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Jenseits des digitalen Zeitalters: Dinge für die Nachwelt

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Gegen das große Vergessen

„Archive sind dafür da, dass wir unsere Geschichte nicht vergessen. Nicht nur, was geschehen ist und wie es geschehen ist. Wir sollen vor allem sehen, wie wir auf verschiedene Ereignisse reagiert haben." (Henning Mankell)

Martin Kunze, Künstler und Initiator des 2013 „Memory of Mankind" (MOM), archiviert unsere Kultur für die Nachwelt auf äußerst nachhaltige Weise, damit sie versteht, wer wir waren. Das erste "bottom-up"-Geschichtsbuch der Menschheit bewahrt Geschichten und Bilder unserer Zeit vor dem Vergessen - in einer Salzmine in Hallstatt in Österreich. Die älteste Salzmine der Welt (7000 Jahre) ist Teil der UNESCO Welterberegion Hallstatt/Dachstein.

Dieses Langzeitarchiv muss tief unter der Oberfläche sein, um die Datenträger vor Erosion zu und Flut durch steigenden Meeresspiegel zu schützen, die geologische Struktur des umliegenden Gesteins darf das Archiv nicht zerdrücken.

Der Sinn ist, ein möglichst globales, umfassendes und objektives Bild unserer Zeit widerzugeben, denn unser Wissen ist heute vor allem auf Datenträgern gespeichert, die längere Zeiträume nicht überdauern werden. Schon in wenigen Jahren könnten unsere Fotos, Blogs, Shares, Likes, Postings, Tweets und Updates aus dem Internet verschwunden sein. Und was passiert mit den Cloud-Accounts, wenn dessen Inhaber nicht mehr existieren? „Nach ein paar unbezahlten Rechnungen wird der Account geschlossen und der Inhalt gelöscht."

Deshalb graviert MOM unsere Aufzeichnungen und Bilder in Tontafeln, die die Sumerer schon vor Jahrtausenden für ihre Geschichte(n) nutzten - und die heute aussehen wie bunte Kacheln. Die keramischen Datenträger tragen Fotos und Text bis zu 50.000 Zeichen und sind resistent gegenüber Hitze bis 1200°C, Chemikalien, Wasser, Strahlung, Magnetismus und Druck. Sie erzählen Geschichten für 1.000.000 Jahre.

„Wenn wir die Geschichten nicht jetzt niederschreiben, geht sie womöglich für immer verloren", schreibt er auf seiner Website, in der er auch die wichtige Fragen stellt: Würde uns eine dauerhafte Aufzeichnung unserer Aktivitäten dazu bringen, dass wir uns verantwortungsvoller benehmen? Würde es etwas ändern, wenn bekannt ist, welche „Konzerne, Gruppen, Familien von der Plünderung unseres Planeten profitierten und wer dafür verantwortlich gemacht werden kann"? Kunze und sein Team sind davon überzeugt.

Er kritisiert, dass wir unseren Planeten so bewohnen, als gäbe es kein Morgen: „Wir verdrecken ihn und gehen ohne die Miete zu zahlen." Auch der 2015 an Krebs verstorbene schwedische Schriftsteller und Theaterregisseur Mankell beschäftigt sich in seinem letzten Buch „Treibsand" mit dem, was bleibt, wenn unsere Zivilisation untergegangen sein wird: unterirdische Mülldeponien und toxischer Müll. Er kritisierte auch, dass wir keinerlei dauerhaft haltbare Aufzeichnungen über unsere gegenwärtigen Aktivitäten haben und unsere Nachkommen nichts von dem gefährlichen radioaktiven Abfall haben werden, „der unter ihren Füßen liegt".

Alle, die sich bei MOM beteiligen (Museen, Universitäten, Wissenschaftler, Künstler, Verlage, Firmen oder Gemeinden), erhalten ein Token, der den Ort des Eingangs zum Archiv mit einer Genauigkeit von ein paar 10 Metern zeigt. Die natürlichen markanten Landmarken sollen das Wiederauffinden ermöglichen. Auch die Atomindustrie nutzt das Archiv, um für die Nachwelt festzuhalten, wo nukleare Abfälle gelagert sind.

Wir handeln heute so, als wären unsere Ressourcen unendlich, „obwohl wir wissen, wie begrenzt sie sind, während unsere Urgroßeltern über solche Grenzen nichts wussten, aber handelten, als seien die Ressourcen begrenzt", schreibt Wolfgang Schmidbauer, einer der ersten Kritiker der Konsumgesellschaft aus ökologisch-psychologischer Sicht, in seinem aktuellen Buch „Raubbau an der Seele", in dem er sich den Verleugnungsstrategien und Verwöhnungsbedürfnissen des Homo consumens widmet.

Auch hier geht es wie in vielen seiner Vorgängerbücher (u.a. „Enzyklopädie der dummen Dinge") um die Fähigkeit, die wirklich wichtigen Dinge zu erkennen und nachhaltig zu schützen. Sie basieren auf der Sinnhaftigkeit unseres Tuns. Ein Zurück in die Welt der Jäger und Sammler wird es nicht geben - aber hoffentlich ein Vorwärts in eine Welt, „in der Menschen das Wichtige teilen" - und gemeinsam dafür Sorge tragen, dass auch die Nachwelt davon erfährt.

Weiterführende Informationen:

Wolfgang Schmidbauer: Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft. Oekom Verlag, München 2017.

Henning Mankell: Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2015.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Von Lebensdingen: Eine verantwortungsvolle Auswahl. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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