Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Klimawandel: Warum wir die Wahrheit leugnen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KLIMAWANDEL
GettyImages
Drucken

Wenn es um den Klimawandel geht, schauen wir zwar hin, haben aber meistens scheinbar Wichtigeres zu tun, als uns um so ein abstraktes Thema zu kümmern. Wir nehmen Dürren, Hungersnöte, Überschwemmungen und Artensterben zur Kenntnis, aber all das bleibt nicht lange im Bewusstsein und lässt uns emotional abstumpfen.

Auch die Medien tun sich schwer, ein solches Thema durchgehend präsent zu halten. Einige sprechen sogar von „Mitleidsmüdigkeit".

Die kanadische Journalistin, Autorin und Globalisierungskritikerin Naomi Klein hält uns in ihrem akribisch recherchierten und packenden Buch „Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima (S. Fischer, 2015) einen Spiegel vor, denn wir neigen wohl alle dazu, die Wahrheit zu leugnen, wenn sie zu viel kostet.

Sie zitiert dazu Upton Sinclair: „Man kann einen Mann nur schwer dazu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängt, dass er es nicht versteht!"

Sie zeigt anhand konkreter Beispiele auch aus Deutschland, wie wichtig es ist, im großen Maßstab zu denken, aber tief unten anzusetzen „und die ideologischen Pfähle weit weg vom erdrückenden Marktfundamentalismus einzuschlagen, der sich als größter Feind für das Wohlergehen der Erde entpuppt hat".

„Weckruf für die Zivilisation"

Wird unser kultureller Kontext auch nur ein wenig verschoben, dann tut sich ein winziger Spielraum für nachhaltige Reformen auf, „durch die sich der Kohlendioxidanteil in der Luft zumindest in die richtige Richtung bewegen würde".

Der Klimawandel ist für sie ein „Weckruf für die Zivilisation", bei dem es vor allem darum geht, auch unsere Denkweise zu ändern. Wir sagen uns, dass wir im Großen ohnehin nichts tun können - also kaufen wir weiter auf Bio-Märkten ein, teilen Dinge statt sie zu besitzen, pflegen unsere Gärten, aber wir tun nichts, um das System zu ändern, das die Krise unausweichlich macht.

Um es zu reformieren, müssen wir verstehen, wie unsere Wirtschaft strukturiert ist. Denn nur wer versteht und selber denkt, ist auch handlungsfähig.

Anhand zahlreicher Beispiele belegt Naomi Klein, dass der Klimawandel ein Katalysator für einen positiven Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft werden kann. Ihr Buch führt uns vor Augen, wer wir sind - nämlich keine Zuschauer, sondern normale Menschen, die eine Krise ausrufen können, die sich kollektiv nutzen lässt, um den Sprung in eine bessere Welt zu wagen.

--------

Pressemitteilungen wie die folgende vom Institute for Advanced Sustainability Studies e.V. (15.7.2015) brauchen einen entsprechenden Kontext, der nicht nur Experten einbezieht, sondern alle Menschen. Naomi Kleins „Entscheidung" kann ihnen auch zwischen den Zeilen ein guter Wegweiser sein.

Climate Engineering in naher Zukunft keine Option für Klimapolitik

Gezielte Eingriffe in das Klima („Climate Engineering" oder „Geoengineering") sind kein Ersatz für die Verminderung von Kohlendioxidemissionen und für die Umsetzung von Anpassungsstrategien angesichts der negativen Folgen des Klimawandels.

Ob es überhaupt möglich wäre, eine der vorgeschlagenen Climate-Engineering-Techniken so weit zu entwickeln und dann in einem Maßstab umzusetzen, welcher den Klimawandel spürbar bremsen würde, ist bislang unklar. Dies sind zentrale Schlussfolgerungen des European Transdisciplinary Assessment of Climate Engineering (EuTRACE; europäische transdisziplinäre Bewertung von Climate Engineering).

Generell ist offen, ob die gesellschaftlichen und ökologischen Folgen, die mit einzelnen Techniken verbunden sind, als Preis für eine Minderung der globalen Erwärmung akzeptiert würden und wie diese Akzeptanz oder Ablehnung demokratisch ermittelt werden sollte.

Climate-Engineering-Techniken weiterhin zu erforschen, um ihr Potenzial als partielle Gegenmaßnahme zum Klimawandel in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts und in fernerer Zukunft auszuloten und um zu verstehen, welche gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen sie im Einzelnen hätten, ist zwar vernünftig, aber es wäre unklug zu erwarten, dass Climate-Engineering in der Klimapolitik des nächsten Jahrzehnts, wahrscheinlich sogar der nächsten Jahrzehnte, eine Rolle spielen wird.

Verantwortliche Entscheidungen fällen

„Es ist wichtig, die mit den Climate-Engineering-Vorschlägen einhergehenden Möglichkeiten und Probleme zu erkennen, um verantwortungsbewusste Entscheidungen fällen zu können. Nach unseren derzeitigen Kenntnissen wäre es aber unverantwortlich damit zu rechnen, dass Climate Engineering in den nächsten Jahrzehnten nennenswert zur Lösung des Problems des Klimawandels beitragen kann.

