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Warum der alte Knigge immer noch brandaktuell ist

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Jacob Ammentorp Lund via Getty Images
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Das aktuelle Büchlein von Max Scharnigg ist ein nachhaltiger Leseschmaus, der nicht nur mit dem Besteck des menschlichen Verstandes zerlegt werden, sondern auch ganz mit dem Herzen aufgenommen werden sollte. Jede Seite ist so gehaltvoll wie unterhaltsam. Es finden sich "erlesene" intellektuelle Vorspeisen, Haupt- und Nachgänge, schnell und schwer Verdauliches, klug arrangierte Worte.

Je mehr Verantwortung in der Gesellschaft abgegeben wird, desto mehr verstärkt sich das menschliche Bedürfnis, sich eine eigene Haltung zu verschaffen oder zu bewahren, die sich auch in gutem Benehmen zeigt.

Scharnigg beweist Geschmack in einer Zeit, in der so vieles geschmacklos scheint - besonders in der virtuellen Welt, die ein fester Bestandteil unseres Alltags geworden ist, in dem die Grenzen zwischen digitalem und analogem Erleben immer mehr verschwimmen.

Der Titel "HERRN KNIGGE GEFÄLLT DAS!" verweist einerseits auf die Aktualität von Knigges Grundsätzen und ist andererseits eine Anspielung auf das digitale "Gefällt mir".

Knigge ist immernoch gĂĽltig

Der alte Knigge hat auch nach 240 Jahren Gültigkeit - "gerade weil grundlegende Elemente der Höflichkeit, des Hausverstandes und des guten Stils unter virtuellen Bedingungen noch schneller erudieren als auf der Straße: Langweile nicht! Sprich nicht immer nur von dir! Respektiere die Meinungen anderer!"

Enthalten ist auch eine Vielzahl von Knigge-Originalzitaten, die es wert sind, auch hier erwähnt zu werden, weil beim Lesen all jene vor dem inneren Auge erscheinen, die auf jeder Party sind, mit dem Weinglas von Tisch zu Tisch hüpfen, aber keine richtigen Gespräche führen, mit einem großen Freundeskreis prahlen und niemals allein sein können:

"Wer täglich herumrennt, wird fremd in seinem eigenen Herzen, muss im Gedränge müßiger Leute seine innere Langeweile zu töten trachten..."

"Umarme nicht jeden. DrĂĽcke nicht jeden an dein Herz. Was bewahrst Du den Bessern und Geliebten auf, und wer wird deinen Freundschaftsbezeigungen trauen, ihnen Wert beilegen, wenn du so verschwenderisch in Austeilung derselben bist?"

"Mache dich rar, ohne dass man Dich weder fĂĽr einen Sonderling, noch fĂĽr scheu, noch fĂĽr hochmĂĽtig halte!"

"Lerne dich selbst nicht zu sehr auswendig, sondern sammle aus BĂĽchern und Menschen neue Ideen."

An alle "Ich-Performer"

Adressiert ist Scharniggs Buch an eine Gesellschaft von "Ich-Performern", die zwar mit anderen ständig in Interaktion treten, aber doch meistens allein mit sich sind in einer Welt, in der "Klick- und Daumenzahlen" die wichtigste Währung sind.

Die hier angesprochenen Themen wie Manieren, Höflichkeit, Gelassenheit, Genauigkeit oder gesunder Menschenverstand (Hausverstand) sind keine Relikte aus der Vergangenheit, sondern hochaktuell. Das zeigen auch die verschiedenen HuffBlog-Reflexionen besonders der letzten beiden Jahre.

Seitdem ist Max Scharnigg nämlich auch hier ein großer Inspirator. So wird im Blogbeitrag Warum eine Gesellschaft Muße braucht, der 2014 erschien, Bezug genommen auf seinen sinn- und gedankenreichen SZ-Beitrag (mit Friedemann Karig) "Flaneur im Netz", der als Exkurs ("Der Netzflaneur") auch in seinem aktuellen Buch zu finden ist.

Der Beitrag beschäftigt sich u.a. mit der Frage, ob in der digitalen Kultur noch Platz ist für beobachtende Spaziergänger, und ob das, was heute "Surfen" genannt wird, nicht die perfekte Entsprechung zu dem ist, was die Kreativen bereits einhundert Jahre zuvor praktizierten.

Digitales Flanieren ist für beide eine beständige und anstrengende Unterscheidung in wichtig und unwichtig. Kurz, es geht um Relevanz.

"Trotz oder gerade wegen ihrer unmenschlichen Eigenschaften ist die virtuelle Welt das Beste, was Sinnsuchern und Spaziergängern passieren konnte, nie war Flanieren so vielversprechend."

Wie im richtigen Leben so gilt allerdings auch hier: Wer sich kreativ und sorgfältig artikuliert, "in seinem Blog gute Ideen ausbreitet und nicht immer nur nach dem schnellen Gag sucht, der wird vom Netz irgendwann genau dafür respektiert und kann befreit aufspielen".

