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Kopie? Nie! Warum Deutschland kein zweites Silicon Valley werden kann

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Die Start-up Illusion

Am 2. Mai 2017 erscheint das Buch "Die Start-up Illusion" des US-amerikanischen Kolumnisten, Autors und Politikexperten Steven Hill, in dem er beschreibt, wie der Erfolg der Internet-Ökonomie schleichend unsere Gesellschaft verändert:

Was bedeutet die Internet-Ökonomie für Arbeitnehmer, wenn Algorithmen Arbeitskräfte ersetzen und Start-ups ihre Arbeitnehmer projektbezogen beschäftigen? Die Start-up-Mentalität, die das Silicon Valley antreibt, kann zwar äußerst innovativ sein, aber sie neigt auch zu Blindheit gegenüber ihren zerstörerischen Aspekten. So zeigen Uber, Airbnb und viele andere, wohin die Reise geht:

Der Fahrdienst Uber ermöglicht eine neue Form der Personenbeförderung, doch das Unternehmen „überflutet die Straßen mit Zehntausenden von Autos und verursacht Staus mit hohem Kohlendioxidausstoß". Wer etwas früher abgeholt wird, steckt dann unterwegs länger im Verkehr fest. Airbnb bietet für Reisende zwar günstige und bequeme Reisealternativen und ermöglicht Menschen Nebenverdienste, indem sie leer stehende Zimmer vermieten - doch inzwischen ist die Firma unterwandert von professionellen Immobilienunternehmen, die ihre Einkünfte verdoppeln, indem sie Mieter hinausdrängen und ganze Häuser für Touristen freihalten.

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Hill kritisiert die Realität im Silicon Valley und verweist auf "digitale Tagelöhner", die keine geregelten Arbeitszeiten, Kündigungsschutz und Urlaubsanspruch kennen. Zeitarbeit und befristete Arbeitsverhältnisse sind an der Tagesordnung - die soziale Gerechtigkeit steht zur Disposition. In diesem Zusammenhang legt er dar, warum Deutschland nicht auf die USA warten, sondern die Führungsrolle übernehmen sollte bei der Ausgestaltung der Digitalisierung der weltweiten Wirtschaft.

Dabei verweist er auf den deutschen Mittelstand mit seiner generationenalten Unternehmenskultur und auf Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in einer Rede die Bedeutung der „Start-ups" für Deutschland betonte: Sie seien die „Hefe", dank derer die deutsche Wirtschaft nachhaltig wachse.

Mit ihrer „Digitalen Agenda 2014-2017" und Initiativen wie „Industrie 4.0" und „Arbeiten 4.0" unterstreicht die Bundesregierung ihre Absicht, Deutschland zum „digitalen Wachstumsland Nummer eins in Europa" zu machen. Dies soll mithilfe von Steuererleichterungen sowie staatlicher Förderung für Gründer, Investoren und Firmen gelingen.

ParallellektĂĽre zum deutschen Erfolgsmodell

Den Kernthemen dieses Buches widmete sich die deutsche Innovationsforscherin Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl bereits in ihrem wegweisenden Gastbeitrag „Das deutsche Erfolgsmodell", der am 4. Februar 2015 im Handelsblatt erschien. Es lohnt sich, ihn parallel zu dieser Neuerscheinung zu lesen, weil er die Themen aus deutscher Perspektive vertieft und weitere wichtige Hintergrundinformationen enthält:

Die Wissenschaftlerin zeigt auf, was hinter dem Loblied auf die Innovationskraft des Silicon Valley steckt und warum Länder, die versucht haben, ihr eigenes Valley zu schaffen, nur mäßige Ergebnisse erzielen konnten. Zudem würde der Glanz des Silicon Valley schwächer werden, wenn man die Perspektive verändert. „Er droht sogar ganz zu verschwinden, wenn wir die Innovationsfähigkeit der gesamten USA ins Auge fassen, deren regionale Unterschiede hinsichtlich der Innovationsleistung teilweise sehr beträchtlich sind."

