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Könnens-Gesellschaft: Digitalisierung braucht eine Lern- und Macherkultur

25/11/2017 16:33 CET | Aktualisiert 25/11/2017 16:33 CET
portishead1 via Getty Images

Interview mit Frauke Roloff und Hans Jörg Schumacher, Geschäftsführer der roloff & schumacher

Ihr Unternehmen arbeitet mit dem Leitsatz „Kommunikation Einfach Machen!" Was verstehen Sie darunter?

Roloff: Statt einer Wissensgesellschaft brauchen wir eine Könnensgesellschaft - oder auch eine Macherkultur. Machen besteht aus Ausprobieren und Üben - und führt damit zu Können. Und dabei Kommunizieren, sowohl über Sprache oder als auch mit Nutzung der neuen Medien. Also: Einfach Machen.

Schumacher: Kommunikation wird in der Zukunft noch stärker über den Erfolg von Organisationen entscheiden. Kluge Köpfe in den IT-Abteilungen erarbeiten tolle Lösungen, weil ihr Kunde sie anfordert. Aber ob er sie braucht, und wie er sie nutzen kann, darüber wird zu wenig gesprochen. Hier braucht es mehr Brückenbauer, damit Kommunikation leicht und erfolgreich ist.

Vor dem Digitalisieren muss die Frage geklärt werden: Ist schon alles so, wie es gebraucht wird? Um Thorsten Dirks, damals CEO der Telefónica Deutschland AG, zu zitieren: „Wer einen Scheißprozess digitalisiert, hat einen digitalisierten Scheißprozess." Also erst die Hausaufgaben in der analogen Welt machen und danach in die digitale übertragen.

Gibt es Erkenntnisse aus Veranstaltungen zum Thema Digitalisierung?

Roloff: Zum Thema „Digitalisierung - und nun? Habe ich vor kurzem in einer Barcamp Session mit Interessierten gearbeitet. Mehrheitlich haben die Teilnehmer die Digitalisierung als Chance für sich gesehen, privat und beruflich. Neue Services wurden gelobt - aber auch welche bemängelt, wie die Warteschleifen der Telefonanbieter. Als Chance wurde vor allem eine neue Fehlerkultur und daraus lernen dürfen, und zunehmende Freiheiten für Arbeitnehmer gesehen.

Politisch wird viel Nachholbedarf gesehen, da hätte Deutschland vieles verschlafen. Die Teilnehmer sahen aber auch berechtigte Jobängste, z. B. selbstfahrende Fahrzeuge. Wer braucht dann noch Busfahrer oder Taxifahrer? Der Mensch solle im Mittelpunkt bleiben.

Spannend fand ich, dass wir keinen vernünftigen Begriff für "Digitalisierung, was ist das?" gefunden haben. Auch auf einen Zeitpunkt konnten wir uns nicht einigen. Hatten wir Digitalisierung nicht schon, als "die Bilder laufen lernten"? Oder gilt sie erst, wenn es eine echte künstliche Intelligenz gibt? Als Skills, die in der Zukunft gebraucht werden, wurde "Mut zum Machen" genannt - aber auch "Mut sich zu öffnen". Dafür brauche es Vertrauen und die Kultur müsse passen. Wie wahr! Außerdem müsse der „Arbeitnehmer 4.0" mit Komplexität umgehen und erfahren, was er wirklich brauche, damit er zunehmend virtuell effektiv arbeiten kann.

Schumacher: Wir gestalten auch eigene Events zum Thema Digitalisierung, die wir meist über das Businessnetzwerk Xing organisieren. Anfang 2018 werden wir darüber hinaus in Kooperation mit dem Wirtschaftsverband Emsland verschiedene Formate zum Thema Digitalisierung anbieten.

Sie sagen, Digitalisierung brauche Lernkultur. Was bedeutet das?

Schumacher: Um erfolgreich auf dem Weg der Digitalisierung zu sein, braucht es den Willen zur Veränderung und den Mut zum Machen. Kreativität und Innovation kommen, wenn man ihnen Raum gibt und sie mit gut gewählten Fragen zu Tage fördert.

Roloff: Es ist einfach toll, bei jedem Projekt zu erleben, wie Menschen über sich hinauswachsen und mehr schaffen, als sie sich vorher selbst zugetraut haben.

