Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Kein Lügengarn! Warum wir den Stoff der guten Dinge brauchen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
LGEN
Thinkstock
Drucken

Die Erkenntnis, dass die Chancen in Wirtschaft und Gesellschaft häufig gut für Blender stehen, ist nicht neu, denn nur selten werden die Auf-Schneider entdeckt, weil sie sich hinter Image- und Positionierungsstrategien gut zu verbergen wissen. „Es ist die Lebenslüge einer Gesellschaft, die sich nur großartig findet" - sagt nicht die Entertainerin, Schauspielerin und Autorin Désirée Nick, meint sie aber. Gesagt hat es Cate Blanchett. „Ja, wir Künstlerinnen mit gutem Geschmack sind uns einig", schreibt sie augenzwinkernd in ihrem Buch „Jenseits der Arschterrasse" (2014), das zugleich auch ein Plädoyer für mehr Nachhaltigkeit ist. Denn „wo sich Werte, Tugenden und das sittlich Gute dermaßen verloren haben wie im Silikonzeitalter, werden sich neue ethische Maßstäbe herauskristallisieren".

Als Hans Christian Andersen das weltberühmte Märchen „Des Kaisers neue Kleider" schrieb, ahnte er nicht, wie sehr er damit auch heute noch ins Schwarze treffen würde: Zwei Betrüger, die sich für Weber ausgeben, überzeugen den Kaiser davon, ohne Faser oder Faden das schönste Zeug weben zu können, das man sich denken könne. Die Höflinge des Kaisers loben ständig dessen neue Gewänder, bis schließlich ein Kind mit dem Ruf "Er ist ja nackt" die Wahrheit enthüllt. Die Wahrheit ist in nahtloser Weise eins mit allen Menschen, die unablässig die Welt vervollkommnen und sie lebenswerter und menschlicher gestalten. Sie zeigen, dass Probleme nur gelöst werden können, wenn auch die Bereitschaft zum Handeln gegeben ist.

Zu ihnen gehört auch die Unternehmerin Sina Trinkwalder, deren Beispiel zeigt, dass alle, die vor Ort mehr Selbstverantwortung übernehmen und ihren Eigensinn nicht verlieren, dazu beitragen, dass sich viele Effekte nachhaltig addieren und ihre Wirkung entfalten: In ihrer Manufaktur manomama beschäftigt Sina Trinkwalder Menschen, die am Arbeitsmarkt keine Chance haben. Das erste Social Business in der Textilindustrie in Deutschland ist vielfach ausgezeichnet worden. Auf ihrer Website heißt es: „Wir sind angetreten und gehen den Weg in eine neue Wirtschaft: transparent, ehrlich und respektvoll. Wir glauben, dass das einzige Ziel eines Unternehmens die Maximierung der Menschlichkeit sein muss. Das ist der Gewinn." Ihr Geld sei hier doch viel „geiler" angelegt, als wenn eine Million auf dem Konto liegt, sagte sie in einem Spiegel-Interview (21.08.2012).

Mit 21 Jahren gründete sie eine Werbeagentur, die heute von ihrem Mann weiterführt wird, der sich auch um den gemeinsamen Sohn kümmert. Als er geboren wurde, durchlebte Sina Trinkwalder eine Sinnkrise - sie fand es zunehmend absurd, "sich mit Gucci-Taschen und teuren Uhren fürs viele Arbeiten zu belohnen". Teilhabe an der Gesellschaft ist für sie nur über Arbeit möglich. Die Unternehmer und nicht der Staat seien verstärkt in der Verantwortung. Dazu gehört auch, möglichst viel vor Ort zu produzieren. Denn Wertschätzung gelingt nur im Radius des eigenen Werksgeländes. Seit 2010 verkauft der Onlineshop Öko-Kleider.

