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Karriere ohne Studium: So stark ist unsere Könnensgesellschaft

23/08/2015 11:19 CEST | Aktualisiert 23/08/2016 11:12 CEST
Ezra Bailey via Getty Images

Sich ergänzen statt abgrenzen

Was haben Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer, Starkoch Tim Mälzer, Wybcke Meyer, Vorsitzende der Geschäftsführung von TUI Cruises GmbH, der Fliesenlegermeister Guido Schmidt und der „Rechtschreib-Papst" Christian Stang gemeinsam?

Sie sind erfolgreiche Nichtakademiker, die sich vor allem durch eine „freischwebende Intelligenz" auszeichnen. Der Begriff kommt aus der Soziologie. Er bezieht sich zwar auf Intellektuelle, aber es muss nicht jeder ein Intellektueller sein, der sich durch unabhängiges Denken und Handeln auszeichnet, unerschrocken gegen Bevormundung rebelliert und Freude an der Vielfalt des Lebens hat.

In seinem Buch „Karriere ohne Studium" hinterfragt Mario Müller-Dofel den Akademisierungstrend in Deutschland und bricht eine Lanze für beruflich Qualifizierte: Joschka Fischer wurde Außenminister, obwohl sein einziges Ausbildungszertifikat ein Taxischein ist. Tim Mälzer begann als Verkäufer auf der Hamburger Reeperbahn, Wybcke Meyer ging als Reiseleiterin an den Ballermann und trägt heute Verantwortung für ein Kreuzfahrtunternehmen. Guido Schmidt saniert als erfolgreicher Kleinunternehmer am Bau große Häuser. Christian Stang arbeitete als Postbeamter, ehe er von den Medien zum „Rechtschreibpapst" getauft wurde.

Der Autor sprach auch mit fünf Personalexperten: der Karriereberaterin Jutta Boenig, der DIHK-Ausbildungsleiterin Esther Hartwich, Ex-Personalvorstand der Deutschen Telekom, Thomas Sattelberger, Psychologieprofessor Heinz Schuler und Bundesarbeitsagentur-Chef Frank-Jürgen Weise.

Sie erläutern, wo der Akademisierungstrend in Deutschland kritikwürdig ist und was sich dringend ändern muss. Dabei nehmen sie auch Nichtakademiker in die Pflicht, „weil viele von ihnen mehr für ihre Karriere tun könnten" und ihre Chancen vor allem im Mittelstand steigen.

Vorerst gescheitert

Mit seinem Buch möchte Mario Müller-Dofel darauf aufmerksam machen, dass es auch andere chancenreiche und vielfältige Bildungs- und Karrierewege gibt, die heute zu wenig reflektiert werden:

„Man braucht in Deutschland nicht den Kopf in den Sand zu stecken, wenn einem das Studium fehlt. Wir haben so viele hervorragend aus- und fortgebildete Facharbeiter, Fachangestellte, Meister, Techniker, Fachwirte oder Selbstständige, die ein zufriedenes Berufsleben führen."

Auch Mario Müller-Dofel, Jahrgang 1972, hat nicht studiert: In der DDR wurde ihm wegen gefärbter Haare, Ohrringen und seiner Abneigung gegen die Nationale Volksarmee („und manchmal einer großen Klappe") das Abitur verweigert. Auch wenn es ihm damals egal war, so hätte er später gern studiert. Dann aber fehlte ihm die Zeit dafür.

Die meisten seiner Interviewpartner haben ebenfalls am Schulsystem gelitten. Joschka Fischer musste - aus seiner Sicht zu Unrecht - die fünfte Klasse wiederholen und hätte an den Leistungen gemessen versetzt werden müssen. Doch bestimmte Lehrer haben ihm möglichst schlechte Noten gegeben, weil sie ihn nicht mochten. Nach dieser Erfahrung wollte er am liebsten nie mehr zur Schule gehen. Mit 16 Jahren hat er die Schule geschmissen.

Guido Schmidt hat zwar die zehnte Schulklasse geschafft - aber nur mit viel Mühe. Aufgewachsen ist er Hoyerswerda-Neustadt, eine sogenannte Arbeiterwohnstadt der DDR. Schon als Schüler war er ein Praktiker, Theorie interessierte ihn nicht. Seine schlechten Mathe-Noten führt er auf sein Desinteresse an abstrakten, nicht greifbaren Formeln zurück. Dass ein Handwerker ordentlich rechnen können muss, begriff er erst während seiner Berufsausbildung.

Christian Stang ist Postbeamter, Fachbuchautor und Linguist. Seine Fachkenntnisse erwarb er sich im Selbststudium ohne Abitur und Hochschulbesuch. Auch er betont das „Greifbare": Schreiben ist für ihn wie ein Handwerk, und die Bücher sind seine Gesellenstücke: „Produkte, die man anfassen kann, die Menschen benutzen."

Schöne neue Arbeitswelt

Das Buch lädt dazu ein, in Beziehung gelesen zu werden: Nach der Lektüre multiplizieren sich die Inhalte plötzlich, weil überall im Leben und in den Medien Beispiele wahrgenommen werden, die die Erfahrungen der Interviewten spiegeln.

