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Interview mit Jürgen Klinsmann über Machtspiele, Ego und Nachhaltigkeit im Fußball

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Jürgen Klinsmann (r.) mit Karin Helle (l.) und Claus-Peter Niem (2. v. r.)

Foto: Coaching for Coaches

Herr Klinsmann, wann sprachen Sie zum ersten Mal vom "Konzept der Nachhaltigkeit"? Was bedeutet Ihnen dieser Begriff im Fußballkontext, und warum wird er so häufig missbraucht?

Der Begriff beschäftigt mich schon länger - erstmals sprach ich darüber bei meinem Amtsantritt als Bundestrainer im Jahr 2004. Wir waren kurz davor den Anschluss zu verpassen, was ein riesiger Rückschritt gewesen wäre. Die gesamte Trainingslehre des Deutschen Fußball-Bundes musste dringend reformiert werden - vom Jugendfußball bis hin zur Nationalmannschaft. Dazu benötigte man natürlich Fachleute - und dazu gehören auch Experten von außen. Ein tiefgreifender Wandel musste her, eine Stärken- und Schwächen-Analyse, auch im Vergleich mit anderen Ländern.

Der Prozess war mir hierbei wesentlich wichtiger als das bloße Ergebnis. Es ging eben um Nachhaltigkeit. Das wiederum funktionierte nur mit Menschen, denen ich blind vertrauen konnte, einem Inner Circle sozusagen, der gemeinsam in eine Richtung dachte, mit einer klaren Vision und Zielen auf dem Weg hin zurück zur Weltspitze. Mut und Freude waren mir dabei besonders wichtige Werte bzw. ein wichtiger Antrieb.

Schon damals sprach ich von einem 10-Jahresplan. Dies hat ja mit dem Gewinn der Weltmeisterschaft der Weltmeisterschaft von 2014 auch haargenau gepasst. Und das ist für mich eben Nachhaltigkeit im Fußballkontext - „it's a process!" Es geht eben nicht um den nächsten Sieg, sondern um eine Gesamtentwicklung, die häufig Jahre andauern kann.

Natürlich wird genau dies auch in vielen Vereinen und Verbänden gepredigt, doch sobald Machtspiele und Ego in den Vordergrund rücken, ist der Prozess spätestens nach drei Niederlagen beendet. Denn: Welcher Machtapparat möchte schon ernsthaft verändern - oder an Position einbüßen?

Warum gehören Nachhaltigkeit und Growth Mindset zusammen?

Ich kann nur dann nachhaltig wirken und etwas langfristig auf eine neue, bessere Stufe bringen bzw. Spuren hinterlassen, wenn ich versuche, auch persönlich immer besser zu werden, indem auch ich mich reflektiere, hinterfrage und fordere - und das im täglichen Umgang mit meinen Mitarbeitern bzw. den Projekten, die ich nachhaltig verbessern und entwickeln möchte. Eben in meinem Tun voll aufgehen und meine Bestimmung leben.

Das wiederum macht große Führungspersönlichkeiten aus. Sie leben ihre Bestimmung - leben das, was sie aus der Masse heraus hebt und bewegen gleichzeitig Massen. Sie lösen Initialzündungen aus und sehen in Erfolgen weit mehr „nur" als einen Sieg. Durch Berührung, durch Worte, durch Willen, durch Wissen, durch Strategie! Durch die Kunst, allen eine Nasenlänge voraus zu sein in ihrem Handeln und Tun. Durch ihr sensitives Gespür für das Feinstoffliche und alle Eventualitäten, die im nächsten Moment passieren könnten. Sie erfinden sich immer wieder neu, halten nichts vom Status Quo und schärfen täglich ihr Profil.

Können Sie Ihr eigenes Growth Mindset beschreiben?

Mir war es immer wichtig dazuzulernen und zu wachsen. Schon als kleiner Bub legte ich mir ein Rekordbuch an, um mich selbst herauszufordern und meine Entwicklung zu beobachten. Hier trug ich übrigens immer all meine Tore ein. Später bei der Nationalmannschaft war es mir in den Trainingslagern häufig zu langweilig. Also nutzte ich die Zeit, um mich am Computer zu verbessern, mit 10 Fingern tippen zu lernen, neue Sprachen zu erschließen. Auch tausche ich mich immer gerne mit Experten aus - ob in Sachen „Profifußball", „Gesundheit und Ernährung" oder „Wissenschaft und Entwicklung". Eigentlich bin ich allem gegenüber aufgeschlossen.

Und als ich mal keinen Trainerjob hatte, habe ich einen Helikopterführerschein gemacht. Übrigens eine unglaubliche Herausforderung. Ich möchte mir abends immer sagen können, dass ich das Beste aus dem Tag gemacht habe. Sinnvolles eben, um immer ein Stück besser zu werden in meinen Kompetenzen, Fertigkeiten und Fähigkeiten.

Was bringt Sie zum Handeln, und welche Rolle spielen dabei Klarheit, Kompetenz, Selbstbewusstsein, Durchhaltevermögen und „Machen"?

