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Klimawechsel: Warum Wolfgang Scheunemann als deutscher „CSR-Papst" bezeichnet wird

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Anleitung zum modernen Leben

In seiner ersten Umwelt-Enzyklika „Laudato Si" („Über die Sorge für das gemeinsame Haus"), die Umweltaspekte, Ethik, Politik und Religion verbindet, charakterisiert Papst Franziskus, wie es mit unserer Erde und uns „bestellt" ist.

Charakterisiert werden die aktuellen Probleme als negative Folgen der heutigen „Wegwerfgesellschaft": Umweltverschmutzung, voranschreitender Klimawandel, Ressourcenknappheit, Rückgang der Biodiversität, sozialer Zerfall, zunehmende Gleichgültigkeit und Ohnmacht.

Es geht darum, über das Weltgemeinwohl nachzudenken, zu dem vor allem Gerechtigkeit und eine Umkehr des Denkens gehören. Der „unverantwortliche Gebrauch und Missbrauch" der Natur schade vor allem den Entwicklungsländern.

Kritisiert wird auch, dass die Länder mit den größten Ressourcen am wenigsten für einen ökologischen Wandel tun. Aber auch die Blockadehaltung der Wirtschaft und die mangelnde Empathie des Einzelnen.

Was unseren Planeten heilen kann

„Alle können wir als Werkzeuge Gottes an der Bewahrung der Schöpfung mitarbeiten, ein jeder von seiner Kultur, seiner Erfahrung, seinen Initiativen und seinen Fähigkeiten aus."

Um das zu tun, brauchen wir Demut, Dankbarkeit und Empathie, die auch für die Mitbegründerin der Huffington Post und Chefredakteurin Arianna Huffington zu den sinnvollsten Reaktionen „auf die vielfachen Probleme in der Welt" gehört.

Es sind die „einfachen" Menschen, die die Worte des Papstes verstehen und die tief berührt sind. Er betont die Bedeutung der Empathie, weil sie den „anderen" fehlt.

So hat auch der US-amerikanische Psychologe Daniel Goleman nachgewiesen, dass Menschen mit niedriger sozialer Stellung in Tests der zutreffenden Empathie besser abgeschnitten haben.

Beispielsweise können sie die Emotionen anderer besser am Gesicht und sogar an Muskelbewegungen rund um die Augen ablesen. Sie „konzentrieren sich besser auf andere als höher gestellte Personen." („Konzentriert euch! Eine Anleitung zum modernen Leben, 2013)

Empathie ist eine der wichtigsten Fähigkeiten, die wir brauchen, um eine lebenswerte Zukunft zu schaffen. Denn nur dadurch sind wir in der Lage, dem Sein eines anderen Menschen begegnen, seine zu Integrität erfahren und das Wesen einer Situation spüren.

Empathische Menschen können vielleicht auch besser beten, weil sie sich auf die Kraft des Wesentlichen fokussieren. Franziskus Ansatz erinnert aber zugleich auch an den afrikanischen Spruch: „Wenn du betest, beweg deine Füße." Ein Gebet ohne Handeln bleibt wirkungslos. Nachhaltigkeit braucht einen beweglichen Geist.

Das lebt auch Franziskus vor: So werden im Vatikan, wo täglich bis zu sechs Tonnen Müll anfallen, Abfälle sauber getrennt. Die Audienzhalle verfügt über ein Solardach, die Wand- und Deckenfresken der Sixtinischen Kapelle sind mit LED-Leuchten ausgestattet, und Dienstwagen haben unter Franziskus weniger Hubraum.

Das ist nur ein Beispiel dafür, wie Franziskus seinen Fokus auf das Machbare in der Gegenwart legt. Wirklichkeit ist für ihn etwas, das im Menschen ist, verändert und neu gestaltet werden kann.

Warum wir mehr können als wir glauben

Vom Anthroposophen Rudolf Steiner stammt der Satz, dass das Sakrament der Zukunft Begegnung ist. Darin geht es um die Substanz und Präsenz zwischen uns und anderen.

Beides zu pflegen war stets ein wichtiges Anliegen von Wolfgang Scheunemann, dem Geschäftsführer von dokeo in Stuttgart sowie Initiator und Organisator des Deutschen CSR-Forums - Internationales Forum für Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit.

Auf dem 11. Deutsches CSR-Forum im April 2015, das unter dem Motto „Phantastische Vielfalt" stand und an dem 900 Personen teilnahmen, übergab er seine Aufgaben in jüngere Hände.

Künftig verantwortlich dafür werden der Stuttgarter Messeveranstalter Peter Sauber und seine Mitarbeiterin Silke Frank sein. Allerdings möchte er die beiden in den nächsten drei Jahren noch weiter unterstützen.

Der Ex-Daimler-Manager wurde in den Medien immer wieder als „CSR-Papst" bezeichnet: zuerst vor einigen Jahren von Volker Angres, Leiter der Umweltredaktion ZDF, dann von Markus Gürne, Ressortleiter der ARD-Börsenredaktion und Moderator des ARD-Wirtschaftsmagazins Plusminus sowie von Günter Jungnickl (Bietigheimer Zeitung, 21.04.2015).

