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Mehr nicht: Darum sind kleine Schritte sinnvoller als große Klimakonferenzen

17/11/2015 15:02 CET | Aktualisiert 17/11/2016 11:12 CET
Mikhail Dudarev via Getty Images

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Welt auf der Kippe

„Mit den Veränderungen bei sich selbst zu beginnen wäre wohl die größte Revolution von allen." Das ist das Fazit von Peter und Jakob John Seewald, die in ihrem informativen und unterhaltsamen Buch „Welt auf der Kippe" Zusammenhänge aufzeigen, die uns in der Flut der täglichen Nachrichten verborgen bleiben.

Fakten und „Kuriositäten" zur Nachhaltigkeit werden wie Schotts Sammelsurium bzw. Schotts Almanach (britisches Original und US-Ausgabe: Schott's Miscellany bzw. Schott's Almanac), einer berühmten Buchreihe des Autors Ben Schott fragementarisch zusammengefügt. Ergänzt werden sie durch Essays zu den drängenden Fragen und Bedrohungen unserer Gegenwart.

Sie möchten ihnen keinen neuen Alarmismus hinzufügen und weitere Ängste schüren, sondern zeigen, dass die Krise eine enorme Chance ist, weil sie dazu führt, das Leben wieder bewusster wahrzunehmen und zu erkennen, dass ein „Weiter so" nicht möglich ist:

„Die Welt bricht nicht nur am Nordpol mit dem Einsturz der Gletschermassen und in Südamerika mit der Vernichtung der Regenwälder zusammen. Sie bricht vor unserer Haustür zusammen. Sie bricht sogar in unseren Wohnungen zusammen."

Die Zeit für Veränderungen wird immer knapper und die Zukunft immer düsterer - dennoch hat jeder Einzelne täglich die Möglichkeit, auf seine Weise dazu beizutragen, das Leben um einiges besser zu machen, indem er bewusste und klimafreundliche Entscheidungen trifft.

Dafür braucht es umfassende Maßnahmen und Programme, die den Verbrauchern bei ihrer Wahl helfen.

Vor allem müssen nach Absicht der Klima-Aktivistin Naomi Klein die politischen Maßnahmen fair sein, damit vor allem jenen Menschen, die bereits um ihre Existenz kämpfen, nicht zusätzliche Opfer bringen müssen, „um den exzessiven Konsum der Reichen auszugleichen".

Das bedeutet beispielsweise:

- günstigen öffentlichen Nahverkehr und ökologische Bahnfahrten für alle

- bezahlbare, energieeffiziente Wohnungen, die an den Nahverkehr angebunden sind

- Städte, die für hohe Wohndichte ausgelegt sind

- sichere Radwege

- ein Umgang mit Land, der Zersiedelung vermeidet und lokale, energiesparende Formen der Landwirtschaft fördert

- eine Stadtplanung, die Grunddienstleistungen wie Schulen und Arztpraxen an den Nahverkehr anbindet und in fußgängerfreundliche Bereiche verlegt

- Programme, die Hersteller für den Elektroschrott verantwortlich machen, den sie produzieren, und eingebaute Redundanz und Veralterung drastisch reduziert.

Kulturwandel beginnt im Kleinen

Dass ein nachhaltiger Kulturwandel vor der eigenen Haustür beginnt, zeigt auch ein Beispiel aus den USA:

Der kalifornische Gouverneur verabschiedete ein Gesetz, das Hausbesitzern das Recht abspricht, Wäscheleinen in den mehr als 35.000 Häusersiedlungen auf Balkonen und im Garten zu verbieten. Wäscheleinen galten bislang als Schandfleck, der sogar zur Kündigung führen konnte. Mit dieser Entscheidung folgt Kalifornien dem Beispiel sechs weiterer US-Staaten, die das Recht auf die umweltfreundliche Alternative zum elektrischen Wäschetrockner bereits gesetzlich festgeschrieben haben.

Jede noch so kleinste Entscheidung von uns bestimmt das Schicksal kommender Generationen. „Ich glaube, das Einzige, was wir tun können, ist, den Menschen klarzumachen, dass Umweltschutz keine Lobbyarbeit ist, sondern dass Umweltschutz Menschenschutz heißt."

Veränderungen gehen für den Soziologen Prof. Meinhard Miegel immer von kleinen Gruppen, ja sogar von Einzelnen aus. Er schlägt vor, immer mit kleinen Schritten zu beginnen.

Wäre er heute beispielsweise an der Regierung, würde er ein Energiegesetz einführen, das einen Energiepass für jeden Haushalt vorschreibt und festhält, wie viel Energie ein Haushalt pro Quadratmeter verbraucht - und was er verbrauchen kann und darf:

„Damit der Mensch überhaupt einmal beginnt, seinen Energieverbrauch nachzurechnen, zu kennen."

