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Kopf oder Bauch? Wie wir heute die richtigen Entscheidungen treffen

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THINKING
Jamie Grill via Getty Images
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Bauchgefühl und Management

Auf die Frage, ob er den Sieg Donald Trumps so erwartet habe, antwortete BMW-Chef Harald Krüger kürzlich in der Süddeutschen Zeitung: „Mein Bauchgefühl hatte mir schon vorher einen Tipp gegeben, so war es übrigens auch beim Brexit." Nie wurde auch im Management so viel vom Bauchgefühl gesprochen wie heute. Auch der Unternehmer Erich Sixt mag für Werbung keine großen Komitees bilden, weil das auf jeden Fall schiefgehen würde. Das muss seiner Ansicht nach „aus dem Bauch heraus" entschieden werden.

Bauchentscheidungen sind auch ein Forschungsgegenstand des Psychologen Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut in Berlin. Er trainierte Menschen darin, die richtigen Entscheidungen zu treffen und stellte fest, dass es Managern häufig schwer fällt, vor anderen Menschen zuzugeben, dass sie ein Baugefühl haben. Denn wer sich mit seiner Offenheit einmal die Finger verbrannt hat, ist später sehr zurückhaltend.

Er bestätigt, dass gerade bei komplexen Sachverhalten unsere Bauchentscheidungen deutlich besser als rationale Entscheidungen sind. Sie lassen sich sogar „trainieren", indem damit begonnen wird, mehr auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse zu achten.

Führungskräfte, die dem gesunden Menschenverstand vertrauen, unterscheiden sich von anderen, die vorwiegend auf antrainierte Managementmethoden setzen, vor allem darin, dass sie ihre Arbeit um das entscheidende Maß persönlicher nehmen, intuitiv handeln und niemals mittelmäßig sind. Auch Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE setzt häufig auf den gesunden Menschenverstand, um daraus abzuleiten, wie sich die Dinge entwickeln werden.

Der Graf, Sänger der Band Unheilig, vergleicht das Bauchgefühl sogar mit Gott: „Es zeigt mir, welchen Weg ich gehen soll."

Die innere Stimme

In diesem Zusammenhang wird auch häufig auf die innere Stimme verwiesen, die nach Gigerenzer eine Form von Intelligenz ist: Sie stellt als Bauchgefühl eine Orientierung in einer gemeinsamen Welt dar und unterstützt uns darin, den Instinkt dafür nicht zu verlieren, was richtig ist.

Steve Jobs gab in einem Doktorandenseminar an der Stanford University, nachdem bei ihm Leberkrebs diagnostiziert worden war, folgenden Rat: „Lassen Sie nicht zu, dass Ihre innere Stimme in den Stimmen anderer untergeht. Und was am wichtigsten ist: Haben Sie den Mut, Ihrem Herzen und Ihrer Intuition zu folgen."

Er setzte nicht auf systematische Analyse, sondern nur auf das Bauchgefühl: „Man muss auf etwas vertrauen - auf seinen Bauch, das Schicksal, das Leben, Karma oder was auch immer. Dieser Ansatz hat mich nie im Stich gelassen und alles, was in meinem Leben wichtig war, bewirkt." Es braucht heute beides gleichzeitig: die innere Stimme und einen flexiblen äußeren Rahmen, in dem sie gehört wird.

Zum Gefühl, das Richtige zu tun, gehört auch die Inituition. Sie kommt nicht einfach aus dem Nichts, sondern ist hart erarbeitet. Auch den Zufall, der nach Louis Pasteur „auf den vorbereiteten Geist" trifft, kann nur nutzen, wer zuvor auf ihn zugearbeitet hat.

