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Könnensgesellschaft: Wie Menschen zu Machern ihrer eigenen Situation werden

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Interview mit den Sportmanagementexperten und Autoren Karin Helle und Claus-Peter Niem


Die Generation Y schätzt die Unterstützung durch Mentoren besonders. Welche Erfahrungen haben Sie mit ihnen gemacht?

Die Generation Y erleben wir generell als eine sehr offene Generation, die Fragen stellt und Hilfe annimmt. Und: Eine Generation, die weiß, was sie will, Autonomie, Flexibilität und Selbstbestimmung einfordert. Letztlich geht es wie bei allen anderen Generationen auch um Themen, die mit dem Wort „Selbst" zu tun haben: „Selbstvertrauen", „Selbstglaube", „Selbstbild" - und auf der anderen Seite „Selbstzweifel" sowie das Gefühl, nicht weiter zu kommen oder eben die Richtung im Leben noch nicht gefunden zu haben. Und daraus resultierend häufig eine gewisse Labilität oder auch fehlende Bodenhaftung. Aber das mag möglicherweise eine typische Denke sein, die von Generation zu Generation weiter vermittelt wird.

Wie oben bereits erwähnt, wird zudem vieles hinterfragt. Das wiederum hat häufig auch mit besseren Ausbildungsstandards zu tun und der Tatsache, dass Präsentationstechniken in Schule und im Beruf vermehrt im Mittelpunkt stehen - sowie dem Erlernen der Kompetenz, auch kritisch seine Meinung äußern zu können.

Vielleicht spielen auch die neuen Medien und hier die Vielzahl an Informationen eine Rolle, dass jüngere Menschen die Unterstützung durch Mentoren besonders schätzen - eben eine verlässliche Größe im Leben zu haben, Ansprechpartner, die von ihren Erfahrungen berichten können. Auch das Familienleben hat sich ja total geändert - und vermittelt häufig nicht mehr so viel Stabilität wie früher.

Gibt es heute - auch aufgrund der immer „genormteren Systeme" - weniger „Typen"? Werden junge Menschen immer angepasster?

Im Profifußball ist das eine sehr auffällige Entwicklung - immer weniger Querdenker sind hier anzutreffen, kaum noch Straßenfußballer sowie ein Mangel an Typen mit Ecken und Kanten. Stattdessen Fußballprofis, die meist sämtliche Kaderschmieden der Liga oder des DFB durchlaufen haben, zudem sehr gut geschult sind in Sprache, Auftreten und Ausdruck. Und das wiederum spiegelt sich unserer Meinung nach ein Stück weit auch in unserer Gesellschaft wieder.


Wie gelingt es Mentoren, dem Denken ihrer Schüler eine neue Richtung verleihen?

Einerseits durch gutes Zuhören, andererseits durch das Setzen entsprechender Inputs an den entscheidenden Stellen. Wahlmöglichkeiten im Handeln aufzeigen, kleine Zielvorgaben vereinbaren oder Etappen und Stationen auf dem Weg hin zum großen Ziel festlegen. Auch das Erkennen eigener Werte und Grundbedürfnisse im Zusammenhang mit dem zu gehenden Weg spielt stets eine Rolle: Sprich: Passt die neue Aufgabe zu meinen ganz persönlichen Werten? Ein freiheitsliebender Mensch sollte beispielsweise diesen ihm wichtigen Wert auch in seiner kommenden Aufgabe, im späteren Job wieder finden - und eben nicht eine Aufgabe übernehmen, die ihn vom Ort, der Zeit oder den Personen zu sehr festlegt.

Auch die drei Grundbedürfnisse des Menschen, Zugehörigkeit, Anerkennung der Kompetenzen sowie Autonomie sind immer wieder ein wichtiges Thema. Sprich: Werde ich in meiner neuen Aufgabe, der neuen Organisation in meinen Kompetenzen anerkannt, habe ich noch genügend Freiraum für mich und wie zugehörig fühle ich mich? Je höher diese Werte liegen und je mehr sie in der Balance sind, desto besser kann jeder leisten - und auch der Mentee.