Als sich ein Praktikant von der Universität St. Gallen bei ihr bewarb, um Prozesse zu optimieren, sagte sie: "Aber ich brauche hier doch keinen, der den ganzen Tag rechnet" (Spiegel, 21.08.2012). Worauf es ihr ankommt, sind Engagierte mit gesundem Menschenverstand, die anpacken und keine „übertrainierten Führungskräfte" sind. Dr. Sebastian Gradinger, Geschäftsführer der WÖHRL Akademie GmbH auf Schloss Reichenschwand, plädiert schon seit Jahren dafür, dass sich angehende Manager und Führungskräfte mehr auf ihre Intuition und ihren Verstand verlassen sollten: „Die Personalentwicklung der letzten Jahre war überfrachtet von einer enormen Komplexität von Methoden; die Entwicklung von Menschen und ihren Fähigkeiten wurde theoretisiert, der Praxis entfremdet, intuitivem Handeln unzugänglich gemacht." (Interview Burgthanner Dialoge, 2012).

Nur sich selbstbewusste (sich ihrer selbst bewusste!) Persönlichkeiten sind in der Lage, Menschen zu Verhaltensänderungen zu ermutigen sowie Unternehmen und Organisationen zu vermitteln, dass ein Wandel nicht nur möglich, sondern auch gewinnbringend ist. Nachhaltige Wertschöpfung ist vergleichbar mit stärker werdenden Muskeln, die durch regelmäßiges Üben wachsen. Eine Gesellschaft, die nur auf einen „supergeilen" Markt vertraut, lässt sie allerdings verkümmern. Um gesund zu sein und sich erneuern zu können, muss sie diese Muskeln gemeinsam mit Designern, Wissenschaftlern und Wirtschaftsexperten, die mit ihren Innovationen das Gute wachsen lassen, stärker trainieren.

Mehr gut als weniger schlecht

„Man kann durch Mode so viel mehr ausdrücken, als Worte es einem ermöglichen könnten. Und in der Haltung zu uns selbst reflektiert sich auch die Achtung und Empathie, die wir anderen schenken", schreibt Désirée Nick in ihrem Buch, das dazu beiträgt, die Welt nicht einfach nur „weniger schlecht" zu gestalten, sondern zu zeigen, wie sie „mehr gut" sein könnte. Dabei beginnt die Entertainerin bei sich selbst: „Wir knallen die Kleider auf einen Haufen und schmeißen sie irgendwann weg. Wenn etwas Fäden zieht, reißen wir sie ab. Ich habe mich also ganz bewusst entschieden, prinzipiell nichts mehr zu erwerben, was übermäßig ‚gewartet' werden muss oder laut Etikett in die chemische Reinigung gehört."

Es ist nicht entscheidend, in kleinen oder großen Dimensionen zu handeln, sondern überhaupt etwas zu tun, um einen positiven Beitrag nicht nur für die jetzige, sondern auch für zukünftige Generationen zu leisten. Das Nähen hat in diesem Zusammenhang immer auch etwas Symbolisches, weil es zeigt, dass alles miteinander verwoben ist und es keine Trennung gibt zwischen dem Regionalen und dem Globalen. Die Zukunft ist für alle gleich dunkel, wenn es nicht gelingt, das Licht der Begeisterung und des Engagements in Menschen zu entfachen. Das Bild vom Engel der Geschichte, Paul Klees Angelus Novus, drängt sich hier unweigerlich auf: Ein Engel sieht aus, als würde er sich von etwas entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, der Mund steht offen, und die Flügel sind ausgespannt. Sein Antlitz ist der Vergangenheit zugewendet. Er sieht eine Katastrophe und möchte die Trümmer wieder zusammenfügen. Aber ein Sturm, der sich in seinen Flügeln verfangen hat, weht vom Paradies so stark, dass der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm in den Himmel wächst. Walter Benjamin schreibt in seinem Passagenwerk: „Dass es ‚so weiter' geht, ist die Katastrophe".

Tut etwas!

