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Integrierte Wertschöpfung - Arbeiten in Netzwerken: Worauf es jetzt ankommt

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Interview mit Dr.-Ing. Dagmar Dirzus, Geschäftsführerin der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik (GMA), VDI Verein Deutscher Ingenieure e.V. und Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT und Leiterin des Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI in Karlsruhe

Frau Dr. Dirzus, Sie sagen, dass B2B das Neue B2C ist. Was bedeutet das?

Dirzus: Wir müssen, aufbauend auf den vertrauensvoll entwickelten vertikalen Beziehungen, horizontale Netzwerke etablieren - Partnerschaften, die den Endkunden gleichermaßen kennen und damit in der Lage sind, spezielle Services auf unterschiedlichen Ebenen anzubieten. Außerdem sind die Netzwerkpartner auf diese Art nicht von einer möglichen Fehlentscheidung des OEM abhängig, sondern können korrektiv und gemeinsam eingreifen oder Vorschläge für eine bessere Differenzierung am Markt durch einzigartige Kombinationen von Services anbieten.

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Dr.-Ing. Dagmar Dirzus (Copyright: VDI)

Weissenberger-Eibl: Die Entwicklung hybrider Wertschöpfungsmodelle durch die Kombination technischer Lösungen und begleitender Dienstleistungsmodelle ist bereits in vollem Gange. Die absehbaren Entwicklungen der nächsten Jahrzehnte bieten der deutschen Wirtschaft große Chancen.

Um diese zu nutzen, müssen jedoch zahlreiche Herausforderungen gemeistert werden. Zentrale Zukunftsthemen sind die kunden- und marktspezifische Anpassung hybrider Geschäftsmodelle, die zunehmende Integration von Dienstleistungen und Technologien, die Weiterentwicklung des Service Engineering im Hinblick auf Modellierung und Simulation oder die Produktivitätssteigerung von Dienstleistungen sein.

Inwiefern sind die Integration von Technologien und Dienstleistungen hier große Hilfestellungen?

Weissenberger-Eibl: Sie werden neue Dienstleistungen und neue Formen der Dienstleistungserbringung erst ermöglichen. Aber auch Dienstleistungen können Treiber für neue Technologien sein, um z. B. die Anforderungen nach der Individualisierung, Nachhaltigkeit und intuitiven Nutzbarkeit von Leistungen zu erfüllen. Die zukünftige Dienstleistungsforschung muss wesentliche Beiträge leisten, um die zunehmende Komplexität im Zusammenspiel zwischen Dienstleistungen und Technologien sowie zwischen Anbietern, Partnern und Kunden zu meistern.

Neben der Technik muss daher auch dem Faktor Mensch in seiner Rolle als Leistungserbringer, Kunden oder Partnern im Dienstleistungsprozess ein hohes Maß an Bedeutung geschenkt werden, gerade wenn es um die Berücksichtigung nationaler, regionaler und lokaler Besonderheiten im Zuge der weiteren Internationalisierung geht.

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Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl (Copyright: Franz Wamhof)

Dirzus: Heute sind Unternehmen erfolgreich, die nicht in traditionellen Netzwerken denken und arbeiten, in denen jeder seine eigene Wertschöpfung betreibt, sondern diejenigen, die integrierte Wertschöpfung anbieten, die flexibel und schnell reagieren und vor allem diejenigen, die latente Kundenwünsche vorwegnehmen. Der VDI belgeitet diese Entwicklungen seit 2015 mit der Etablierung eines Fachausschusses in der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik: „Geschäftsmodelle für die Industrie 4.0" unter Leitung von Prof. Frank T. Piller (RWTH Aachen).

Nach dem Statusreport „Digitale Chancen und Bedrohungen - Geschäftsmodelle für Industrie 4,.0" von 2016 wurden dieses Jahr zwei wichtige Richtlinienausschüsse gegründet „Geld verdienen mit I4.0" und „Wege in die I4.0" unter Leitung von Christian Gülpen, die auf dem Weg sind, Hilfestellungen, insbesondere für den Mittelstand, zu entwerfen.

