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Bahnbrechend: Der Blick auf die Welt als ein sinnbehaftetes Ganzes

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ASTRONOMY
gmutlu via Getty Images
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Kepler 21.0

„Die Himmel hab' ich gemessen, jetzt meß' ich die Schatten der Erde." So lautet die Grabinschrift des Mathematikers und Astronomen Johannes Kepler (1571-1630), dessen Leben und Werk bis heute prĂ€gend ist: Jede Digitalkamera verfĂŒgt ĂŒber ein (stark modifiziertes) Keplersches Fernrohr, und kĂŒnstliche Satelliten bewegen sich auf „Kepler-Bahnen" um die Erde, die auf ihrem jĂ€hrlichen Umlauf um die Sonne den Keplerschen Gesetzen folgt.

Zweifellos wirkte der im 16. Jahrhundert in Weil der Stadt geborene Sohn eines Gastwirtes bahnbrechend auf viele Bereiche der modernen Naturwissenschaft und Technik ein. Es ist kein Zufall, dass der Managementvordenker Prof. Fredmund Malik sein Vorwort fĂŒr den Herausgeberband „CSR und Digitalisierung" ebenfalls mit „Bahnbrechend" ĂŒberschreibt:

„Wirtschaft und Gesellschaft gehen global durch die bisher möglicherweise fundamentalste Umwandlung in der Geschichte. Wir erleben die VerdrĂ€ngung der Alten Welt, wie wir sie bisher kannten, durch eine Neue Welt, die noch weitgehend unbekannt ist. Es ist die Entstehung einer neuen Ordnung und eines neuen gesellschaftlichen Funktionierens - eine gesellschaftliche R-Evolution einer neuen Art."

In seinem Buch ĂŒber „Governance" bezeichnete er 1997 diesen Vorgang erstmals als die Große Transformation21. Die treibenden KrĂ€fte der heutigen Transformation sind fĂŒr ihn die revolutionĂ€ren Fortschritte in Wissenschaft und Technologie, die umwĂ€lzenden VerĂ€nderungen in der Demographie, die ökologischen Herausforderungen sowie die geschichtlich grĂ¶ĂŸte globale Verschuldung. „Diese Treiber kulminieren in einem zuvor noch nie gekannten explosiven Wachstum von KomplexitĂ€t."

Um sie besser zu verstehen und sie zu gestalten, lohnt ein Blick zurĂŒck auf Kepler: Er studierte Theologie in TĂŒbingen, lernte Latein und Griechisch und beherrschte beide Sprachen „meisterlich" (auch dieser Begriff gewinnt in der Könnensgesellschaft wieder an Bedeutung). Aufgefallen ist er jedoch vor allem durch sein mathematisches Genie und sein astronomisches Interesse. Als Mathematiker und Wissenschaftler erfand Kepler das nach ihm benannte Fernrohr, er entdeckte physikalische Gesetze und entwickelte neue Rechenmethoden. Als Theologe war er davon ĂŒberzeugt, dass der Aufbau des Universums spiegle die göttliche Harmonie widerspiegelt.

Vertrauen in die Sinnhaftigkeit der Schöpfung

In die Jahre 1618 und 1619 fallen Fertigstellung und Publikation seiner Weltharmonik. Kepler glaubte an die Ganzzahligkeit und harmonikale Struktur der NaturvorgÀnge (im 20. Jahrhundert teilen dies der Astrophysiker Arthur Eddington und der Atomphysiker Arnold Sommerfeld). Den Harmonien nÀhert sich Kepler auf philosophischen, mathematischen, musiktheoretischen und astronomischen Wegen.

Sein Leben war jedoch nicht nur von Entdeckungen und Erfindungen geprĂ€gt, sondern auch von Krankheiten und zahlreichen SchicksalsschlĂ€gen. Seiner unbĂ€ndigen ProduktivitĂ€t tat dies allerdings keinen Abbruch. Zu seiner geistigen Arbeit und den BĂŒchern nahm er Zuflucht in allen Lebenslagen und verlor niemals das Vertrauen in die Sinnhaftigkeit der Schöpfung.

Das zeigt auch die aktuelle Biographie „Johannes Kepler. Die Entdeckung der Weltharmonie" des Forschers, Sachbuchautors und Schriftstellers Thomas Posch, der seit 2014 Vorsitzender des Arbeitskreises Astronomiegeschichte in der Astronomischen Gesellschaft ist.