Der 24. April 2013 markierte mit dem Einsturz eines mehrstöckigen Fabrikkomplexes in Rana Plaza in Bangladesch einen der schwersten Fabrikunfälle in der Geschichte der Textilindustrie. Bei der Katastrophe wurden 1.133 Menschen getötet und mehr als 2.000 Menschen verletzt. Das Ereignis brachte Carry Somers, Pionierin nachhaltiger Mode aus Großbritannien, auf die Idee, zum Fashion Revolution Day aufzurufen. Die Initiative von Designern, Aktivisten, Händlern und Privatpersonen machte ein Jahr später an diesem Tag auf die Zustände in der Textilindustrie aufmerksam. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in allen hessnatur Läden in Butzbach, Frankfurt, Hamburg und München beteiligten sich. Sie trugen ihre Kleidung „auf links" mit dem Etikett nach außen. Außerdem wurden alle Puppen in Schaufenstern und Eingangsbereichen „verkehrt herum" dekoriert. Damit sollten Kunden und Passanten aufmerksam gemacht und angeregt werden, Fragen zur Herkunft ihrer Kleidung zu stellen. „Seid neugierig! Findet heraus! Tut etwas!" waren die zentralen Botschaften der Kampagne.

Der Ökoversender hessnatur, der seit 1976 natürliche Kleidung in hoher Produktqualität nach strengen ökologischen und sozialen Standards produziert, ist 2007/2008 bewusst nach Bangladesch gegangen, um dort gemeinsam mit Grameen Knitwear, einer Textilfabrik in Dhaka eine ökologische und soziale T-Shirt-Produktion aufzubauen. Pro T-Shirt zahlt das Unternehmen einen Euro in einen Fonds bei der Grameen Bank, die von Prof. Muhammad Yunus ins Leben gerufen wurde, um Armut durch Mikrokredite zu bekämpfen. Mit dem so gesammelten Kapital unterstützt der Fonds des „hessnatur Scholarship Program" die Ausbildung unterprivilegierter Studentinnen und Studenten. Heute profitiert Grameen Knitwear vom Know-how, das wir vermittelt haben und kann auch für andere Marken Bio-Baumwolle verarbeiten. Die Verbesserung der Arbeitsbedingungen hat das Unternehmen in einer eigenen Lieferanten-Policy festgelegt. Leider werden positive Ansätze wie diese oft von Negativmeldungen über konventionelle Anbieter überlagert.

hessnatur betreibt keine eigenen Nähereien. Deshalb sind für das Unternehmen zwei Aspekte Elemente bei der Verbesserung der sozialen Standards besonders wichtig: die Einhaltung der acht Kernarbeitsnormen der internationalen Arbeitsorganisation ILO sowie die langfristigen Lieferantenbeziehungen. Verbraucher können dem hessnatur Produktpass die Fertigungsschritte entlang der gesamten Herstellungskette entnehmen. Transparenz gewährleistet auch die regelmäßige Veröffentlichung des Sozial- und Nachhaltigkeitsberichts. Im Gegensatz „zu den vorgelagerten Produktionsstufen wie Spinnen, Stricken und Färben, ist das Nähen der Kleidungsstücke bislang kaum automatisiert. Es ist viel Handarbeit nötig, oft bei hohem Zeit- und Kostendruck. Hierauf gilt es, besonderes Augenmerk zu legen" (Nachhaltigkeitsbericht 2013).

Nähen für eine bessere Welt

Die Andheri-Hilfe Bonn e.V. ist eine unabhängige Organisation der Entwicklungszusammenarbeit, die in vielen Projekten in Indien und Bangladesch aktiv ist, um die Lebenssituation der Armen in der Bevölkerung vor Ort zu verbessern. Der Ökoversender aus Butzbach ist Partner der Andheri-Hilfe und fördert die gemeinnützige Organisation über Prämienspenden seiner Kunden. Das Unternehmen unterstützt den Ureinwohner-Stamm der Manipuris im Norden Bangladeschs, wo Mädchen nähen und sticken und bedrucken verschiedener Stoffe lernen. Durch die sechsmonatige Ausbildung haben sie gute Chancen, eine Anstellung zu finden oder sich mit einer kleinen Schneiderei selbstständig zu machen. Seit 2009 nehmen die Kunden von hessnatur auf diese Weise direkten Einfluss auf die Situation der Familien vor Ort, indem sie im Rahmen der Freundschaftswerbung ihre Prämie anstatt zum Beispiel eines Gutscheins an die Andheri-Hilfe spenden. Pro Kunde zahlt hessnatur 15 Euro an das Projekt - das sichert die Teilnahme einer Jugendlichen an der Berufsausbildung für drei Monate.

