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Bahnbrechend: Der Blick auf die Welt als ein sinnbehaftetes Ganzes

09/04/2017 13:30 CEST | Aktualisiert 09/04/2017 13:30 CEST
gmutlu via Getty Images

Kepler 21.0

„Die Himmel hab' ich gemessen, jetzt meß' ich die Schatten der Erde." So lautet die Grabinschrift des Mathematikers und Astronomen Johannes Kepler (1571-1630), dessen Leben und Werk bis heute prägend ist: Jede Digitalkamera verfügt über ein (stark modifiziertes) Keplersches Fernrohr, und künstliche Satelliten bewegen sich auf „Kepler-Bahnen" um die Erde, die auf ihrem jährlichen Umlauf um die Sonne den Keplerschen Gesetzen folgt.

Zweifellos wirkte der im 16. Jahrhundert in Weil der Stadt geborene Sohn eines Gastwirtes bahnbrechend auf viele Bereiche der modernen Naturwissenschaft und Technik ein. Es ist kein Zufall, dass der Managementvordenker Prof. Fredmund Malik sein Vorwort für den Herausgeberband „CSR und Digitalisierung" ebenfalls mit „Bahnbrechend" überschreibt:

„Wirtschaft und Gesellschaft gehen global durch die bisher möglicherweise fundamentalste Umwandlung in der Geschichte. Wir erleben die Verdrängung der Alten Welt, wie wir sie bisher kannten, durch eine Neue Welt, die noch weitgehend unbekannt ist. Es ist die Entstehung einer neuen Ordnung und eines neuen gesellschaftlichen Funktionierens - eine gesellschaftliche R-Evolution einer neuen Art."

In seinem Buch über „Governance" bezeichnete er 1997 diesen Vorgang erstmals als die Große Transformation21. Die treibenden Kräfte der heutigen Transformation sind für ihn die revolutionären Fortschritte in Wissenschaft und Technologie, die umwälzenden Veränderungen in der Demographie, die ökologischen Herausforderungen sowie die geschichtlich größte globale Verschuldung. „Diese Treiber kulminieren in einem zuvor noch nie gekannten explosiven Wachstum von Komplexität."

Um sie besser zu verstehen und sie zu gestalten, lohnt ein Blick zurück auf Kepler: Er studierte Theologie in Tübingen, lernte Latein und Griechisch und beherrschte beide Sprachen „meisterlich" (auch dieser Begriff gewinnt in der Könnensgesellschaft wieder an Bedeutung). Aufgefallen ist er jedoch vor allem durch sein mathematisches Genie und sein astronomisches Interesse. Als Mathematiker und Wissenschaftler erfand Kepler das nach ihm benannte Fernrohr, er entdeckte physikalische Gesetze und entwickelte neue Rechenmethoden. Als Theologe war er davon überzeugt, dass der Aufbau des Universums spiegle die göttliche Harmonie widerspiegelt.

Vertrauen in die Sinnhaftigkeit der Schöpfung

In die Jahre 1618 und 1619 fallen Fertigstellung und Publikation seiner Weltharmonik. Kepler glaubte an die Ganzzahligkeit und harmonikale Struktur der Naturvorgänge (im 20. Jahrhundert teilen dies der Astrophysiker Arthur Eddington und der Atomphysiker Arnold Sommerfeld). Den Harmonien nähert sich Kepler auf philosophischen, mathematischen, musiktheoretischen und astronomischen Wegen.

Sein Leben war jedoch nicht nur von Entdeckungen und Erfindungen geprägt, sondern auch von Krankheiten und zahlreichen Schicksalsschlägen. Seiner unbändigen Produktivität tat dies allerdings keinen Abbruch. Zu seiner geistigen Arbeit und den Büchern nahm er Zuflucht in allen Lebenslagen und verlor niemals das Vertrauen in die Sinnhaftigkeit der Schöpfung.

Das zeigt auch die aktuelle Biographie „Johannes Kepler. Die Entdeckung der Weltharmonie" des Forschers, Sachbuchautors und Schriftstellers Thomas Posch, der seit 2014 Vorsitzender des Arbeitskreises Astronomiegeschichte in der Astronomischen Gesellschaft ist.