Schumacher: Und dafür braucht es Mut zum Machen. Diesen kann man nur fördern, wenn man Fehler zulässt, um daraus zu lernen.

Roloff: Ja, wer handelt, macht Fehler. Wer keine machen darf, kann folglich nicht effektiv arbeiten. Die Kunst der Führung ist es dabei, den Überblick zu behalten, damit Fehler kalkulierbar bleiben und wirklich zu einem nachhaltigen Lernerfolg führen. Wir sprechen deshalb nicht von einer Fehler-, sondern von einer Lernkultur.

Welche Rolle spielt denn gute Führung für die überall gepriesene Agilität von Mitarbeitern?

Schumacher: Eine gute Führungskraft muss Vertrauen in die Fähigkeiten seiner Mitarbeiter haben. Die Zeit der engen Flaschenhälse, wo eine Person alles alleine entscheidet, ist vorbei. Die moderne Führungskraft führt also nicht autoritär und auch nicht laissez faire, sondern partizipativ. Führungskräfte sind nicht allwissend. Sie machen ebenso Fehler wie ihre Mitarbeiter.

Roloff: Flaschenhälse in der Führung treffen tendenziell mehr falsche Entscheidungen, weil sie nicht in jedem Teilbereich Spezialist sein können. Die Mitarbeiter sind viel näher an ihrem Thema dran. Außerdem ist das Flaschenhalsmodell in einer immer komplexeren, vernetzten Welt vollkommen uneffektiv. Da Führungskräfte aber für jeden Fehler in ihrem Team auch selbst geradestehen müssen, brauchen sie viel Vertrauen zum Mitarbeiter, um sein Potenzial und seine besonderen Stärken zu erkennen und um einschätzen zu können, was er noch nicht kann. Und sie brauchen auch Vertrauen vom Mitarbeiter, damit dieser sich ihr gegenüber öffnet, wenn es Probleme gibt und die Ampel im Projekt mal nicht auf grün steht. Oder wenn es andere, vielleicht auch familiäre Störungen gibt, die zum beruflichen Problem werden könnten.

Führungskräfte brauchen also stabile zwischenmenschliche Beziehungen zu ihren Teammitgliedern, um Vertrauen zu entwickeln und zu fördern. Das erwirbt man sich mit Interesse am und Wertschätzung gegenüber dem Mitarbeiter.

Macht man so einfach Mitarbeiter zu Machern?

Schumacher: Ein Kulturentwicklungsprozess in einer Organisation oder ein kompletter Mindchange beim Einzelnen brauchen Zeit. Um einen erfolgreichen Change einzuleiten, braucht es Vorbilder, die anleiten, fördern und fordern, ausprobieren lassen und im Gespräch bleiben.

Roloff: Um wirklich nachhaltige Erfolge zu erzielen, haben wir die roloff & schumacher akademy gegründet. Kurze aktivierende Lerneinheiten, nicht mehr als 3 bis 8 Minuten täglich, also prägnante Lernnuggets, reichen aus. Der Teilnehmer reflektiert eine Fragestellung zum Thema über den ganzen Tag und schreibt abends seine Erkenntnisse in sein Lerntagebuch, sein Logbuch. Erst danach schaltet sich der nächste Lernnugget für den Folgetag frei. Durch die Melange verschiedener methodisch-didaktisch sinnvoll aufeinander aufbauender Inhalte erreichen unsere Teilnehmer eine nachhaltige Lernentwicklung.

Schumacher: Genau. Ein einmaliges Training oder Workshop gibt eine gewisse Zeit Motivation. Aber wenn dann nichts mehr passiert, passiert eben auch nichts mehr. „Was ist denn mit dem Chef, der ist so anders?" „Der war beim Training!" „Ach, dann ist er ja bald wieder wie immer...!" Das geht auch anders, eben nachhaltiger!

Roloff: Wer viel Geld für Weiterbildung ausgibt, erwartet mit Recht einen bestmöglichen Return on Investment. Das Thema Retentionmanagement...

Mitarbeiterbindung?

