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Klassenbuch der Digital Natives: Über Hochbegabte und Schwänzer, Suizidgefährdete, Magersüchtige und Computernerds

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Neun Schülerinnen und Schüler sind in ihrer flüchtigen Gegenwart gefangen - im Dazwischen, pendelnd zwischen der Suche nach Identität, dem Wunsch nach Freiheit und Einfachheit und der Leidenschaft für Komplexität und Virtualität, gleichzeitig abgeschottet und ständig erreichbar. Sie sind erwachsen und sind es nicht.

John von Düffel, der als Dramaturg am Deutschen Theater Berlin arbeitet und Professor für Szenisches Schreiben an der Berliner Universität der Künste ist, folgt ihnen in seinem Roman „Klassenbuch" an entscheidenden Punkten ihrer Entwicklung. Erik, Stanko, Emily, Bea, Lenny, Annika, Nina, Li und Henk sind Hochbegabte und Schwänzer, Suizidgefährdete und Magersüchtige, Computernerds, Selbstdarsteller und Unsichtbare, deren Wirklichkeit mit den digitalen Möglichkeiten verschwimmt. Alles interagiert miteinander und verdichtet sich im Buch allmählich zu einem gemeinsamen Schicksal: zu einer Reise an die Ränder der digitalen Welt, aus der kein Klick zurückführt.

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Von Düffel bezeichnet sich selbst als „Eintaucher", der den Sog, die Vertiefung in Welten sucht. In seinem Roman ist es die virtuelle Welt und die Frage, inwieweit sie die Realität schon erfasst hat.

„Wenn alles möglich ist, ist nichts wirklich", sagt eine seiner Figuren. Den Autor interessieren vor allem die Möglichkeiten des Digitalen als Fiktion. Es geht ihm um die Frage „Was wäre, wenn ..." Denn die Fiktion, wer wir sind oder sein könnten, hat sich heute radikal verändert. Genau diese Seite der digitalen Transformation interessiert ihn: Was macht die Digitalisierung mit unseren Köpfen? Inwieweit ist die Vorstellung und Darstellung unserer selbst dadurch ein völlig neues Spiel mit unzähligen Identitäten und Gefahren geworden?

Als Autor muss er selbst ein Spieler sein, denn Schreiben hat für ihn etwas Obsessives, es ist eine Mischung von Begeisterung und Besessenheit. Am meisten hat ihn an der Arbeit an diesem Buch die Suche nach einer Sprache für die Bilderwelten und Wahrnehmungsweisen gereizt, die mit der heutigen Virtualisierung einhergehen. Sein Antrieb zu diesem Roman ist deshalb kein „kulturpessimistischer", sondern ein entdeckerischer (nicht wertender) und spielerischer, bei dem er sich von sich selbst entfernt und ein anderer wird, um herauszufinden, wie weit man gehen kann. Als Autor hat er also eine gewisse Expertise in Sachen „multiple Identität" und eine Affinität zu ihren Verführungen. Insofern ist es ihm beim Schreiben und dem Spiel mit den Möglichkeiten zuweilen so gegangen wie dem Jungen im Buch, der die Kontrolle über sein Smartphone verloren hat und feststellen muss: „Meine Identität macht, was sie will."

Von Düffel beschreibt aber auch, was der Marketing- und Businessexperte Tim Leberecht mit einer romantischen Führungspersönlichkeit verbindet, die täglich zwischen den Rollen des Wieso, Was und Wie hin und her wechselt und dabei die Trennlinien zwischen Strategie und Taktik verwischt. Sie probiert multiple Identitäten aus, trägt verschiedene „Hüte" (oder Masken) und tritt immer als „ein anderer Mensch" auf.

John von Düffel, Jahrgang 1966, widmet sich der Schülergeneration, weil dieses Lebensalter in der Literatur und auch in seiner eigenen Arbeit oft ein blinder Fleck ist. Die „Pubertierenden" scheinen ihm sehr verschlossen zu sein, deshalb war es für ihn eine Herausforderung, in ihre Köpfe und Körper einzusteigen: „Ich glaube, dass diese Generation gerade mehr durchmacht als eine normale Pubertät. Die Frage, wer bin ich, stellt sich anders, je nachdem, ob man - wie ich früher - drei, vier mögliche Selbstbilder vor Augen hat, oder über unzählige Masken und Versionen von sich verfügt. Pubertät wird zur Virtualität, zur permanenten Möglichkeit der Verwandlung und Verflüchtigung."

„Klassenbuch" ist weder Schulroman noch Jugendbuch. John von Düffel interessierte auch nicht die Abbildung der Oberflächen und die Wiedergabe eines Jugend-Jargons, weil dies anbiedernd gewesen wäre („ich weiß, wie ihr redet, ich bin ganz nah an euch dran"). Vielmehr konzentrierte er sich auf das, was er weiß: Dass es eine Zeit der Isolation ist, dass es um Zugehörigkeit (Cliquen) und Kommunikation geht - und um das, was fehlt.

Zu Recht kritisiert der Autor, dass es eine Art Lesegewohnheit ist, auf Jugendliche eine Problemperspektive zu haben, etwa wenn der Autor „hauptamtlich als Sozialpädagoge" am Werk ist und über sie drüber gebeugt Lebenshilfe anbietet. Sein anderer Zugang ermöglicht ihm auch ein anderes Sehen und Erkennen der Unterschiedlichkeit, Gebrochenheit und Gleichzeitigkeit.

Dies versucht er mit den neun Figuren zu beschreiben: dass sie in verschiedenen Welten und Zeiten leben, gleichzeitig jung und alt sind, verletzlich und abgebrüht, hellwach und todmüde: „Und das nicht nur in sich, sondern auch im Verhältnis zu den älteren Generationen." Die digitale Revolution wirkt in dieser Hinsicht wie eine Zeit- und Machtverschiebung. Alter bedeutet hier nicht mehr Überlegenheit, denn die meisten Jugendlichen sind ihren Eltern weit voraus: „Auf die digitale Welt bezogen sind sie diejenigen, die wissen, wo es langgeht, und die Spielregeln kennen." Auch in Zeiten der Ungewissheit, die nicht abschrecken, sondern motivieren soll, die Zukunft und zugleich sich selbst zu formen.

Weitere Informationen:

John von Düffel: Klassenbuch. Roman. DuMont Buchverlag, Köln 2017.

Alexandra Hildebrandt: Generationenwechsel @: Fragmente und Momente einer Gesellschaft im Übergang. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Tim Leberecht: Business-Romantiker. Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben. Droemer Verlag München 2015.

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