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Klein macht Sein. Warum wir uns nur in der Nähe finden

08/09/2014 09:44 CEST | Aktualisiert 08/11/2014 11:12 CET
Thinkstock

„Fange klein an und mach es gut!" Die Devise des in London beheimateten Start-ups FormFormForm, das mit seiner Marke Sugru einen Silikonverbundstoff herstellt und vertreibt, steht stellvertretend für viele, die ihr Handeln an einem Prinzip ausrichten, das ihrem Wesen und ihren Gestaltungsmöglichkeiten entspricht: Erfolg, der in den vergangenen Jahrzehnten vor allem für Größe stand, hat für sie einen überschaubaren Rahmen, der durch gemeinsame Werte, Neugier, Offenheit, Vertrauen und Teilhabe seine Stabilität erhält. Die Sehnsucht nach Intimität, nach Nischen in unterschiedlichsten gesellschaftlichen Bereichen hat zugleich etwas Erwärmendes.

Mit dieser Entwicklung verbunden ist auch ein sinkendes Interesse an Großveranstaltungen und Kongressen, in denen durchgehend „Tod durch PowerPoint" das Geschehen dominiert. Auch bekannte Namen allein reichen heute nicht mehr, um eine echte Bindung zu den Teilnehmern herzustellen, die nicht nur Inhalte, sondern auch mittendrin statt nur dabei sein wollen.

Es geht um Präsenz auf allen Seiten - darum, sich der umgebenden Dinge und Ereignisse bewusst zu sein und das Relevante zur Sprache kommen zu lassen. Das meint auch: zu sich selbst zu kommen. Das gelingt allerdings nur in überschaubaren Strukturen, so wie es der Philosoph Jean-Jacques Rousseau für die kleine Stadt beschrieben hat. Hier „findet man mehr originale Geister, mehr sinnreiche Erfindungskraft, mehr wahrhaft neue Dinge, denn bei der kleinen Anzahl von Vorbildern ahmt man weniger nach, jeder nimmt viel mehr aus sich selbst und legt mehr von sich selbst in alles, was er tut..."

Teil fürs Ganze

Die Gemeinde Burgthann im Nürnberger Land steht stellvertretend für viele, die mehr als nur eine Wohngemeinde sind. Eine optimale Förderung von Jungunternehmern und eine gezielte Ansiedlung von Klein- und Mittelbetrieben sind hier große Anliegen, „um daraus hervorgehende Potenziale für die Entwicklung unseres Wirtschaftsstandortes auszuschöpfen", sagt der 1. Bürgermeister Heinz Meyer. Auch der Globalisierungsprozess und die Entwicklungen um die Metropolregion Nürnberg sind eine Herausforderung.

Dabei ist es wichtig, immer wieder den Blick über den eigenen Tellerrand zu richten und sich nicht als „Nabel der Welt" zu fühlen. Aussagen wie „Das haben wir schon immer so gemacht" führen dazu, dass die „große Welt" innerhalb der eigenen Grenzen nicht mehr wahrgenommen wird. Es braucht eine Durchlässigkeit zwischen Innen und Außen, dem Alten und dem Neuen, eine tragende Säule auch zwischen dem Kleinen und Großen. Bestätigt auch Elke Leser, die für die Kommunikation und das Marketing der Gemeinde verantwortlich und seit 2010 auch für die Organisation und Durchführung der Burgthanner Dialoge zuständig ist.

Die Veranstaltungsreihe findet einmal jährlich unter der Schirmherrschaft des Bürgermeisters statt und präsentiert einer breiten Öffentlichkeit komplexe gesellschaftspolitische Themen. Ganz einfach und auf Augenhöhe - und im Sinne Albert Einsteins, der einmal gesagt hat: „Wenn man etwas nicht einfach erklären kann, hat man es nicht verstanden."

Das gilt auch für den Umgang mit Nachhaltigkeitsthemen. Veranstaltungsformate wie diese lassen sich nicht planen - „es" muss aus einer Situation heraus geschehen. Bei den Burgthanner Dialogen war es der Höhepunkt der Finanzkrise und die damit verbundene Insolvenz von KarstadtQuelle (Arcandor), die auch den in Nürnberg ansässigen Versandhändler Quelle betraf.