Auch das österreichische Unternehmen Grüne Erde sichert in den Bereichen, in denen außerhalb Europas produziert wird, die Einhaltung ökologischer und sozialer Grundsätze durch verlässliche Partner und Zertifizierungen: So werden alle Fertigungsbetriebe durch renommierte externe Prüfinstitute und durch die Fair Wear Foundation, zu deren Mitgliedern hessnatur und Grüne Erde gehören, regelmäßig überprüft. Die Einhaltung hoher sozial- und arbeitsrechtlicher und ökologischer Standards, faire Entlohnung sowie der Ausschluss von Kinderarbeit sind garantiert.

„Ich bedaure den Menschen, der einen so billigen Mantel haben will, dass der Mann der ihn näht, während der Arbeit hungert." Dieser Satz von US-Präsident Benjamin Harrison (1833-1901), der sich die Vereinigten Staaten der 1890er-Jahre bezieht, findet sich auf der Website des Unternehmens mit dem Hinweis, dass in vielen „Entwicklungsländern" die Situation über frühkapitalistische Zustände nicht hinausgekommen ist. Um dem entgegen zu steuern, lässt Grüne Erde Organic Fashion in als „fair" zertifizierten Betrieben fertigen, bevorzugt in Europa (Türkei, Litauen, Tschechien). Ebenso streng wird bei Teilen und Rohstoffen aus Asien, Afrika und Lateinamerika auf die Einhaltung und Nachvollziehbarkeit ökologischer und sozialer Standards geachtet.

Für die memo AG, einem Versandhandel mit Produkten für Büro, Schule, Haushalt und Freizeit, die gezielt nach ökologischen und sozialen Kriterien ausgewählt sind, ist es selbstverständlich, sich neben Aktionen, Projekten und Veranstaltungen zum Umwelt- und Klimaschutz auch sozial zu engagieren. So kooperiert das Unternehmen u. a. mit HORIZONT e. V., einen gemeinnützigen Verein für obdachlose Mütter und Kinder in München. Er wurde 1997 von der Schauspielerin Jutta Speidel gegründet und hilft wohnungslosen Müttern und deren Kindern schnell und unbürokratisch. Im HORIZONT-Haus finden sie so lange eine Heimstatt, bis sie ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen können. Die Bewohnerinnen kommen nicht nur aus Deutschland, sondern aus allen Teilen der Erde. Sozialpädagogen stehen den Müttern in alltäglichen Dingen des Lebens zur Seite.

Mit der jüngsten Spende der memo AG wurden Nähmaschinen erworben, so dass regelmäßige Nähkurse für die Mütter im Rahmen des Heilpädagogikunterrichts im HORIZONT-Haus stattfinden können. Dem pädagogischen Fachteam ist es ein besonderes Anliegen, ihnen das Nähen als lebenspraktische Fähigkeit zu vermitteln: Die Frauen lernen, dass beschädigte Kleidung nicht sofort entsorgt werden muss, sondern häufig mit wenigen Handgriffen ausgebessert werden kann. Zudem schult das Nähen ihre Feinmotorik und Konzentration. Etwas Eigenes zu gestalten ist zugleich mit Erfolgserlebnissen verbunden, die das Selbstwertgefühl steigern.

Im Heilpädagogikunterricht im HORIZONT-Haus erhalten die Frauen weitere Impulse und Ideen, die sie gern aufgreifen, weil sie dann in der Lage sind, sich zu kleine oder zu große Kleidung aus Kleiderspenden passend zu schneidern, Patchwork-Decken aus Stoffresten und Stoffservietten zu nähen, ebenso individuelle Kleidung oder Taschen aus alter Bettwäsche oder Tischtüchern.

Auch wenn die Welt durch Nähen nicht zu retten ist: Sich zu engagieren, wo immer es möglich ist, bedeutet, dem Lauf einer positiven Entwicklung zu folgen und ihr so etwas wie einen roten Faden einzuziehen, der sich nachträglich als Muster eines nachhaltigen Lebens erweist. Der ungreifbare Rest besteht aus dem Stoff, der nicht zur Sprache kommt und sich nur im Handeln selbst zeigt.

TOP-BLOGS