Die Folgen des Klimawandels werden wir nur begrenzen können, wenn sich alle Staaten auf dem Klimagipfel in Paris und darüber hinaus zu drastischen Absenkungen ihrer CO2-Emissionen verpflichten und diese Verpflichtung in den Folgejahren einhalten", betont Professor Mark Lawrence, Projektkoordinator von EuTRACE und wissenschaftlicher Direktor des IASS Potsdam.

EuTRACE wurde von der EU finanziert und führte Wissenschaftler aus 14 europäischen Partnerinstituten mit breiter Expertise zum Thema Climate Engineering zusammen.

Wesentliche Bewertungsergebnisse

Die Metastudie liefert einen Überblick zu einem breiten Spektrum an Climate-Engineering-Techniken sowie zu der Frage, was sie leisten können und was nicht. Sie beleuchtet zahlreiche Probleme und Bedenken im Hinblick auf Climate Engineering und konzentriert sich dabei auf drei beispielhafte Techniken: Bioenergie mit CO2-Abscheidung und -Speicherung (BECCS), Eisendüngung des Ozeans (OIF) und stratosphärische Aerosolinjektion (SAI).

Die Forschung zu Climate Engineering beschränkte sich bisher meist auf Klimamodelle und kleine Feldversuche.

Dabei zeigte sich nicht nur das Potenzial der Entfernung von Treibhausgasen und möglicherweise der Albedomodifikation als langfristiger Beitrag zum Kampf gegen den Klimawandel, sondern es wurden auch zahlreiche Probleme deutlich, sowohl bei Kosten, Technologien und Umweltfolgen als auch im Hinblick auf die gesellschaftlichen Auswirkungen sowie die Entwicklung von Regulierung und Governance.

Eine wissenschaftliche Herausforderung, die sich für Techniken zur Treibhausgas-Entfernung und zur Albedomodifikation stellt, ist die Erforschung zahlreicher schädlicher Folgen für Ökosysteme, die Climate Engineering nach sich ziehen könnte und die derzeit weitgehend unklar oder unbekannt sind. Andere Herausforderungen beziehen sich auf einzelne Techniken innerhalb der folgenden beiden Kategorien:

Techniken zur Entfernung von Treibhausgasen stehen vor zahlreichen wissenschaftlichen und technischen Problemen, unter anderem:

- die Klärung, ob die Techniken, ausgehend von heutigen Prototypen, einsatzreif gemacht werden können und wie hoch die Kosten wären;

- die Klärung, welche Grenzen dem Verfahren aufgrund verschiedener technikabhängiger Faktoren, wie etwa der verfügbaren Biomasse, gesetzt sind;

- die Entwicklung umfangreicher Infrastrukturen und Energieinputs sowie der finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen, die für die Mehrzahl der Techniken benötigt würden. Nach derzeitigem Kenntnis- und Erfahrungsstand könnte es viele Jahrzehnte dauern, ehe eine der Techniken spürbaren Einfluss auf die globalen CO2-Konzentrationen hätte.

Vorschläge zur Abkühlung der Erdoberfläche durch Erhöhung der Albedo, also des Anteils an Sonnenlicht, der von der Erde ins Weltall zurück reflektiert wird, stehen ebenfalls vor erheblichen wissenschaftlichen und technischen Herausforderungen.

Es ist unklar, ob auch nur eine der vorgeschlagenen Techniken jemals technisch realisierbar sein wird. Zu den Herausforderungen, die als erstes gelöst werden müssten, gehören:

- umfangreiche und kostspielige Infrastrukturen für landgestützte Techniken;

- Ausbringungsmechanismen für Aerosolinjektionen (wie Flugzeuge oder angebundene Ballons) und dazugehörige Düsentechnologien;

- sehr viel fundiertere Kenntnisse der zugrundeliegenden physikalischen Prozesse, wie etwa die Mikrophysik von Partikeln und Wolken, und die Klärung der Frage, wie deren Veränderung regional und global das Klima beeinflussen würde.

Gesellschaftlicher Kontext sowie Regulierungen und Governance

Eine Hauptaufgabe der EuTRACE-Metastudie war es, die möglichen Auswirkungen verschiedener Climate-Engineering-Techniken auf die Sicherheit für den Menschen sowie auf Konfliktrisiken und gesellschaftliche Stabilität zu beleuchten.

Derzeit ist keines der bestehenden internationalen Vertragsorgane in der Lage, Techniken des Climate Engineerings insgesamt umfassend zu regulieren.

Die Studie betont daher, wie wichtig es ist, die Öffentlichkeit in diese Debatte einzubeziehen. Sie regt an, dass EU-Staaten eine gemeinsame Position zu verschiedenen Techniken oder allgemeinen Aspekten des Climate Engineerings entwickeln könnten, insbesondere wenn diese mit der hohen Bedeutung in Einklang gebracht werden könnte, die das EU-Primärrecht dem Umweltschutz beimisst.

Quelle: Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS Potsdam)

Kontakt: corina.weber@iass

EuTRACE-Bericht

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter
blog@huffingtonpost.de
.


Lesen Sie auch:

Video: Bedrohlich: Schon bald könnten die Gletscher des Mount-Everest getaut sein

Hier geht es zurück zur Startseite