Ich handele immer dann gerne, wenn ich das Gefühl habe, etwas bewegen zu können, etwas anzuschieben, eine neue Herausforderung anzugehen, die Entwicklungspotential aufzeigt - für das gesamte Projekt sowie für mich persönlich. Dann habe ich automatisch Spaß am Tun, kann voran gehen, im schlimmsten Fall auch mal ein Stück weit meinen Kopf hinhalten, wenn ich weiß, dass es sich lohnt und für den Prozess und letztlich auch für den Erfolg von Bedeutung ist.

Selbstbewusstsein und Durchhaltevermögen sind natürlich absolut entscheidend, wenn ich etwas erreichen möchte. Es ist wie früher als Stürmer auf dem Platz. Gas geben bis zur letzten Minute und eben auf die Chance lauernd. Dann muss man voll da sein. Und da sind wir wiederum beim Tun: Entwickeln kann ich mich immer nur, wenn ich selbst vorangehe und mache - und das mache ich auch immer meinen Spielern klar. Hilfe zur Selbsthilfe eben. Jeder hat es ein Stück weit selbst in der Hand, man muss ich bewegen und handeln.

Als ich 19 Jahre alt war, hatte ich das Gefühl, dass ich mich in meiner Schnelligkeit noch verbessern muss. Mein Bruder war Zehnkämpfer und verfügte hier über mehr Wissen. Und so ergab sich auch ein Kontakt zu seinem Athletiktrainer. Ich engagierte ihn kurzerhand, um mich in meinen Sprints zu verbessern. Eben aus mir selbst heraus.

Mit welchen innovativen Ideen und Konzepten gefragt können sich Fußballvereine heute für die Zukunft rüsten? Wie kann der globale Wandel auf "nachhaltige" Weise mitbestimmt werden?

Indem ein ganzheitliches Konzept entwickelt wird - von der Jugend bis hin zu den Profis. Die Basis sind feste Regeln, Rituale und Abläufe sowie ein clubeigenes Wertesystem, sozusagen eine individuelle DNA, für die der Club steht. Zudem eine einheitliche Spielphilosophie und gut ausgebildete Trainer, die lernen in Prozessen zu denken und die nicht von Sieg oder Niederlage getrieben sind. All das muss sich wiederspiegeln in der Spielweise, in der täglichen Trainingsarbeit sowie in der ganzheitlichen Ausbildung der Jugendspieler, die eben in ihrer ganzen Persönlichkeit geformt werden - körperlich, geistig und seelisch.

Wichtig können hier Patenschaften zwischen älteren und jüngeren Spielern sein oder eine Art „Mentoring" von Trainern, Coaches oder ehemaligen Spielern, die den jüngeren Kickern mit Rat und Tat zur Seite stehen, diese fördern und fordern und gegebenenfalls auch mal den Finger in die Wunde legen, zum Beispiel beim Stichwort „Umfeldmananagement".

Vielen Dank für das Gespräch.

Einwurf von Karin Helle und Claus-Peter Niem

Die Erfolgsgeschichte der deutschen Fußballnationalmannschaft der Männer seit 2004 fing mit der fast unlösbar scheinenden Herausforderung der Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land an und reichte bis hin zum Gewinn des Weltmeistertitels in Brasilien 2014. Nicht umsonst sprachen Jürgen Klinsmann und Joachim Löw schon damals von einem Zehn-Jahres-Plan, den es anzuschieben gelte, um den deutschen Fußball wieder in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Sie hatten Recht, denn Erfolg folgt, wenn man den Dingen Zeit gibt.

Der Masterplan von Jürgen Klinsmann beinhaltete u.a. folgende Aspekte:

• offene Kommunikation der Probleme im DFB und in den Medien, bis allen die Notwendigkeit und Dringlichkeit der Reformen bewusst wurde,

• neben den fachlichen mussten vor allem die menschlichen Qualitäten im Führungsteam stimmen,

• Teammitglieder wurden als Partner betrachtet, die dieselben Werte vertraten und in dezentralen Strukturen in klaren Verantwortlichkeiten arbeiteten,

• das Prinzip der Eigenverantwortung: „Wir wollen den mündigen Spieler."

Nach ihrem Studium der Pädagogik, Psychologie und Soziologie arbeiteten Karin Helle und Claus-Peter Niem zunächst als Lehrer. 1999/2000 gründeten sie die Agentur Coaching for Coaches in Dortmund. Sie arbeiten seither mit zahlreichen prominenten Sportlern, unter ihnen Jürgen Klinsmann, Joachim Löw, Stefan Kuntz und Sebastian Kehl. 2016 erschien ihr Buch „One touch. Was Führungskräfte vom Profifußball lernen können. Mit Einwürfen von Jürgen Klinsmann, Joachim Löw & Co." (Campus Verlag, 2016). Ich danke ihnen für zahlreiche Inspirationen und die Ermöglichung des Interviews.

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