Dieser Aspekt findet sich auch im aktuellen Katalog „memolife. Fair einkaufen - Ideen für nachhaltiges Leben" vom Ökoversender memo AG. Es ist ein Medium, das uns alle angeht, weil Nachhaltigkeit im Ganzen „beworben" wird und nicht ein Einzelprodukt. Das gelingt besonders über Zusatzinformationen, die sich in der durchgehenden Rubrik „Gut zu wissen..." finden. Hier steht auch der Passus, der die Brücke zu Meinhard Miegel schlägt:

„Mit Energiemessgeräten spüren Sie ganz einfach die Hauptverursacher von unnötigem Stromverbrauch auf. Die Investion in energieeffiziente Geräte lohnt sich: Sie vermeiden klimaschädliche Emissionen und schonen wertvolle Ressourcen."

Am Thema Energie lässt sich beispielhaft zeigen, was der Einzelne für Klima und Umwelt tun kann und wo sich Stromfresser finden.

In Privathaushalten, Unternehmen und Organisationen ist der Energieverbrauch durch EDV- und Bürogeräte ein wesentlicher Aspekt. Auch dazu finden sich Tipps in der memolife-Publikation:

„Über die Energieverwaltung Ihres Computers können Sie selbst bestimmen, nach wie vielen Minuten sich Monitor und Festplatte automatisch ausschalten oder sich der Stand-by-Modus einschaltet. Schon bei einer Pause von 30 Minuten lohnt es sich, den Computer komplett auszuschalten.

Verwenden Sie abschaltbare Steckerleisten, denn auch Geräte, die nur an der Steckdose hängen, verbrauchen eine kleine Menge Strom. Das Umweltbundesamt beziffert die Kosten des Stromverbrauchs durch Stand-by deutschlandweit auf vier Milliarden Euro jährlich."

Neuanschaffungen sollten unter dem Gesichtspunkt der Energieeffizienz und der langfristigen Kosteneinsparungen getätigt werden. Empfehlenswert sind Drucker, Kopierer oder Multifunktionsgeräte, die mit dem Umweltzeichen Der Blaue Engel der Bundesregierung zum Schutz von Mensch und Umwelt ausgezeichnet sind.

Energie und wertvolle Ressourcen lassen sich auch mit entsprechender Beleuchtung sparen. „LEDs sind in vielen Lichtfarben, Größen, Formen und Fassungen erhältlich, enthalten kein Quecksilber und sparen gegenüber Glühbirnen rund 85% Energie. Ihre Lebensdauer beträgt bis zu 50.000 Stunden." (Quelle: memolife) LED-Lampen gibt es mittlerweile zu erschwinglichen Preisen in allen möglichen Formen, Ausführungen und Lichtfarben.

Claudia Silber, die bei der memo AG die Unternehmenskommunikation leitet, verweist auch auf die besondere Bedeutung von Recyclingpapier, bei deren Herstellung „kein einziger Baum gefällt werden muss.

Zudem werden mindestens 60 % weniger Wasser und Energie benötigt. Die verursachten Treibhausgase sind ebenfalls um mindestens 60 % geringer als bei der Herstellung von Frischfaserpapier."

Deshalb sei die Verwendung von Schulheften, Schreibblocks, Ordnern, Drucker- und Kopierpapier, Briefumschlägen oder auch Haftnotizen aus Altpapier besser für die Umwelt und das Klima. Sie empfiehlt den Einsatz von 100 % Recyclingpapier, das doppelseitige Kopieren und Drucken, die digitale Archivierung.

Diese Beispiele zeigen, dass kleine Schritte die Antwort auf das große Ganze sind. Auch der Mediziner und Biologe Prof. Wulf Schiefenhövel ist nicht davon überzeugt, „dass wir einen großen Schlag machen können, politisch, ökonomisch oder gesellschaftlich", wie er im Sammelband „It's the Planet, Stupid!" von Anja Paumen und Jan-Heiner Küpper bemerkt.

Die UN-Klimakonferenz in Paris steht kurz bevor. Auf ihr liegen viele Hoffnungen, verbindlichere Klimaziele zu erhalten und nachhaltige Wege zu deren Realisierung zu finden.

Schievenhöfel weiß wie viele andere Menschen auch nicht, ob Klimakonferenzen wirklich einen großen Sinn haben. Die ökologische Denkweise soll Menschen nähergebracht werden, „ohne dass sie diese Umstellung als Einbuße empfinden, sondern im Gegenteil als Gewinn."

Die Botschaft soll so kommuniziert werden, dass sie von allen mit einem freudigen Herzen akzeptiert werden können - „und nicht mit der sauertöpfischen Miene des Verzichts".

Literatur:

Peter Seewald, Jakob John Seewald: Welt auf der Kippe. Zu viel, zu laut, zu hohl - macht Schluss mit dem Wahnsinn. Mit Illustrationen von Katharina Bitzl. Ludwig Verlag, München 2015.

Naomi Klein: Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015.

Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff. C. Bertelsmann Verlag, München 2015.

Anja Paumen, Jan-Heiner Küpper: It's the Planet, Stupid! Sieben Perspektiven zum Klimawandel. Oekom Verlag, München 2015.

CSR und Energiewirtschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016.

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