Weshalb spielt bei diesen Gesprächen auch das eigene Ich und damit einhergehend das Stärken der Stärken eine wesentliche Rolle?

Es gilt immer, am Selbstbild zu arbeiten sowie auch folgenden Input zu setzen: „Ich mache alles nur für mich, für meine eigene Firma". Das heißt: Man kann vieles erreichen mit Fleiß und Freude und dem nötigen Antrieb - doch alles macht man letztlich nur für sich, für die eigene immer runder werdende Persönlichkeit.

Können Sie auch hier einen Bezug zum Fußball herstellen?

Ein Nationalspieler jammerte vor einigen Jahren und warf seinem Club fehlende Dankbarkeit vor, da er nicht mehr so häufig eingesetzt wurde, obwohl er doch die Knochen für den Club hingehalten hätte. Stimmt, andererseits macht er letztlich auch alles für sein persönliches Weiterkommen bzw. die Steigerung des eigenen Marktwertes. Hier war eben ein Richtungswechsel angesagt bzw. ein Umdenken.

Was wir übrigens immer unseren Mentees mitgeben, sind eigene Tagebücher bzw. Erfolgsbücher, in denen täglich drei Erfolge notiert werden sollen. Immerhin fast 1000 Erfolge, wenn man ein Jahr durchhält. Und das wiederum hilft dem eigenen Ich auf dem Weg zum Ziel hin ungemein. Eine Ich-Wand kann ähnliche Wirkung erzielen.


Wie gelingt es Mentoren, ihren Schülern kritische Urteilsfähigkeit beizubringen, neue Perspektiven zu eröffnen und Bewusstsein zu schaffen?


Kritische Urteilsfähigkeit entwickelt man sicherlich, wenn man über die Dinge diskutiert, nicht alles gleich hinnimmt, was an Informationen geliefert wird, sondern quer denkt, auch mal über den Tellerrand schaut, sich vielfältig informiert. Wie erzählte uns ein guter Freund und Weinbauer aus der Nähe von Wien: „Ich lese jeden Tag mindestens 3 Tageszeitungen zu den gleichen Themen." Daraus bildete er sich dann stets seine eigene Meinung. Und genau darum geht es, sich einen Überblick zu verschaffen, also global zu denken, um dann ins Detail zu gehen und eine eigene Meinung vertreten. Das verschafft sicherlich neue Perspektiven sowie ein erweitertes Bewusstsein.

Darüber hinaus erzählen wir einfach immer wieder gerne Geschichten, aus denen man etwas lernen kann bzw. aus denen neue Sichtweisen heraus erwachsen. Häufig nehmen Menschen Geschichten viel besser an, wenn es nicht um sie persönlich geht, sondern eben um andere. Man fühlt sich nicht ertappt, sondern kann sich seinen Teil aus der Geschichte ableiten - und so sein Bewusstsein entwickeln und erweitern.

Weshalb ist es wichtig, dass Lernen, Wissen und Können schon früh eine Einheit bilden?

Unserer Meinung nach ist es wichtig, dass Menschen so früh wie möglich verstehen, warum sie etwas überhaupt lernen sollen bzw. einen Sinn in ihrem Tun erkennen. Das sollte am besten schon in der Grundschulzeit entwickelt werden, getreu des bereits erwähnten Mottos: „Hilf mir, es selbst zu tun!" Um im Bild zu bleiben: Es macht keinen Sinn, im ersten Schuljahr monatelang nur das Spuren von Buchstaben zu lernen. Umso wichtiger die Erkenntnis: Wieso lerne ich das Schreiben überhaupt? Und in diesem Zusammenhang sinnstiftende Momente des Schreibens entwickeln. Das geht durchaus auch schon zu Beginn der Grundschulzeit - eben das Lernen lernen, selbständig zu arbeiten, um so auch selbstbewusster in seinem Tun zu werden, darüber hinaus zu lernen, über sich und die geleistete Arbeit zu reflektieren. Umso schneller bildet sich eine Einheit zwischen Lernen, Wissen und Können.

