nachschub aus den eigenen Labors zu richten, sinkt die Produktivität der Forscher." (Krankes System, manager magazin, März 2016)

Qualität wird zunehmend durch Quantität ersetzt. Statt um Forschung und Lehre geht es um das Einwerben von Drittmitteln. Oder es wird auf Forschung und Entwicklung verzichtet. Werden dann die Preise angezogen, geht das auf Kosten der Patienten - und unserer Zukunft.

Dem Psychiater und Psychologen Manfred Spitzer wird oft vorgeworfen, dass seine BĂĽcher zu negativ sind und keine positive Botschaft beinhalten. Dabei spiegeln sie doch nur die Wirklichkeit.

Sein aktuelles Buch „Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert" ist ein kleines Licht in dunklen Zeiten, das zeigt, dass wir uns an uns und unseren Nachkommen versündigen, wenn wir die Entwicklung „einigen sehr reichen Firmen überlassen, denen ihre Profite wichtiger sind als das Wohl der nächsten Generation".

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