Roloff: Mitarbeiterbindung, wird ebenfalls immer wichtiger. War es früher relativ einfach, aus einer Schar von Bewerbern die besten rauszusuchen, sind Unternehmen mitunter froh, wenn sie überhaupt ausreichend Bewerbungen erhalten. Und dann gilt es, die neuen Mitarbeiter auch optimal einzuarbeiten. Bei zunehmender Digitalisierung wird die Arbeit komplexer und die Einarbeitung bindet Ressourcen. Da ist es viel effektiver, erfolgreiche Mitarbeiter zum Beispiel durch gute Führung und eine wertschätzende Unternehmenskultur an das Unternehmen zu binden.

Sie beschäftigen sich mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen. Inwieweit sind die Hirnstudien relevant für die Digitalisierung?

Schumacher: Es gilt, verschiedene Hürden zu nehmen, damit neue Erkenntnisse nachhaltig im Gehirn ihren Platz finden. Es braucht dafür einen Zeitraum von rund einem Monat Beschäftigung mit einem neuen Thema, um zu reifen - und das Gehirn will belohnt werden für seinen Lerneinsatz. Prägnante Ansprache der verschiedenen Sinne durch den Einsatz unterschiedlicher Medien ist erheblich effektiver als reines „Stoffpauken".

Über Frauke Roloff und Hans Jörg Schumacher:

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Copyright: roloff & schumacher gmbh

Frauke Roloff, Jahrgang 1969, ist Geschäftsführerin der roloff & schumacher gmbh und unterstützt Unternehmen dabei, in Veränderungsprozessen nachhaltig erfolgreich zu sein.

Nach einer zweijährigen Ausbildung zur Versicherungskauffrau startete sie 1991 im Verkauf und entschied sich 1995 als vertrieblich erfolgreiche junge Frau Vertriebstrainerin zu werden. 17 Jahre blieb sie der Finanzdienstleistung treu.

2017-07-23-1500833626-3203653-DerHuffPostWhatsAppNewsletter6.png Die wichtigsten News des Tages direkt aufs Handy - meldet euch hier an.

2006 entschloss sie sich für einen Branchenwechsel und Neustart. Über acht Jahre baute sie ein Beratungsinstitut verantwortlich mit auf, vom Kleinunternehmen zum Mittelstand, um nach einer Projektmanagementzertifizierung mit einem langjährigen Geschäftspartner die roloff & schumacher gmbh zu gründen.

Frauke Roloff erkennt schnell, was in komplexen Systemen gut zusammenpasst und funktionieren wird, um einen Wandel in die richtige Richtung zu implementieren. Damit konnte sie Personalvermittlerin, Unternehmensberaterin oder Heiratsvermittlerin werden. Sie hat sich für die Organsationsentwicklung entschieden, weil sie täglich erleben will, wie etwas Gutes noch besser wird.

Hans Jörg Schumacher ist Geschäftsführer der roloff & schumacher gmbh und arbeitet seit 1995 als Kommunikations- und Führungskräftetrainer in den unterschiedlichsten Bereichen und Branchen. Seine Karriere begann er vor über 30 Jahren als Verkäufer im Innen- und Außendienst, auch auf internationaler Ebene, bevor er sich entschloss, die Strategien und Techniken in Seminaren und Workshops weiterzugeben.

1995 gründete er seine erste Trainingsfirma schumacher! kommunikation einfach machen und veranstaltet seitdem von ihm - auf der Basis des NLP, der Transaktionsanalyse und der Wertetheorie von Claire Graves - weiterentwickelte Verkaufs- und Kommunikationstrainings speziell für Führungskräfte.

Der Schwerpunkt seiner Arbeit liegt neben der Vermittlung von innovativen und effektiven Erfolgsstrategien auf der Entwicklung sozialer Kompetenz und emotionaler Intelligenz in Organisationen hin zu profitablen und sinnstiftenden Formen der Zusammenarbeit.

Zum Trainerberuf kam er über sein Hobby, die Archäologie: Das Wissen um die Vergangenheit, die Lebendigkeit der Mythen und die Möglichkeiten zur Interpretation selbiger sind aus seiner Sicht hervorragend geeignet, den Menschen im Hier und Jetzt zu helfen, sich erfolgreich den Herausforderungen des Alltags zu stellen.

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