Dass dieser Begriff übertragen wurde, hat nichts mit Eitelkeit und Größenwahn zu tun, auch nichts mit der offiziellen Funktion des Papstes, sondern allein mit der Aufgabe, die er erfüllt.

Er ist Mittler zwischen den Menschen und etwas, das über sie und das eigene Leben hinausreicht. Er fordert nicht, sondern regt zum Umdenken an - durch Vorleben und den Verweis auf das Machbare in der Gegenwart.

Verständlichkeit, Transparenz und Sinnhaftigkeit sind dabei wichtige Anker im Meer der Möglichkeiten. Die Bezeichnung „CSR-Papst" bedeutet vielmehr, dass jeder von uns jeden Tag an jedem Ort selbst Papst sein kann, wenn es darum geht, uns den Aufgaben, die das Leben an uns stellt, so zu widmen, dass unser Handeln wirksam (nachhaltig) ist.

Das Engagement von Wolfgang Scheunemann steht stellvertretend für viele, die sich im CSR-Bereich aktiv einbringen im Bewusstsein, dass sie etwas verändern können, weil sie es wollen.

Damit verbunden ist auch wieder der Empathie-Bezug. So ging es dem CSR-Experten beim Thema moralisches Handeln in der Vergangenheit vor allem um eins: „dass jeder Einzelne herausfindet, wo die eigene Betroffenheit ist."

Die spürte der ehemalige Leiter der Technologie- und Umweltkommunikation bei DaimlerChrysler bei einem Besuch im brasilianischen Regenwald. Es brachte ihn zum Nachdenken, dass es den Menschen dort am Nötigsten (sauberes Trinkwasser etc.) fehlt.

Dem Denken folgte das Handeln: So engagiert er sich seit Jahren privat in Netzwerken für Regenwaldprojekte.

Eine von Ethik getragene Wirtschaft ist für ihn der Imperativ unserer Zeit: „Wir alle wollen mit der Wirtschaft im guten Einvernehmen stehen und wollen morgens stolz zur Arbeit gehen. Verantwortungsbewusstes Handeln ist ein Kernelement dafür."

Sein Credo: „Kein Unternehmen kann es sich leisten, gegen die gesellschaftlich verinnerlichten Umwelt-Standards zu handeln."

In seinen Vorträgen und Publikationen betonte Scheunemann immer wieder, dass neben dem Klimawandel in der Erhaltung der Biodiversität eine zentrale ökologische Herausforderung liegt:

„Mit dem Artensterben verlieren wir wichtige sog. Ökosystemdienstleistungen, die uns die Natur zur Verfügung stellt: z. B. Nahrungsmittel, Baurohstoffe, Wirkstoffe für Medikamente. Die Natur reguliert den Wasser- und Gashaushalt unseres Planeten, säubert die Luft, die wir atmen."

Auch dem Thema Energie widmete er sich stets mit der gleichen Aufmerksamkeit. So stand auch beim diesjährigen Deutschen CSR-Forum die Frage im Fokus, wie die Ziele der Energiewende optimal erreicht werden können. Die Energiewende in Deutschland ist für ihn die Herausforderung deutscher Infrastrukturpolitik.

„Dabei geht es nicht allein um Klimaschutz, der bisher weitestgehend im Vordergrund stand - gelingen kann die Energiewende nur dann, wenn sie auch Versorgungssicherheit und die Wirtschaftlichkeit des Gesamtsystems gewährleistet."

Es geht darum, mit gutem Beispiel voranzugehen und anderen Ländern zu zeigen, dass mehr für den Klimaschutz getan werden kann, ohne die internationale Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen und Standorte zu schädigen. Die Energiewende ist machbar, solange alle bereit sind, sie auch umzusetzen.

Im Juni 2010 sprach er im Rahmen der Veranstaltung Dialog Kirche und Wirtschaft im Geistlichen Zentrum Klosterkirche Lobenfeld über sein Kernthema Corporate Social Responsibility: Wie Führungskraft, Firma und Umfeld von CSR profitieren können.

Sein folgender Satz schlägt gleichermaßen die Brücke zur Umwelt-Enzyklika von Franziskus, aber auch zu uns selbst:

„Wir können mehr als wir glauben: Unseren Bedürfnissen entsprechend leben, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen."

In den vergangenen Jahren war es ihm immer wieder ein Anliegen zu kommunizieren, was uns zu besseren Menschen macht. Das Glück (mittelhochdeutsch: „gelücke") war ebenfalls eines seiner großen Themen.

Das Wort bedeutete ursprünglich „Art, wie etwas endet". Sein Abschied vom Deutschen CSR-Forum ist davon geprägt. Glück und CSR haben eines gemeinsam: Sie entstehen im Kopf - nicht nur biologisch, sondern auch durch eine innere Haltung zum Leben.

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