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Was Menschen auf dem Jakobsweg finden

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JAKOBSWEG
guillermo casas baruque via Getty Images
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Die Beschäftigung mit dem Jakobsweg hat Menschen immer in unterschiedliche Welten geführt: in eine eigene Welt des Geschehens und Nachdenkens, aber auch in die Welten der Vergangenheit und Gegenwart.

Seit dem Erscheinen von Hape Kerkelings Bestseller "Ich bin dann mal weg" wird verstärkt über die Hintergründe dieser großen Bewegung diskutiert. Eine Kernfrage ist, wie die Pilgerfahrten zum Grab des Apostels in Santiago de Compostela im Nordwesten Spaniens trotz der weiten Entfernung zu einer Massenbewegung werden konnten.

Es kam zu "bewegenden" Kettenreaktionen: Hape Kerkeling war vom Pilgerbuch der Schauspielerin Shirley MacLaine fasziniert - dann lasen Million Menschen sein Buch und machten sich selbst auf den Weg.

Auch am Fußball ging diese Entwicklung nicht vorbei: So riet Paulo Coelho 2007 dem Torwart Oliver Kahn in der N24-Talkshow "Was erlauben Strunz" den Jakobsweg als "Rezept" gegen das Tief mancher Sportler nach dem Karriereende.

Kahn verstand dies im übertragenen Sinne und antwortete, dass es beim Jakobsweg um Ziele geht, wenn wir unser WARUM kennen. Diese Frage hat er sich immer gestellt. Allerdings dachte er zuvor, dass Pokale das wahre Leben seien: "Man stellt dann fest, mit ihnen geht es mir nicht besser."

Am Anfang steht ein Krisen- oder Wendepunkt des Lebens

Die Pilgerschaft wird meistens an einem Krisen- oder Wendepunkt des Lebens begonnen, wenn sich Menschen die Frage stellen: Wer bin ich? Was ist das Richtige für mich? Was brauche ich wirklich? Dass Sie mit einer nachhaltigen Ausrichtung des Lebens verbunden ist, zeigt sich am Beispiel von Markus Herbst.

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Copyright: Markus Herbst

Der Zeitschenker

Markus Herbst war für mehrere Automobilunternehmen in verschiedenen Führungsfunktionen bis 2009 tätig.

Zudem beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema Nachhaltigkeit: Er verantwortete von 2011 bis 2014 die Konzeption und Umsetzung eines internationalen CSR-Konzeptes für ein mittelständisches Unternehmen, in enger Abstimmung mit der Partnerstiftung.

Durch die Ausarbeitung von Projektschwerpunkten und Qualitätsstandards mit dem Ziel der Umsetzung und Förderung von Kinderhilfsprojekten national und international, hat er erkannt, dass nur gemeinsam schwierige soziale Probleme gelöst und ganze gesellschaftliche Felder verändert werden können.

Er engagiert sich als ZeitSchenker bei nestwärme e.V., einem bundesweiten Entlastungsnetzwerk, das viele Familien mit schwerstkranken und behinderten Kindern unterstützt.

Außerdem gründete er die Initiative.Nachbarn.schaffen in München mit. Hier kommen Menschen jeglicher Nationalität und Alters in gemütlicher Atmosphäre zum Kochen und Essen zusammen.
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Markus Herbst: Der Weg zu mir selbst- Ein Tagebuchbericht vom Jakobsweg

Nachdem ich Hape Kerkelings Bestseller "Ich bin dann mal weg" vor einigen Jahren regelrecht verschlungen hatte, mehreren Planungsvorbereitungen (die aber dann doch immer wieder einer gut durchdacht und argumentativ standhaltenden Ausrede zum Opfer fiel), stehe ich nun an einem der zahlreichen Ausgangspunkte des Camino Frances, dem klassischen Jakobsweg, der mit rund 800 Kilometern von den Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela führt und dessen Entstehung bis in die erste Hälfte des 11. Jahrhunderts zurückgeht.

Der plötzliche Tod eines mir sehr geschätzten Menschen wenige Wochen zuvor und sein Lebensmotto "Ja, ich gebe zu, ich habe gelebt", war für mich Anlass, jetzt diesen langgehegten Wunsch endlich umzusetzen.

Also Routen studiert, Reiseberichte verschlungen, Empfehlungsvideos recherchiert, den Rucksack mit Plan und ausreichend Inhalt gefüllt.

Ich bin gut vorbereitet... dachte ich! Nachdem ich am Vorabend die Speisekarte eines Restaurants noch einmal von oben nach unten geordert hatte, die Nacht vor Aufregung kaum schlafen konnte, um dann doch das Gefühl zu haben, der Letzte an diesem Tag zu sein, der startet, geht's los.

Allerdings bezweifle ich bereits nach wenigen Kilometern, dass dieses Tempo und das Gewicht des Rucksacks ein Ankommen in Santiago wahrscheinlich machen.

So werden diverse Drogerieprodukte den nachfolgenden Pilgern zur Selbstbedienung am Straßenrand hinterlassen. Eine Kernseife für Mensch und Kleidung tut es auch.

Um was geht es eigentlich beim Pilgern auf dem Jakobsweg? Loslassen? Zeit, das wahre Ich oder Gott finden? Fragen, die ich mir in den nächsten Wochen immer wieder stellen werde.

Nach ein paar Stunden habe ich mein erstes Pilgererlebnis: Mitten im Niemandsland sitzt Jose mit seinem Bauchladen am Straßenrand und verkauft seine Holzschnitzereien. Es stellt sich heraus, dass Jose früher Jupp hieß und aus dem Sauerland stammt. Auch eine Form der Selbstfindung.

