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Ist die kulinarische Dimension der Intelligenz in Deutschland unterentwickelt?

30/07/2017 15:58 CEST | Aktualisiert 30/07/2017 15:58 CEST
TerryJ via Getty Images

„Tiefkühlpizza aus dem Schickimicki-Ofen"

Die Deutschen geben gern viel Geld für teure Küchen aus, die auch im internationalen Produktdesign hohe Anerkennung genießen. Allerdings werden in diesen „perfekten Küchen" häufig minderwertige Speisen zubereitet. Convenience Food (Fertig- oder Halbfertiggerichte) spielt in den Ernährungsgewohnheiten vieler Deutscher eine zentrale Rolle. "Wenn da ein- oder zweimal im Monat richtig aufgekocht wird, geht es eher um das gesellschaftliche Event, weniger darum, Nahrung zuzubereiten", heißt es im SZ-Artikel „Teure Küchen: Protzen mit dem Dunstabzug" (15.7.2017), der sich mit der Küche als neuem Statussymbol der Deutschen beschäftigt. Das Thema wurde in der Huffington Post bereits im Mai aufgegriffen („Warum die Küche 21.0 Werkstatt und Statussymbol ist"). Auch Nachhaltigkeitsaspekte stehen hier im Fokus.

Dazu gehört in besonderer Weise die Ernährung. Dass sich ausgerechnet ein Designbuch zum Formbewusstsein dieser Thematik verschreibt, mag auf den ersten Blick seltsam anmuten, folgt aber einer inneren Logik: Denn wer sich selbst schätzt, der bereitet sich auch ein gutes Essen zu und fragt, wo die Nahrungsmittel dafür herkommen: „Wer hat die Kaffeebohnen angepflanzt, geerntet, verarbeitet, transportiert und verkauft? Wie haben die Tiere gelebt, deren ‚Produkte' wir zu uns nehmen?"

Der Buddhismus geht von der Verbundenheit der Dinge aus - an Nahrungsmitteln lässt sich diese Sicht sehr gut nachvollziehen. Der Autor des Buches, Dr. Frank Berzbach, unterrichtet Psychologie an der ecosign Akademie für Gestaltung und Kulturpädagogik an der Technischen Hochschule Köln und arbeitet zu Fragen achtsamkeitsbasierter Psychologie, Arbeitspsychologie, Kreativität, Spiritualität, Mode, Popmusik und Popkultur.

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Das gute und glückliche Leben (Ziel der Lebenskunst) muss seiner Ansicht nach mit gutem Essen und mit der Fähigkeit zum Genuss in Verbindung stehen. Dabei verweist er auf den Zen-Meister Shunryu Suzuki, der einmal zu einem Mann sagte, der gerade Koch in einem Meditationszentrum geworden war: „Du arbeitest nicht nur am Essen, du arbeitest auch an dir selbst und an anderen Menschen."

Warum Bauch und Hirn zusammengehören

Wer das Essen nur als bloße Nahrungsaufnahme betrachtet, wählt - ausgehend von der Fastfoodkultur - Essen von minderwertiger Qualität und übergroße Portionen („all you can eat"). Smartphones und Fernsehen machen es heute leicht, „nebenbei" zu essen, was wiederum entscheidenden Einfluss darauf hat, wie sich Menschen ernähren.

„In Deutschland, anders als in anderen europäischen Ländern, wird inzwischen überall gegessen: in Hochschulseminaren (!), in Straßenbahnen, selbst im Stehen und Gehen", schreibt Berzbach und verweist in diesem Zusammenhang auch auf den Kulturanthropologen Gunther Hirschfelder, für den die Esskultur ein Spiegel gesellschaftlicher Werte ist.

Ein interessanter und in vielen Publikationen oft vernachlässigter Aspekt ist Berzbachs Beobachtung, dass sich die meisten großen Denker den Fragen guter Ernährung gar nicht erst gewidmet haben. Viele Fragen „wurden von jeglicher Schriftstellerei und anderen Künsten meist ausgeschlossen".

Das folgende Beispiel mag amüsant erscheinen, zeigt aber zugleich die Ernsthaftigkeit des Themas: Der 2016 verstorbene Publizist und Intellektuelle Roger Willemsen gestand 2008 in einem Interview, dass er nicht kochen kann: "Entweder ich lasse mich bekochen, oder ich esse Wackersteine."

Im Herausgeberband „Der leidenschaftliche Zeitgenosse" von Insa Wilke hat er den Text „Die Raupe" veröffentlicht, in dem er die Zusammenarbeit mit seinem Lektor Jürgen Hosemann beschreibt. Zutaten, Zubereitung und Genuss beziehen sich hier nur auf Literatur, ja der Lektor wird sogar als „ganz gute Hausfrau" bezeichnet, die seine Texte von Überflüssigem reinigt. Auch liegen die Anforderungen des Lektorats „im Kulinarischen". Um die gemeinsame Arbeit nicht unterbrechen zu müssen, aßen die beiden oft bei Roger Willemsen, was bedeutete, dass er vorkochte. „Bewährt hat sich ein Gemüseeintopf, dem ich mit roten Linsen, Cumin und Garam Masala eine indische Note gebe. Diesen Matsch essen wir bei Bedarf drei Tage lang."

Als eine Verlagsangestellte einmal ihre Geburtstagstorte auf den Flur gestellt hat, damit sich jeder ein Stück herunterschneiden kann, tat dies auch Herr Hosemann und lobte gegenüber Roger Willemsen besonders die Marzipan-Couvertüre, bis er ihn belehrte, dass es sich „um das Stearin, das beim Ausblasen der Kerzen verlaufen war", handelte.

Berzbachs Buch ist eine Einladung - auch für Intellektuelle -, ihrem Körper vernünftiges Essen zuzuführen, sodass ihr Hirn „klar genug denken" kann. Nachhaltiges Formbewusstsein bezieht sich nicht nur auf Literatur, Kunst und Wissenschaft, sondern auch auf uns selbst:

„In unbedachter Zerstreuung können wir Dinge zwar benutzen, sie essen, uns ankleiden und von Medien berieselt werden. Aber erst in einer achtsamen Haltung können wir sie auch ästhetisch wahrnehmen und empfinden." (Frank Berzbach)

Quellen und weitere Literatur:

Frank Berzbach: Formbewusstsein. Eine kleine Vernetzung der alltäglichen Dinge. Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2016.

Insa Wilke (Hg.): Der leidenschaftliche Zeitgenosse. Zum Werk von Roger Willemsen. S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2015.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Küchen-Kultur und Lebensart: Warum Verantwortung nicht zwischen Herd und Kühlschrank aufhört. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle 2017.

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