Ein Beispiel ist der Sänger Andreas Bourani, der die Schule nach der Mittleren Reife die Schule abbrach, allerdings rückblickend sagt, dass das „total bescheuert" war, weil sein Beruf ein extrem hohes Risiko birgt: „Ohne Erfolg bewegt man sich am Rand der Gesellschaft. So ging es mir jedenfalls - weil ich keinen Abschluss und keine Ausbildung hatte." (BUNTE 34/2015)

Auch er rebellierte gegen das Schulsystem und „diese ständigen Noten". Und noch etwas verbindet ihn mit den ausgewählten Personen: das Romantische. Die BUNTE-Autorin Christiane Soyke sagte kürzlich, dass sie die Bourani-Texte an die „Dichtkunst der Romantik" erinnern, was der Sänger auch gern bestätigte:

„Dieses Entdeckertum, das Leiden an der Welt, der Liebe, der Einsamkeit, und dann wieder die Euphorie über das Leben - diese emotionale Ebene verbindet mich durchaus mit der romantischen Literatur. Und natürlich die große Geste." (BUNTE 34/2015)

Es ist kein Zufall, dass derjenige in Müller-Dofels Buch, der das Handwerk pflegt, die meisten romantischen Züge trägt, die der internationale Marketingexperte Tim Leberecht in seinem Bestseller „Business-Romantiker" auf wunderbare Weise beschrieben hat.

So sagt der Fliesenleger Guido Schmidt im Interview mehrfach „schön" und führt dies darauf zurück, dass sein Vater mit Liebe gebaut und gebastelt hat: „Er hat mit seinen Händen etwas Bleibendes geschaffen." Wie aus dem Nichts, denn zu DDR-Zeiten gab es kaum Auswahl an Baumaterial. Deshalb musste improvisiert werden.

Schon mit zehn Jahren wollte Schmidt im Garten seiner Eltern Bäume pflanzen, um Holz zu haben, weil der Werkstoff in der DDR knapp war. Mitten im damaligen Niedergang seiner Stadt machte er später dennoch Karriere - als Kleinunternehmer am Bau:

„Irgendwie habe ich mir schon in jungen Jahren zugetraut, mein Leben eines Tages selbst in die Hand zu nehmen, anstatt mich nur führen zu lassen."

In seine Arbeit möchte er immer eine Idee bringen, die seine Kunden noch Jahre später daran erinnert, dass er ihr Handwerker war: „Der Fliesenleger gestaltet Wände und Böden zu einem Endprodukt. Kreative Fliesenleger können, wenn der Bauherr sie lässt, richtige Kunstwerke schaffen." All das verbirgt sich hinter seinem Verständnis von „Schönheit".

Der Begriff spielt bei Tim Leberecht eine ähnliche Rolle. Business-Romantiker legen seiner Ansicht nach „mit einer gewissen Leichtigkeit und oft mit einem etwas verschrobenen Sinn für Humor die Schönheit der Welt offen". Sie zeichnen sich durch Bescheidenheit aus, weil sie nicht versuchen, „sich an den großen Problemen abzuarbeiten." Es geht immer um das Machbare, das vor einem liegt und den romantischen Blick:

„Der detailbesessene Jobs wusste, dass das Innenleben der Dinge, die Seele der Geräte, wichtiger war als ihre bloße Funktionalität, und sein beständiges Streben nach Schönheit und Poesie entsprang einem Wunsch danach, Technik zu humanisieren und der Markteinführung neuer Produkte ein bisschen Magie, ein bisschen Romantik zurückzugeben."

Handwerk und Romantik werden als Schwerpunkte in Müller-Dofels Buch nicht hervorgehoben - sie werden im Lesen einfach immer wieder aufgespürt, etwa wenn Wybcke Meier von einer „entzauberten Konzernwelt" spricht, die nur noch aus PowerPoint-Präsentationen besteht.

Sie wollte sich von den oft sehr politischen Entscheidungswegen lösen und hatte wieder Lust auf ein kleineres, beweglicheres Unternehmen mit weniger Meetings, mehr Ergebnissen und viel praktischer Umsetzung.

Das Buch ist deshalb lesenswert, weil es dazu anregt, den Begriff Karriere neu zu überdenken: Abschlüsse und Funktionen sind das eine - worauf es wirklich ankommt, sind jedoch Herzensbildung, der Glaube an sich selbst und die eigenen Fähigkeiten.

Dieses Buch lässt sich nicht festlegen auf A oder B, es löst Grenzen im Kopf auf, verbindet das Unmögliche mit dem Machbaren und zeigt das ganze Alphabet. Auch wenn das dem akademischen Geist manchmal nicht passen sollte.

Zur Person:

Mario Müller-Dofel ist gelernter Metallfacharbeiter, Industriekaufmann, Wirtschaftsjournalist, Trainer und Coach. Sein Berufsleben begann im ostdeutschen Gaskombinat Schwarze Pumpe bei Hoyerswerda. Im Jahr 2000 startete er als Quereinsteiger eine Karriere als Wirtschaftsredakteur. Unter anderem war er für das Finanzmarktmagazin Telebörse, für die Börsenwebsite boerse.ard.de und als stellvertretender Chefredakteur und Textchef des Wirtschaftsmagazins €uro tätig. Seine größte journalistische Leidenschaft sind Interviews.

Nach einer Fortbildung zum Kommunikationstrainer am artop-Institut an der Humboldt-Universität zu Berlin gründete er 2012 in Frankfurt am Main das Trainer- und Autorennetzwerk DIALEKTIK for Business®. 2013/2014 bildete er sich an der Fachhochschule Wiesbaden zum Coach weiter. Seit Anfang 2014 ist er auch Projektleiter des Internetportals „Gesprächsführung" der Akademie Berufliche Bildung der deutschen Zeitungsverlage (ABZV).

Literaturhinweise:

Mario Müller-Dofel: Karriere ohne Studium. Zum Umdenken und Mut machen: Zehn Interviews mit erfolgreichen Nichtakademikern und renommierten Personalexperten. SpringerGabler Verlag 2015.

Tim Leberecht: Business-Romantiker. Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben. Aus dem Amerikanischen von Niklas Hofmann

Droemer Verlag München 2015

Internet:

Karriere ohne Studium

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