Außerdem werden wir unsere bereits 2014 etablierte Tagung „Industrie 4.0" im kommenden Jahr parallel zur „Automation 2018" mit dem Schwerpunkt Geschäftsmodelle ausrichten und dort auch Fragen nach Changemanagement und Führung 4.0, nach Erfolgen mit Mergers & Acquisitions, neuen Netzwerken, Speedboats, Moonshots und Spin-offs beantworten. Und nicht ohne Grund haben wir 2017 im VDI das Themenjahr „Smart Germany - Arbeit in der Digitalen Transformation" etabliert", viele Veröffentlichungen geschrieben und nicht zuletzt politikorientierte Veranstaltungen sehr erfolgreich durchgeführt.

Was ist im Kontext der integrierten Wertschöpfung auch das Arbeiten in Netzwerken von besonderer Bedeutung?

Weissenberger-Eibl: Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Unternehmen jederzeit innovationsfähig sein und sich kontinuierlich weiterentwickeln. Während sie selbst positiv auf eigene Innovationen einwirken oder ihre internen Prozesse optimieren können, haben sie meist keinerlei Kenntnis von und Einfluss auf die Innovationsfähigkeit ihrer Zulieferer. Dabei hängt die Qualität von Produkten und Dienstleistungen oft entscheidend von Zulieferbetrieben ab, was Unternehmen ein Stück weit von diesen abhängig machen kann.

Das Fraunhofer ISI hat in diesem Zusammenhang ein Bewertungsinstrument entwickelt, das es Unternehmen erlaubt, die Innovationsfähigkeit ihrer Zulieferer zu ermitteln und umfassend zu beurteilen. Darüber hinaus erlaubt das Verfahren auch eine kontinuierliche Bewertung von Zulieferern und zeigt diesen Möglichkeiten zum Ausbau und zur besseren Ausschöpfung des vorhandenen Innovationspotenzials auf. Die Zulieferunternehmen bekommen dadurch Kenntnis davon, wie innovationsfähig sie sind und wo sie sich noch verbessern müssen - gerade auch im Vergleich mit anderen Unternehmen.

Wie funktioniert das Bewertungsinstrument konkret?

Weisenberger-Eibl: Es greift auf Daten zurück, die bei einer zweijährlich stattfindenden Unternehmensbefragung ermittelt werden und basiert auf 60 Teilindikatoren. Aus diesen Teilindikatoren resultieren sieben wichtige Gestaltungsfelder, anhand derer die Zulieferbetriebe beurteilt werden: Neben "Innovationskultur und Strategie", "Kompetenz und Wissen" und "Technologie" zählen dazu auch die Bereiche "Produkt und Dienstleistungen", "Prozess- und Projektmanagement", "Netzwerke und Kooperation" sowie "Markt". Aus den Angaben der Unternehmen zu den sieben Gestaltungsfeldern resultiert schließlich ein Gesamtindikator, mit dem sich die aktuelle Innovationsfähigkeit der Zulieferer umfassend beurteilen lässt. Das Beispiel verdeutlicht meines Erachtens sehr gut, wo Synergien der Arbeit des VDI und des Fraunhofer ISI mit seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Erarbeitung von Methoden und Werkzeugen liegen.

Weitere Informationen:

Industrie 4.0: 10 Thesen und ein Geschäftsmodell: Der neue VDI-Statusreport

Weissenberger-Eibl, M.: brand eins 03/2017 "Wie wir morgen arbeiten werden. Und was", S. 76-77.

Weissenberger-Eibl, M. et al. (2017 im Erscheinen): Nachhaltige Unternehmensentwicklung, in: Englert, M./Ternes A. (Hrsg.) (2017): Integriertes Nachhaltigkeitsmanagement, Springer Verlag.

Weissenberger-Eibl, M. (2017 im Erscheinen): Schöne neue Arbeitswelt, in: Anderson, K. / Volkens B. (Hrsg.) (2017) Digital Human, Campus Verlag, S. 213-224.

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