Es macht ihrer Meinung nach Sinn, die Erfolgsfaktoren des Valley in einen Gesamtkontext zu setzen, um zu begreifen, was sich hinter dem Erfolg verbirgt. Er besteht darin, dass Forschung, finanzielle UnterstĂĽtzung und eine spezifische Innovations- und Arbeitskultur an einem Ort mit den richtigen Strukturen zu finden ist.

Weshalb das Silicon Valley als Vorbild ĂĽberbewertet ist

Die hervorragende Stellung des Silicon Valley als Leuchtturm der Innovation darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Innovationskraft Kaliforniens auch Defizite aufweist. In einem Vergleich der Innovationsfähigkeit von über 30 Ländern, dem „Innovationsindikator", hat das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe zusammen mit seinen Partnern ZEW und UNU-MERIT im Auftrag der Deutschen Telekom Stiftung und des BDI auch Kalifornien untersucht:

„Obwohl es zu den innovativsten Regionen der Welt zählt, zeigt sich ein negativer Trend. Kalifornien hat, wie die USA insgesamt, im vergangenen Jahrzehnt seine Position innerhalb des Rankings verschlechtert."

Auch die US-Hochschullandschaft sieht insgesamt nicht so strahlend aus, wie es die wenigen Leuchttürme der Elite-Universitäten (z.B. Harvard, MIT oder Stanford) erscheinen lassen. Es ist das Ergebnis der elitären Bildungskultur in den USA, „welche die Schere zwischen exzellenten Forschungsuniversitäten und den übrigen Bildungseinrichtungen immer weiter auseinandertreibt".

Dass sich auch in Deutschland ein ähnlich starkes Auseinanderklaffen zwischen den Top-Universitäten und dem breiten Mittelfeld entwickeln könnte, sei nach Weissenberger-Eibl nicht zu erwarten: Im internationalen Vergleich steht Deutschland im Bereich Innovationsfähigkeit weit vorn - nicht zuletzt, weil neben Universitäten und Hochschulen für angewandte Wissenschaften die außeruniversitäre Forschung wesentliche Beiträge zum wissenschaftlichen Output leistet.

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Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl (Copyright: Franz Wamhof)

Wie Steven Hill heute betonte die Innovationsforscherin bereits vor zwei Jahren, dass Deutschland keine Kopie versuchen, sondern auf eigene Stärken vertrauen sollte. Eines der wichtigsten Fundamente ist der Mittelstand, dem Deutschland seine Wirtschaftskraft verdankt: Dazu zählen hierzulande 99,6 Prozent der 3,6 Millionen Unternehmen. Klein- und Mittelbetriebe stehen für etwa 60 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Der nachhaltige Erfolg verdankt sich folgenden Faktoren:

• einer soliden Entwicklung
• evolutionären Innovationen
• Gründlichkeit
• Erfindergeist
• Zielstrebigkeit.

Auch wenn Deutschlands Wirtschaftsstärke wesentlich auf seiner Innovationskraft beruht, so verweist Prof. Marion Weissenberger-Eibl auf mögliches Verbesserungspotenzial: Die hohen Leistungen hierzulande könnten etwa durch eine steuerliche Förderung von Forschung und Entwicklung unterstützt werden, die Unternehmen entscheidende Anreize geben, oder auch die Anpassungen der steuerlichen Rahmenbedingungen für Risikokapital:

„Dies würde den Wagniskapitalmarkt, der leider immer noch einen Schwachpunkt des deutschen Innovationssystems darstellt, stärken."

Im Zentrum des diesjährigen Weimarer Wirtschaftsforums am 22. Mai 2017 wird das Thema Innovation stehen. Im Mittelpunkt steht u.a. die Frage, „wie wir als Land Innovationen im Mittelstand noch besser unterstützen können" (Wolfgang Tiefensee, Thüringer Minister für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitale Gesellschaft). Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl hält den Vortrag „Leistungsfähige Innovationssysteme - worauf kommt es an?"

Literatur:

Marion A. Weissenberger-Eibl: Das deutsche Erfolgsmodell. In: Handelsblatt (4.2.2015), S. 18 f..

Steven Hill: Die Start-up Illusion. Wie die Internet-Ă–konomie unseren Sozialstaat ruiniert. Verlagsgruppe Droemer Knaur, MĂĽnchen 2017.

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