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Kepler gehört neben Luther, Galilei und Kopernikus zu den wichtigsten Persönlichkeiten in einer prÀgenden Epoche des Wandels. Werden die letzten beiden Ziffern von Johannes Keplers Geburtsjahr 1571 vertauscht, so gelangt man in das weltgeschichtlich bedeutsame Reformationsjahr 1517, das in Poschs Buch ebenfalls eine wichtige Rolle spielt:

Damals ging es wie heute um die Neuentdeckung des inneren Menschen und den Blick auf die Welt als „ein geistiges, vernĂŒnftiges, wert- und sinnbehaftetes Ganzes".

Nach Thomas Posch wird dies gegenwĂ€rtig eher von den Religionen und von Lebensberatern in Anspruch genommen und von den Wissenschaften nicht reklamiert. Erfahrung und Genauigkeit des immer neuen Beobachtens wird nur von den Einzelwissenschaften zur Geltung gebracht, „wĂ€hrend sie in ganzheitlichen DenkansĂ€tzen weitgehend fehlen".

Maliks AnsÀtze sind in diesem Buch nicht erwÀhnt. Sie bilden jedoch die innere Klammer zu den Themen des Buches, die uns heute noch immer angehen, weil sie uns zeigen, was beispielsweise digitales Denken ausmacht, und warum wir die komplexen Herausforderungen nicht bewÀltigen können, wenn wir es nicht lernen.

Das Denken und die Dinge

Digitalreife ist nur zu haben, wenn wir ganzheitlich denken können. Malik zitiert in seinem Springer-Text den Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Hans Ulrich, der ganzheitliches (digitales) Denken so definiert: Es ist „kreativ, weil es bisher unverbunden Gedachtes verbindet und so erst Muster schafft, in die wir das Einzelne einordnen und damit verstehen können."

Empirie, Detailtreue und der ganzheitliche Blick auf die Welt waren auch fĂŒr Johannes Kepler keine GegensĂ€tze. Philosophie und Naturwissenschaft betrachtete er nicht als „zwei Kulturen", sondern als Einheit. So war Kepler auch nicht nur Mathematiker, Erfinder und Astronom, sondern ebenso Schriftsteller und Philosoph, dessen „Denken aus einem Guss" auch die Philosophen Hegel und Schelling im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts beeinflusste.

Das Denken und die Dinge gehören zusammen. Das zeigt auch diese Kepler-Biographie: So ist von einer hochprĂ€zisen Globusuhr aus Silber und Gold die Rede, die der Schweizer KĂŒnstler Jost BĂŒrgi schuf, sowie von einem kleinen Sextanten, mit dem der Astronom vermutlich selbst Messungen durchfĂŒhrte.

Diese kostbaren Dinge, die den DreißigjĂ€hrigen Krieg und mehrere Jahrhunderte bis heute ĂŒberlebt haben, sind fĂŒr Posch „materialisiertes Wissen und materialisierte Geschichte". Es ist eine StĂ€rke seines Buches, einige dieser Dinge zum Sprechen zu bringen: durch anschauliche Beschreibungen, durch Abbildungen und durch Reflexionen darĂŒber - „in der Hoffnung, eigenes Nacherleben anzuregen".

Wie die Dinge des Lebens mit der großen Geschichte zusammenhĂ€ngen, weisen auch weitere Neuerscheinungen in anderen Kontexten nach. Sie gehen den Geschichten der Dinge auf den Grund und betrachten deren enge Verbindung mit der Biographie der Menschen. Zudem plĂ€dieren sie fĂŒr einen achtsamen Umgang mit nebensĂ€chlichen Details und Dingen, die wie tiefes Denken kleine Verankerungen in der großen Welt des Umbruchs sind. Keplers Brief vom 2. MĂ€rz 1629 an Jacob Bartsch ist vor diesem Hintergrund aktueller denn je:

„Wenn der Sturm tobt und den allgemeinen Schiffbruch androht, können wir nichts WĂŒrdigeres tun, als den Anker unserer friedlichen Studien in den Grund der Ewigkeit einzusenken."

Literatur:

Thomas Posch: Johannes Kepler. Die Entdeckung der Weltharmonie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Theiss Verlag - WBG, Darmstadt 2017.

Die BeitrĂ€ge von Fredmund Malik „BAHNBRECHEND" sowie von Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt „Dinge des Lebens im Zeitalter der Digitalisierung" sind enthalten in: CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung fĂŒr Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner LandhĂ€ußer. SpringerGabler, Heidelberg Berlin 2017.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Von Lebensdingen: Eine verantwortungsvolle Auswahl. Amazon Media EU S.Ă  r.l. Kindle Edition 2017.

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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