Komplizen der Krise

Vertrauensverlust, Finanzkrisen und Klimawandel führten uns die Grenzen eines Wirtschaftssystems vor Augen, das auf unbegrenztes Wachstum und einen immer schnelleren Kreislauf von Geld, Gütern und Geist setzte. Wie kann der Wandel gestaltet werden? Welche Einflussmöglichkeiten hat der Einzelne? Diese Fragen wurden immer lauter und die Sehnsucht nach alten Leitbildern wie dem des Ehrbaren Kaufmanns immer stärker.

So widmeten sich auch die ersten Burgthanner Dialoge dem Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns, das bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht und auf alten Tugenden wie Ehrlichkeit, Vertrauen, Anstand und Respekt beruht. Die Bedeutung des „gesunden Menschenverstands" ist davon nicht zu trennen. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe hat der Begriff eine Aufwertung erfahren - zum Beispiel durch die Impulse von Dr. Sebastian Gradinger, Geschäftsführer der WÖHRL Akademie GmbH, für den dieser innere Maßstab auch zu einem modernen Führungsverständnis gehört.

Der ehemalige Nestlé-Chef Helmut Maucher sagte einmal, dass Corporate Governance oder das Berichtswesen durchaus ihre Bedeutung haben mögen - aber mit den genannten Voraussetzungen und gesundem Menschenverstand lassen sich seiner Erfahrung nach 98 Prozent aller Managementprobleme lösen. Im Mitglieder- und Fanmagazin des 1. FC Nürnberg (2/2014) fasst die Pressesprecherin des Clubs, Katharina Wildermuth, das Thema Corporate Social Responsibility ebenfalls in der Headline „Mit gesundem Menschenverstand" zusammen, weil das große Thema zuerst eine Verortung im Eigenen und Kleinen braucht.

Jährlich werden Referenten eingeladen, die gemeinsam mit Vertretern der Region zu einem Dachthema sprechen. Zu den Ehrengästen gehörten Dr. Theo Zwanziger (2010), Uschi Glas (2011), Dr. Rainer Koch (2012), Jutta Speidel (2013) und Michael Herberger (2014).Es soll vor allem gezeigt werden, dass Nachhaltigkeit kein abstrakter Begriff ist, sondern etwas, das mit dem eigenen Leben zu tun hat und auch weit „in das Gemeindewesen hinein strahlt, dass es sich lohnt, sich für mehr Nachhaltigkeit in allen Lebensbereichen einzusetzen, weil es der Gesellschaft echte Mehrwerte bringt", sagt Heinz Meyer.

Dass es dazu auch vieler „Komplizen" bedarf, versteht sich von selbst. Der Begriff Komplizenschaft hat im Zeitalter der Vernetzung Hochkonjunktur, denn Komplizen sind Verbündete, die einander vertrauen, aufeinander angewiesen sind und ein gemeinsames Ziel verfolgen. Der Andere muss dabei kein Freund sein, sondern jemand, „der schnell und pragmatisch agiert und die eigenen Lücken füllt". In der Wirtschaft ist Komplizenschaft sogar eine produktive Arbeitsform, verbunden mit Win-Win-Situationen. Gesa Ziemer, Professorin für Kulturtheorie und Vizepräsidentin für Forschung an der HafenCity Universität in Hamburg, ist die „Erfinderin" des Konzepts der Komplizenschaft als Form gemeinschaftlichen Handelns.

Ihr Buch „Komplizenschaft. Neue Perspektiven auf Kollektivität" erschien 2013 beim transcript Verlag. Sie beschreibt darin Komplizenschaft als „Mittäterschaft" (Nachhaltigkeit braucht ja vor allem Überzeugungstäter!) und beruht auf einem Dreischritt: Jemand fasst einen Entschluss, macht einen Plan und setzt ihn in die Tat um. „Eine klassische Komplizenschaft ist ein kleines Kollektiv, in der Regel zwischen drei und sieben Leuten. Sie ist sehr tatorientiert: Man handelt, man schafft Resultate."

Ihr besonderer Verdienst ist es, diesen Begriff aus dem strafrechtlichen auf den kreativen Kontext übertragen zu haben und zu fragen, ob wir nicht dort auch wie Komplizen handeln - ohne ein kriminelles Ziel zu verfolgen. Man trifft zusammen und entscheidet spontan, gemeinsam etwas zu tun und es schließlich mit Leidenschaft auch umzusetzen. Dafür braucht es keine vorgegebenen Strukturen, denn sie entstehen in der Aktivität selbst. Auch die Grenze zwischen privat und öffentlich ist aufgelöst.