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Kepler gehört neben Luther, Galilei und Kopernikus zu den wichtigsten Persönlichkeiten in einer prägenden Epoche des Wandels. Werden die letzten beiden Ziffern von Johannes Keplers Geburtsjahr 1571 vertauscht, so gelangt man in das weltgeschichtlich bedeutsame Reformationsjahr 1517, das in Poschs Buch ebenfalls eine wichtige Rolle spielt:

Damals ging es wie heute um die Neuentdeckung des inneren Menschen und den Blick auf die Welt als „ein geistiges, vernünftiges, wert- und sinnbehaftetes Ganzes".

Nach Thomas Posch wird dies gegenwärtig eher von den Religionen und von Lebensberatern in Anspruch genommen und von den Wissenschaften nicht reklamiert. Erfahrung und Genauigkeit des immer neuen Beobachtens wird nur von den Einzelwissenschaften zur Geltung gebracht, „während sie in ganzheitlichen Denkansätzen weitgehend fehlen".

Maliks Ansätze sind in diesem Buch nicht erwähnt. Sie bilden jedoch die innere Klammer zu den Themen des Buches, die uns heute noch immer angehen, weil sie uns zeigen, was beispielsweise digitales Denken ausmacht, und warum wir die komplexen Herausforderungen nicht bewältigen können, wenn wir es nicht lernen.

Das Denken und die Dinge

Digitalreife ist nur zu haben, wenn wir ganzheitlich denken können. Malik zitiert in seinem Springer-Text den Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Hans Ulrich, der ganzheitliches (digitales) Denken so definiert: Es ist „kreativ, weil es bisher unverbunden Gedachtes verbindet und so erst Muster schafft, in die wir das Einzelne einordnen und damit verstehen können."

Empirie, Detailtreue und der ganzheitliche Blick auf die Welt waren auch für Johannes Kepler keine Gegensätze. Philosophie und Naturwissenschaft betrachtete er nicht als „zwei Kulturen", sondern als Einheit. So war Kepler auch nicht nur Mathematiker, Erfinder und Astronom, sondern ebenso Schriftsteller und Philosoph, dessen „Denken aus einem Guss" auch die Philosophen Hegel und Schelling im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts beeinflusste.

Das Denken und die Dinge gehören zusammen. Das zeigt auch diese Kepler-Biographie: So ist von einer hochpräzisen Globusuhr aus Silber und Gold die Rede, die der Schweizer Künstler Jost Bürgi schuf, sowie von einem kleinen Sextanten, mit dem der Astronom vermutlich selbst Messungen durchführte.

Diese kostbaren Dinge, die den Dreißigjährigen Krieg und mehrere Jahrhunderte bis heute überlebt haben, sind für Posch „materialisiertes Wissen und materialisierte Geschichte". Es ist eine Stärke seines Buches, einige dieser Dinge zum Sprechen zu bringen: durch anschauliche Beschreibungen, durch Abbildungen und durch Reflexionen darüber - „in der Hoffnung, eigenes Nacherleben anzuregen".

Wie die Dinge des Lebens mit der großen Geschichte zusammenhängen, weisen auch weitere Neuerscheinungen in anderen Kontexten nach. Sie gehen den Geschichten der Dinge auf den Grund und betrachten deren enge Verbindung mit der Biographie der Menschen. Zudem plädieren sie für einen achtsamen Umgang mit nebensächlichen Details und Dingen, die wie tiefes Denken kleine Verankerungen in der großen Welt des Umbruchs sind. Keplers Brief vom 2. März 1629 an Jacob Bartsch ist vor diesem Hintergrund aktueller denn je:

„Wenn der Sturm tobt und den allgemeinen Schiffbruch androht, können wir nichts Würdigeres tun, als den Anker unserer friedlichen Studien in den Grund der Ewigkeit einzusenken."

Literatur:

Thomas Posch: Johannes Kepler. Die Entdeckung der Weltharmonie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Theiss Verlag - WBG, Darmstadt 2017.

Die Beiträge von Fredmund Malik „BAHNBRECHEND" sowie von Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt „Dinge des Lebens im Zeitalter der Digitalisierung" sind enthalten in: CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler, Heidelberg Berlin 2017.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Von Lebensdingen: Eine verantwortungsvolle Auswahl. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

Lesenswert:

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