BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Ist Europa als Innovationsmotor abgeschlagen?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Nach einem Bericht der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) verlässt sich der deutsche Mittelstand zu sehr auf seine Substanz. Für den letzten Erhebungszeitraum wird ein Rückgang der Innovatorenquote von sieben Prozent genannt, was für einen weiteren Negativtrend spricht:

Seit 2002, dem Beginn der Untersuchungen, sank die Quote der innovativen mittelständischen Unternehmen von 42 auf 22 Prozent (was allerdings nicht bedeutet, dass es weniger Innovationen gibt). Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung betragen in Deutschland drei Prozent des Bruttoinlandprodukts. Damit entsprechen sie den EU-Vorgaben. Allerdings erreichen andere Länder höhere Werte.

Im Interview mit der WirtschaftsWoche (30.6.2017) betont Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass wir Europäer nicht mehr davon ausgehen können, „dass wir die Innovationen der Zukunft hervorbringen werden", denn die USA, China und andere asiatische Länder lägen weit vorn.

Auch wenn Europa nicht mehr der Innovationsmotor der Welt ist, so können wir es auf einigen Gebieten allerdings wieder werden, denn die Voraussetzungen seien gerade jetzt - in der Phase der Verschmelzung von Realwirtschaft und Digitalisierung - besonders gut.

Rückstand ist nicht schlimm, aber Stehenbleiben.

Wir brauchen mehr Heterogenität, mehr Kreativität und eine Fehlerkultur in Deutschland, „die fehlerhaftes wirtschaftliches Agieren nicht als Scheitern begreift, sondern als Chance und Dazulernen", sagt Univ.-Prof. Dr. Marion A Weissenberger-Eibl, die seit 2007 das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe leitet und Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist.

In ihren Forschungsarbeiten setzt sie sich mit der Entstehung und den Auswirkungen von Innovationen auseinander. Zu ihren Schwerpunkten gehört das Innovations- und Technologiemanagement. Die als „Spitzeningenieurin Deutschlands" ausgezeichnete Wissenschaftlerin studierte Bekleidungstechnik sowie Betriebswirtschaftslehre, promovierte und habilitierte sich an der Technischen Universität München. Sie ist u.a. Aufsichtsratsmitglied von Heidelberg Cement, MTU Aero Engines und der Rheinmetall AG.

2017-07-11-1499776579-2934145-WissenbergerEibl_Bibliothek_FranzWamhof.JPG

Univ.-Prof. Dr. Marion A Weissenberger-Eibl (Foto: Franz Wamhof)

Sie verweist darauf, dass es eine Vielzahl von erfolgreichen Unternehmern nicht auf Anhieb mit einer Geschäftsidee geschafft hat, sondern erst im zweiten oder dritten Anlauf. Es sei deshalb wichtig, dass sich in Deutschland auch die Einstellung gegenüber dem unternehmerischen Risiko ändert. Im Silicon Valley werden beispielsweise Jungunternehmer und deren Start-ups mit potenziellen Geldgebern zusammengebracht (Business Angels und Venture-Capital-Gesellschaften), die diese mit Geldbeträgen im unteren zweistelligen Milliardenbereich ausstatten.

In Deutschland wird dagegen unter einem Prozent seines BIP in Venture Capital investiert. Dieser Vergleich zeigt nach Ansicht von Weissenberger-Eibl, dass sich hier dringend etwas ändern muss.

Erst dann ist es möglich, die Innovationsfähigkeit im Unternehmenskontext, von Wirtschafts-, Wissenschafts- oder Bildungssystemen sowie Staaten und Gesellschaften zu stärken, also innovativ zu handeln und Innovationen hervorzubringen. Diese betreffen nicht nur Produkte, sondern können auch organisatorischer Natur sein - „beispielsweise wenn neue und deutlich effizientere Prozesse und Abläufe in Unternehmen implementiert werden", die von außen nicht immer sichtbar sind.

Das Fraunhofer ISI beschäftigt sich damit unter anderem im Rahmen des sogenannten „Innovationsindikators", einem globalen Innovationsranking, mit dem Länder und deren Subsysteme nach ihrer Innovationsfähigkeit beurteilt werden. Hier wurden die Stärken Deutschlands festgestellt bei den Hightech-Exporten, bei technologiebasierten Neuerungen sowie in der gut laufenden Kooperation zwischen Wissenschaft und Wirtschaft festgestellt. Verbesserungsbedarf gibt es allerdings nach wie vor im Bildungssystem.

Nachhaltigkeit und Innovationsfähigkeit sind für Weissenberger-Eibl Erfolgskriterien, die sich wechselseitig bedingen. Im Fraunhofer ISI laufen deshalb mehrere Forschungsprojekte im Zusammenhang mit „grünen Innovationen". Im Projekt „INNOLAB" wird beispielsweise die Bedeutung von (Online-)Forschungs- und Innovationsplattformen für nachhaltige Innovationen sowie deren Marktakzeptanz untersucht.

Die Bedeutung des Themas erkennen auch immer mehr Unternehmen, die mit ihrem Wissen um Nachhaltigkeitsinnovationen im Rahmen der Green Economy ihren Wettbewerbern weit voraus sein können - wenn sie es in der Komplexitätsgesellschaft richtig vernetzen, voller Tatendrang sind, keine Angst vor dem Scheitern haben und neue Wege gehen wollen.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.