Was hat das mit den Burgthanner Dialogen zu tun? Am Beispiel der Komplizenschaft zeigt sich, dass sie nicht kopierbar sind. Sie können nicht einfach an anderen Orten „implementiert" werden. Denn alles Nachhaltige organisiert sich selbst, wächst auf natürliche Weise und kann nicht künstlich hergestellt werden. Wer sich an einem solchen Ansatz orientieren möchte, sollte bereits Bestehendes nutzen und hier „aufsatteln". „Meistens gibt es schon Komplizenschaften, man muss nur schauen, wo sie sind, und entscheiden, ob diese für die Organisation produktiv sein könnten", sagt Gesa Ziemer in einem Interview mit change X (5.9.2014).

Spielwelten

Wer in der Öffentlichkeit steht, hat andere, „nachhaltigere" Möglichkeiten, seine gesellschaftliche Rolle und Vorbildwirkung zu nutzen, um Dinge positiv zu verändern. Das gilt gleichermaßen für Schauspielerei und Fußball. Beide Themen stehen immer wieder im Mittelpunkt der Burgthanner Dialoge: In beiden (Spiel-)Welten geht es nicht selten höchst emotional zu, ist der Bauch als Entscheidungshilfe zuweilen eine feste Größe.

Beide Welten sind begrenzt und überschaubar, dauern in der Regel 90 oder 120 Minuten und haben den großen Vorteil, dass sich viele Menschen dafür interessieren und alle sozialen Schichten erreicht werden. Auch lassen sich Schauspielerei und Fußball gesellschaftlich nutzen, um „einfache Botschaften über den Umgang miteinander zu transportieren", sagte der damalige DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger während der Auftaktveranstaltung 2010.

Im Mittelpunkt des WM-Jahrs 2014 steht die Frage nach fairem Verhalten in Wirtschaft und Gesellschaft: Was macht nachhaltigen Erfolg aus? Warum braucht es Spielregeln nicht nur auf dem Fußballfeld, sondern auch in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur? Ehrengast ist Michael Herberger, Mitbegründer der "Söhne Mannheims" sowie deren Produzent, musikalischer Leiter, Komponist und Großneffe des ehemaligen Bundestrainers Sepp Herberger.

Die Veranstaltung selbst hat den Charakter eines „Spiels", das ja als ein zweckfreies Zusammenkommen mehrerer Teilnehmer unter bestimmten Regeln definiert ist. Auch hier wirken verschiedene Kräfte und Bewegungen vernetzt zusammen, die sich unter der Mitwirkung der „Spielenden" ergeben.

Das Ergebnis ist niemals vorhersagbar. In gewisser Weise trifft die Aussage von Philipp Riederle auch im Kleinen auf die Burgthanner Dialoge zu: „Spiele, bei denen es um die Rettung der Welt geht, generieren den sogenannten epic win - das Glücksgefühl, die Welt wirklich vor dem Untergang bewahren zu können. Im Spiel bringt man seine Persönlichkeit ein und gewinnt neue Freunde. Gamer sind Optimisten, die stets daran glauben, dass sie gewinnen können." („Wer wir sind und was wir wollen")

Es ist ein wichtiges Anliegen der Veranstaltung, fragmentierte Sichtweisen und unterschiedliche Ansätze verantwortungsvollen Unternehmertums und Managements sowie des gesellschaftlichen Engagements zusammen zu führen. Doch es geht auch um die Selbstsorge des Einzelnen, um „eine sehr bewusste Haltung im Umgang mit sich selbst und dem, was dieses Selbst für die Gemeinschaft bedeutet: ein liebevoller, gleichzeitig aber fordernder Blick auf die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten, um dadurch den bestmöglichen Beitrag zu dem leisten zu können, was die eigene Gemeinschaft braucht" (Ina Schmidt: Auf die Freundschaft.

Eine philosophische Begegnung oder Was Menschen zu Freunden macht, Ludwig Verlag 2014).

Die Burgthanner Dialoge zeigen Beispiele, die nachahmenswert sind und Mut machen. Allerdings darf ein Thema wie Nachhaltigkeit nicht verordnet, sondern muss auf breiter Ebene gelebt werden. „Deshalb setzen wir auf Dialog, Teilhabe und die Übernahme von Verantwortung.