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Copyright: Markus Herbst

Ein weiterer deutscher Pilger wird für den Rest des Tages mein erster Begleiter. Ralf ist schon seit einigen Wochen unterwegs und in Saint Jean Pied du Port gestartet. Sein Tipp "Auf Landstraßen immer links gehen, du musst sehen, wer dich überfährt".

Irgendwann erreiche ich mein Tagesziel, Ralf zieht noch weiter, ich bin für den ersten Tag froh, es bis hierher geschafft zu haben. In der Dorfkirche hole ich mir meinen ersten Stempel für den Pilgerausweis. Dies wird jetzt ein täglich wiederkehrendes Ritual. Es hat etwas Schönes an sich, eine Kerze anzuzünden, die Gedanken zu ordnen, den Tag Revue passieren zu lassen.

Vielleicht ist das Wiederfinden des eigenen Glaubens tatsächlich ein Teil des Wegs. Ich beginne wieder zu beten, Gott für die Kraft des Tages zu danken und um neue für den nächsten Tag zu bitten.

Damit ich nichts vergesse, sitze ich abends an meinem Tagebuch. Ein schmuckloser roter Notizblock, aber wertvoll wird er durch das niedergeschriebene.

Im Nachhinein bin ich sehr froh darüber, denn die Erlebnisse kommen teilweise mit einer solchen Emotion auf mich zu, in einer Vielzahl und Einzigartigkeit, dass ich spätestens am dritten Tag den Überblick verloren hätte.

Auch für den Tipp eines Freundes, keine Fotos mit dem Smartphone zu machen ("kaufe dir gefälligst eine kleine Kamera") bin ich dankbar. Es geht auch darum, sich vom Rest der Welt frei zu machen und bewusst im Hier und Jetzt zu leben.

Die Tage vergehen mit einem wiederkehrenden Rhythmus: Aufstehen, Frühstück, Rucksack packen, Route definieren, los geht's... Dennoch ist jeder Tag anders, die Gedanken ändern sich, man lebt in der Vergangenheit, im Hier und Heute und auch in der Zukunft. Was wird sie bringen, was wird mich erwarten, wenn ich wieder daheim bin?

Neu jedoch an diesen Gedanken ist, dass - egal ob schön oder hässlich, ob gut oder schlecht, ob beschwingt oder misstrauisch - sie mir keine Angst machen. Ich freue mich auf alles, was kommt... oder eben auch nicht.

Am schönsten aber ist die grenzenlose Freiheit, jeden Tag laufen zu können, ohne ein Ziel zu definieren, pausieren, wo es einem gefällt, die Natur mit wachen Augen zu betrachten, aber vor allem Menschen zu treffen, die alle das eine Ziel haben.

Es sind wundervolle Begegnungen - beispielsweise mit einer älteren Französin, die seit zehn Jahren jeweils eine Etappe mit ihrer Freundin geht. Nächstes Jahr die finale bis Santiago. Eine beeindruckende Geschichte über Freundschaft!

Oder die Spanierin, die auf dem Weg den Tod ihres Vaters verarbeiten will und zu seinem ersten Todestag den Gottesdienst in Santiago besuchen möchte.

Es sind diese Begegnungen, die diese Reise so wertvoll machen. Es ist wie ein großes Familientreffen, man begegnet sich mit so viel Respekt, Vertrauen und Freude. Irgendwie teilen wir alle ähnliche Gründe und Schicksale, die uns veranlasst haben, diesen Weg zu gehen.

Ich erinnere mich an ein sehr langes Gespräch mit Aisha aus Norwegen. Sie hat innerhalb kürzester Zeit sehr persönliches von mir erfahren, daheim undenkbar! Ich übrigens auch von ihr. Vielleicht macht auch das den Weg aus: das Wiederfinden von Vertrauen und dem Hören auf das Bauchgefühl!

So vergehen die Tage, mal laufe ich alleine, dann wieder mit anderen Pilgern gemeinsam. Und wenn du dich von deinen Mitläufern am Abend verabschiedest und glaubst, du triffst sie nicht mehr wieder, stehen sie unter Umständen Tage später wieder vor dir. Das ist sehr berührend. So hält jeder Tag eine Überraschung für dich parat.

Ich habe dann Santiago de Compostela ohne Blessuren erreicht. Ein Gefühl, das sich schwer in Worte fassen lässt, wenn du vor der Kathedrale mit so vielen anderen Pilgern stehst.

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Copyright: Markus Herbst

Manche jubeln, andere sind körperlich angeschlagen oder liegen sich einfach weinend in den Armen. Aber wieder vereint uns eine Gemeinsamkeit: der Stolz auf uns selbst, über das Erlebte und das Erreichte.

Zwei Tage später bin ich noch an das Kap Finisterre gereist. Das Ende der Welt, zumindest für die Pilger, die in den frühen Jahrhunderten unterwegs waren.

Am Leuchtturm stehend und in die Ferne zu blicken ist für mich das eigentliche und sehr emotionale Ende dieser Reise, das, wie ich glaube, erst der Anfang einer neuen Reise sein wird.

Die größte Überraschung aber erlebe ich im Hafen von Finisterre, wo ich plötzlich Ralf wieder begegne. Wir fallen uns in die Arme, haben Tränen der Freude in den Augen und so viel zu erzählen.

Wir nehmen erneut unser Menu Peregrino ein und damit schließt sich der Kreis meiner Reise. Mit ihm begann mein Weg, mit ihm endet er nun.

Literaturempfehlungen:

- Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg: Meine Reise auf dem Jakobsweg. Malik Verlag, München 2009.
- Paulo Coelho: Auf dem Jakobsweg. Tagebuch einer Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Diogenes Verlag, Zürich 1999.
- Jakobsweg - Geschichte und Kultur einer Pilgerfahrt. C. H. Beck Verlag. München 2006.

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