Die Kernbotschaft

Scharniggs Kernbotschaft ist, dass bei der Kommunikation im Netz die gleiche RĂĽcksicht walten sollte wie im eigenen kleinen Bekanntenkreis. GroĂźherzigkeit und Empathie seien auch in der virtuellen Welt erlaubt.

Aber auch diesen Themen wird Aufmerksamkeit geschenkt: der Ordnung auf dem Bildschirm, dem Klingelton des Handys ("so auffällig wie unbedingt nötig"), dem Griff zum Smartphone nach dem Beischlaf (zur Zigarette zu greifen, hätte noch Tradition, aber der Griff zum Smartphone "lässt den nicht besonders charmanten Verdacht zu, dass man schon vorher nicht recht bei der Sache war"), der universellen Lebensregel, wonach alles noch einmal neu bewertet wird, wenn man eine Nacht drüber geschlafen hat, dem immer offenen Kommentarfenster unserer Geräte "der Berg, auf den Sisyphos seinen Fels rollt"), der "Urheber-Etikette" und eigenen Visitenkarte im Netz ("Wer auch immer ein Schild ins Netz hängt, sollte jedenfalls gelegentlich nachsehen, ob es nicht inzwischen sehr rostig geworden ist.").

Wo immer heute über Manieren geschrieben wird, taucht auch der Name Jane Austen auf. Sie würde sich jedenfalls schwertun, bemerkt Scharnigg, "ein paar hundert Seiten stummes Schwärmen an einem Tinder-Flirt festzumachen."

Die britische Schriftstellerin aus der Zeit des Regency, deren Hauptwerke "Stolz und Vorurteil" und "Emma" zu den Klassikern der englischen Literatur gehören, wird auch von der Ratgeberliteratur gerade wiederentdeckt.

Jüngst erschien von Rebecca Smith "Jane Austens Ratgeber für moderne Lebenskrisen. Antworten auf die brennenden Fragen zu Leben, Liebe, Glück (und was Frau dabei trägt)" im Lambert Schneider Verlag - WBG.

Schreiben war fĂĽr Austen nicht nur ein "kleines Hobby", sondern echte Hingabe an ihr "schriftstellerisches Handwerk": eine KĂĽnstlerin dĂĽrfe "nichts schludrig machen".

Viele HuffBlog-Themen aus der analogen Welt finden sich auch hier - etwa die die echte Kunst des Briefeschreibens oder des Flanierens: Jane Austen ging gern spazieren und hatte ihre selbstgefertigten Notizbücher dabei, die wiederum wie Füller, Uhr und Kompass als "wunderbare und sinnliche Begleiter" im Buch von Max Scharnigg unverzichtbar sind, weil sie auch "den schnödesten Momenten" im Digitalisierungszeitalter "ein bisschen Glanz verleihen" können.

Aber auch die dunkle Seite, der Tod, wird in Scharniggs Büchlein nicht vergessen: So findet sich am der Hinweis, dass es zur Pflicht eines Angehörigen oder Freundes eines Verstorbenen gehört, auch dessen virtuelle Angelegenheiten zu regeln:

"Wer alles derart wohlsortiert hinterlässt, kann Herrn Knigge aufgeräumt entgegentreten."

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Zur Person:
Max Scharnigg wurde 1980 in München geboren. Nach dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung an der Journalistenschule und arbeitete zehn Jahre als Redakteur und Kolumnist in der Redaktion von jetzt.de, dem jungen Magazin der Süddeutschen Zeitung. Er war Redakteur bei NIDO und in der Redaktion des Weekender. Daneben veröffentlicht er diverse Texte u.a. für das SZ-Magazin, Architectural Digest, Musikexpress, Merian und The Germans. Seit 2014 ist er Redakteur der Süddeutschen Zeitung am Wochenende.

Im März 2010 erschien bei Herder sein Reisebuch "Hotel Fatal", im Oktober 2010 die Kolumnen-Sammlung "Das habe ich jetzt akustisch nicht verstanden!" im Fischer Verlag. Für den Roman "Die Besteigung der Eigernordwand unter einer Treppe" wurde Max Scharnigg 2009 das Münchner Literaturstipendium zuerkannt und für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2010 nominiert. Das Buch erschien im Februar 2011 im Verlag Hoffmann&Campe, Hamburg. Danach wurde es mit dem Bayerischen Kunstförderpreis 2011 und dem Mara-Cassens-Preis 2011 ausgezeichnet.

2013 erschien der Roman "Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau". Die Experimente mit der Selbstversorgung finden ihre Aufarbeitung in den Büchern "Feldversuch" (2012, Fischer Verlag) und der Angelphilosophie "Die Stille vor dem Biss" (2015, Atlantik Verlag). Aktuell: "HERRN KNIGGE GEFÄLLT DAS!" (2016, Hoffmann und Campe Verlag/Atlantik).

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