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Klimawandel in Deutschland: Wie Ideen laufen lernen

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Unser Schicksal selbst in die Hand nehmen

In Bonn fanden vom 8. bis 18. Mai 2017 die Zwischenverhandlungen zur Vorbereitung des UN-Klimagipfels COP 23 im November 2017 statt. Im Mittelpunkt stand die Arbeit am sogenannten Regelbuch, das Ende 2018 beim Klimagipfel in Polen beschlossen werden soll. Auch geht es um die Zukunftssicherung des Fonds für den Klimawandel, der Projekte für die Anpassung an nicht mehr vermeidbare Folgen des Klimawandels, besonders für die ärmsten Bevölkerungsgruppen in Entwicklungsländern finanzieren soll.

Zudem soll eine erste Zielerhöhungsrunde diskutiert werden. Von den USA wird gefordert, dass sie bis 2020 ihre nationalen Klimaziele überprüft und nachbessert, damit die Pariser Klimaziele nicht aus den Augen verloren werden. Leider wurden die Bonner Verhandlungen von der US-Debatte um den Ausstieg aus dem Pariser Klimaschutzabkommen überschattet.

Die im Dezember 2015 auf der UN-Klimakonferenz in Paris verabschiedete Übereinkunft ist das erste Klimaschutzabkommen, in dem alle Staaten eigene Beiträge im Kampf gegen die Erderwärmung zusagen. In Kraft trat es am 4. November 2016, nachdem die Ratifizierungsurkunden von mehr als 55 Staaten vorlagen, die für mindestens 55 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen stehen.
Inzwischen wurde es von 147 Staaten ratifiziert. Die USA unter Präsident Barack Obama und China (die beiden größten Treibhausgasemittenten) unterzeichneten das Abkommen im September 2016. Eine nachträgliche Annullierung des US-Beitritts wäre ein großes Problem.

Nach dem ernüchternden G7-Gipfel hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Europäer aufgerufen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. „Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei", sagte sie in einer Rede am 28. Mai 2017. „Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in die eigene Hand nehmen." Sie bezog sich zwar auf die neue US-Regierung sowie auf den bevorstehenden EU-Austritt Großbritanniens, aber ihre Worte auch Gewicht für den Klimawandel. Denn es ist dringlich, dass weltweit ein Wendepunkt und dann eine schnelle Senkung der klimaschädlichen Emissionen erreicht werden.

Wenn Deutschland das Pariser Klimaabkommen erreichen wolle, lautet eine der zwölf Thesen der Studie „Mit der Verkehrswende die Mobilität von morgen sichern", müsse der Energie- die Mobilitätswende folgen: Der immer stärker wachsende Lieferverkehr soll durch eine Bündelung der Warenströme vor Stadtgebieten eingedämmt werden. Dabei geht es nicht um weniger Mobilität, sondern um eine andere. Das Gelingen der Verkehrswende hängt allerdings wesentlich davon ab, dass die Mehrheit einsieht, dass es buchstäblich einen „Klimawandel" braucht.

Zukunftsdialog: Die Rolle der Innovationsforschung

„Spätestens der Pariser Klimagipfel 2015 hat gezeigt, dass es ein ‚Weiter so' bei der internationalen Klimapolitik und den Klimaanstrengungen nicht geben kann", bemerkt Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Mitglied im Lenkungskreis der Sustainable Development Goals (SDG)-Wissenschaftsplattform "Nachhaltigkeit 2030" der Bundesregierung.

Die Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT und Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI verweist auf eine in Paris vorgestellte Studie des Fraunhofer ISI, die im Rahmen des Projekts „DecarbEE" durchgeführt wurde und aufgezeigt hat, dass die schnell wachsenden Volkswirtschaften der Europäischen Union sowie die USA, China, Indien, Brasilien und Mexiko durch die Umsetzung entsprechender Energieeffizienz- und Dekarbonisierungs-Maßnahmen bis 2030 zirka 2,8 Billionen Dollar einsparen könnten. Eine Bestätigung dafür, dass ein vermehrter Umwelt- und Klimaschutz auch enorme wirtschaftliche Potenziale bietet und freisetzt.

Die Innovationsforscherin leitete unter anderem die Arbeitsgruppe Innovationskultur beim Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin 2011 bis 2012. Angela Merkel diskutierte mit Wissenschaftlern und Praktikern über gesellschaftliche und ökologische Fragen wie den Klimaschutz und bezog das Erfahrungswissen der BürgerInnen sowie zivilgesellschaftlicher Organisationen mit ein. Es wurde diskutiert, zugehört, gefragt und geantwortet. Dazu gab es Expertentreffen, einen Online-Bürgerdialog und Diskussionen von Bürgern mit der Kanzlerin in verschiedenen deutschen Städten.
Deutschlands Zukunft

Wie sich die Beratungen und Gespräche der Experten und der Bürgerdialog mit der Kanzlerin entwickelt haben, beschreibt der Journalist Christoph Schlegel im Buch „Dialog über Deutschlands Zukunft" und nahm sich dabei die Bitte Angela Merkels zu Herzen: „Machen Sie etwas Lesbares daraus, keinen trockenen Bericht."

Die Publikation entstand zusammen mit der Bundeskanzlerin, die Herausgeberin ist und erschien 2012. Es ist keine politische PR, sondern ein Buch, das auch über Wahltage hinaus lesenswert geblieben ist, weil es einen zeitlosen klugen Mix aus Theorie und Praxis und der gegenseitigen Bezugnahme von Wissenschaft und Lebenswelt enthält.

Schlegel verweist hier auf Prof. Marion A. Weissenberger Eibl in einem von Merkel geprägten Kontext: unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: Innovationskultur ist für die Wissenschaftlerin auch eine Kultur der Selbstständigkeit, die dazu beiträgt, dass „Ideen laufen lernen". Wir brauchen viel davon, sehr viel, um die gegenwärtigen Probleme zu lösen.

Klimawandel beginnt zuerst im Kopf.

Literatur:

Angela Merkel (Hg.): Dialog über Deutschlands Zukunft. Murmann Verlag, Hamburg 2012.

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