Bereits Kinder begreifen auf diese Weise, dass sie sich durch Lernen Wissen aneignen - und dies wiederum als Könner auch präsentieren müssen. Denn das ist die Hochform - eben Gelerntes automatisch abzurufen und mit Freude vortragen zu können. So entstehen kleine Persönlichkeiten.

Und übertragen auf den Fußball?

Bei den Fußballprofis sprechen wir immer von der Trainingszeit und der Spielzeit. Die Trainingszeit ist die Zeit des Lernens, des Paukens, des „Immer besser werden Wollens" - eben die Kopfarbeit. Hier wird das Kognitive gefordert. In der Spielzeit dagegen sind es die Emotionen. Es gilt, die „Tiere rauszulassen", also positive Emotionen abzurufen, den Druck lieben zu lernen, Fehler sofort abzuhaken und nach vorne zu schauen - das wiederum ist Können. Eben die Freude am Tun und Präsentieren - und das Gefühl, alles an Gelerntem und an Wissen an Bord zu haben - und das Können, auch nach Fehlern weiter aufrecht und selbstbewusst vorweg zu marschieren.

Welche Rolle spielt dabei der klassische Ansatz der Humboldtschen Bildung, die Ausbildung selbstständiger, kritischer Persönlichkeiten?

Es ist mehr als die reine Abneigung von Wissen - Individualität und Persönlichkeit sowie die Entwicklung von Talenten spielen ebenso eine Rolle. Es umfasst die Gesamtheit der Fähigkeiten und Eigenschaften einer Persönlichkeit, die sich in einem ständigen Entwicklungsprozess befinden.

Es geht um die Förderung jedes Menschen als Person mit seinen individuellen Lern- und Entfaltungsmöglichkeiten genauso wie um Führungsaufgaben wie das notwendige Überblickwissen, um die Welt von morgen kreativ und nachhaltig mitgestalten zu können, um Urteilsfähigkeit und Handlungskompetenzen, um Kommunikationsfähigkeit. Es geht darum, dass jeder Einzelne die Chance bekommt, sich selbst zu entdecken, sein eigenes Potential zu entfalten und die jeweiligen Möglichkeiten, die sich ihm bieten, zu erschließen.

Wie können die Macherqualitäten junger Menschen gestärkt werden?

Indem man ihnen genügend Freiräume gibt, Verantwortung überträgt und zum Handeln inspiriert - nicht motiviert. Sie also im Rahmen gewisser Richtlinien, Regeln und Werte einfach machen lässt, zum Kreieren eigener Ideen ermuntert und ihnen Vertrauen schenkt. Die Förderung individueller Talente gehört genauso dazu wie das Erziehen zur Selbständigkeit und zur eigenen Reflexionsfähigkeit sowie der Input, dass es jeder ein Stück weit selbst in der Hand hat. Sicherlich ist es auch wichtig, junge Menschen stark zu reden und ihnen Mut zu machen - doch ein Stück weit müssen sie eben aus sich selbst heraus handeln.

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Die Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik (dgs) hat Claus-Peter Niem (l.), Karin Helle (2.v.l.) und Christoph Metzelder (Mitte) den Preis „Gute Sprache 2016" verleihen: Mit Unterstützung der Bundesliga-Stiftung ging Christoph Metzelder mit dem Buch von Karin Helle und Claus-Peter Niem „Jojo kommt ins Team - Camp Castle" auf deutschlandweite Lesereise und animierte während dieser Zeit mehrere hundert Kinder, sich mit ihren Stärken und Talenten auch sprachlich auseinanderzusetzen. (Foto: Erich Schwarz)

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