Vor einigen Jahren stellte Daniel G. Bieber, Experte für Systemische Positionierung, seinem buddhistischen Lehrer eine Frage zu einem für ihn wichtigen Thema. Seine Antwort war anders als von ihm erwartet: „Es gibt nichts zu verstehen. Wissen liegt dem Raum inne". Dabei handelt es sich um intuitives Wissen, dass einfach „da" ist. In den vergangenen Jahren machte er immer wieder diese Erfahrung: „In Momenten, wo ich am wenigsten daran dachte, kamen mir plötzlich Erkenntnisse zu Fragen, über die ich mir wochenlang den Kopf zerbrochen habe und nach Lösungen und Ideen suchte."

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Copyright: Daniel G. Bieber

Nach Ansicht von Daniel G. Bieber muss für diese Erfahrungen keine „spezielle Qualität" entwickelt werden - vielmehr geht es darum, etwas loszulassen: „Nämlich die vielen Gedanken und Konzepte, die wir ständig über alles Mögliche haben. Denn diese können uns schnell in ein sogenanntes Gedankenkarussell treiben, was uns wiederum die Offenheit raubt. Wir sehen dann nur noch einen kleinen Teil des Ganzen. Das engt ein, führt zu schlechten Gefühlen und verschließt uns mehr und mehr von unserer Intuition."

Nach Gigerenzer ist sie ein unbewusstes Werkzeug zum Nachdenken. Um sich auf sie zu verlassen, ist es wichtig, sich zuvor mit dem Gegenstand der Entscheidung vertraut gemacht zu haben.

In der Moralpsychologie kommt die Intuition immer vor dem logischen Denken. Deshalb lassen sich beispielsweise auch politische Streitigkeiten nicht allein mit Vernunft gewinnen. Vor allem, „seit der Durchlauferhitzer der Argumente den Ekel verwandelt habe", zitiert Adrian Kreye den US-Politpsychologen Jonathan Haid mit Bezug auf den Trump-Sieg am 15. November 2016 in der Süddeutschen Zeitung.

Wenn wir an unserer inneren Stimmung arbeiten, öffnet sich der Raum der Möglichkeiten und lässt unsere innere Stimme zu uns sprechen. Dabei handelt es sich nicht um ein auf Logik basiertes Wissen. Es ist nach Bieber vielmehr als eine Art Klarheit zu verstehen, die schon immer vorhanden war: „Wir haben sie nur nicht erkannt, da unsere Brillengläser verdreckt waren."

Um die Stärkung der Intuition systematisch anzugehen, bedarf es nach Ansicht des Experten effektiver Methoden, wie z.B. der inneren Positionierung, die Teil der Systemischen Positionierung ist: „Da wir unser konzeptlastiges Denken nicht einfach so abstellen können und auch nicht sollten, ist der erste Schritt, schlechte Konzepte gegen bessere Konzepte auszutauschen."

Während seiner zehnjährigen Tätigkeit im Vertrieb, Marketing und Kundenmanagement in der internationalen Luxus-Hotellerie sah er es stets als seine Aufgabe und Berufung an, Gäste zu begeistern und die dafür nötigen Ideen, Prozesse und Strukturen zu entwickeln bzw. zu schaffen.

„Nachhaltig sein" bedeutet für ihn nicht nur, eine gute Strategie, sondern vor allem auch als Mensch eine emotionale Stabilität zu haben. Wir brauchen sie nicht nur im Privatleben, sondern auch im Unternehmensalltag, wo statische Strategien vor dem Hintergrund des digitalen Wandels nicht mehr möglich sind. Jeans, Sneakers und Labs sind nur äußere Faktoren, die allein zu keiner Kulturveränderung führen.

Kopf und Bauch, Logik und Irrationales gehören zusammen. Erst diese Verbindung sorgt dafür, unsere Urteilsfähigkeit zu schärfen, um heute klare Entscheidungen im Meer der Möglichkeiten treffen zu können: Ist der Verstand eingeschaltet, zeigt sich, ob die vom Bauch ausgesendeten Signale gut und richtig sind.

Literaturhinweis:

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Alexandra Hildebrandt: Kopf oder Bauch? Wie wir heute die richtigen Entscheidungen treffen. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2016.

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