Dabei ist es von zentraler Bedeutung, dass ein Bürgermeister Nachhaltigkeit im Sinne von Langfristorientierung (dazu gehören z. B. auch ausgeglichene Haushalte und der Schuldenabbau zugunsten kommender Generationen) zur Chefsache macht und das gemeinsame Anliegen in alle Verwaltungsbereiche und in die kommunalen Unternehmen trägt". Dass die Veranstaltungsreihe nach dem Herberger-Prinzip „Nach den Dialogen ist vor den Dialogen" ausgerichtet wird, zeigt auch symbolisch, „dass Nachhaltigkeit für uns in der Gemeinde kein Projekt ist, sondern ein nie endender Prozess", so Heinz Meyer.

Treffpunkt im Unendlichen

Die Zeiten, in denen auf durchgestylten Großveranstaltungen nur Meinung, Stimmung und Inszenierung präsentiert werden, sind vorbei. „Die Vermittlung von Nachhaltigkeit benötigt selbstverständlich keine Kongresshallen, aber sie benötigt Raum - im geistigen Sinne. Ich darf mich nicht immer nur in meiner kleinen Welt bewegen, sondern muss offen bleiben - für Neues und für Aktuelles. Dabei muss ich beweglich bleiben. Und wenn Menschen zusammen kommen, um über das Thema Nachhaltigkeit in allen seinen Facetten zu sprechen, dann ist es nicht wichtig, wie viele es sind, sondern dass sie eine Gemeinsamkeit haben und gemeinsam etwas bewegen wollen.

Oft findet in kleinem Rahmen mehr Austausch statt als bei großen Konferenzen. Und an diesem Punkt kommt auch das Unfertige ins Spiel: Es muss nicht von Anfang an einen Plan oder ein Konzept geben. Oft entstehen gute Dinge, wenn man schon auf dem Weg ist. Und wenn man auf diesem Weg dann Unvorhergesehenes erlebt und ‚umsteuern' muss, dafür aber offen ist, geht der Weg weiter, der doch oft das Ziel ist. Am Ende kommt dabei vielleicht etwas anderes heraus als ursprünglich gedacht - das muss aber nicht zwangsläufig etwas Schlechteres sein." Bestätigt Claudia Silber, Leiterin der Unternehmenskommunikation der memo AG, die ihren Sitz in der kleinen Gemeinde Greußenheim, etwa 18 km entfernt von Würzburg hat.

Bei wirklich „nachhaltigen" Veranstaltungen kommt es nicht darauf an, dass alles „Öko" ist, es geht auch nicht mehr um Namen, Status und ein „Programm" (das sich aus dem Griechischen herleitet und „Vorschrift" bedeutet), sondern um sinnvolle Botschaften „von unten" statt „von oben", die durch Kommunikation im Kleinen, im Dialog, getragen werden und sich von allein verbreiten. Weil sie einfach gut sind. Mit der Selbstorganisation kleinerer Einheiten werden sich völlig neue Veranstaltungsformate entwickeln, die wie die Burgthanner Dialoge Perspektiven zeigen, Freundschaft als eine der höchsten Formen von Gemeinschaft fördern und Orientierung in einer unübersichtlichen Zeit geben. Ganz nah.

Dass ein junger Autor aus Altdorf im Landkreis Nürnberger Land und in unmittelbarer Nachbarschaft zu Burgthann in seinem 2013 erschienenen Debütroman „Der Trost von Telefonzellen" zum Ausdruck bringt, worum es wirklich geht, ist ein schöner Zufall, der durch einen vorbereiteten Geist begünstigt wurde. Joshua Groß, Jahrgang 1989, wuchs hier mit drei jüngeren Geschwistern auf und besuchte die Waldorfschule in Wendelstein.

An der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg studierte er Politikwissenschaft und Ökonomie und absolviert derzeit einen Master in Ethik der Textkulturen. Sein viel gelobter Roman spielt zu Beginn in Altdorf. In der Literatur sieht er die Chance durchzuspielen, wie sich Leben und Gesellschaft auch entwickeln könnten. Dieser Satz aus seinem Roman gilt nicht nur für seine Generation, sondern auch für die Burgthanner Dialoge: „Es geht nicht um Umsatz oder sonstige Posten einer vernünftigen Bilanz. Wir wollen wissen, was eine Idee erreichen kann: Können Gleichgesinnte zusammengeführt werden, wenn sich ein möglicher Treffpunkt deutlich abhebt?"

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Die nächsten Burgthanner Dialoge finden am 17. Oktober 2014 in Burgthann-Unterferrieden statt. Weitere Informationen: http://www.burgthanner-dialoge.de/

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