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Integrieren statt aussortieren: Was die Gesellschaft vom Fußball lernen kann

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Interview mit Karin Helle und Claus-Peter Niem

Nach ihrem Studium der Pädagogik, Psychologie und Soziologie arbeiteten die beiden zunächst als Lehrer. 1999/2000 gründeten sie die Agentur Coaching for Coaches in Dortmund. Sie arbeiten seither mit zahlreichen prominenten Sportlern, unter ihnen Jürgen Klinsmann, Joachim Löw, Stefan Kuntz und Sebastian Kehl. 2016 erschien ihr Buch „One touch. Was Führungskräfte vom Profifußball lernen können".

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Karin Helle (l.) mit Claus-Peter Niem (2.v.r.) und Jürgen Klinsmann (r.)

Foto: Coaching for Coaches

Weshalb ist jede Teamzusammensetzung für Sie auch eine Kunst?

Es geht darum, immer wieder den passenden Schlüssel zu finden, denn so unterschiedlich die jeweiligen Mannschaften sind, so unterschiedlich sind die Kicker. Hier ist der Trainer auf ganzer Linie gefordert - vom Menschenfänger bis hin zum Profiler, um Beziehungen aufzubauen, Spieler zu berühren, auch und gerade schwierige Charaktere zu integrieren, um möglichst vielfältige Potentiale zu entwickeln. Denn: Nur, wer auch neben dem Platz funktioniert und in der Balance ist, kann auf dem Platz volle Leistung bringen.

Ansichten, die viele Führungskräfte teilen...

Ja, und ganz egal, ob man als gestandener Coach in der Bundesliga Profis täglich bei Lust und Laune halten darf oder als Vater eines Sohnes oder einer Tochter als Kinder- und Jugendtrainer einmal pro Woche und an den Wochenenden eine Gruppe Halbwüchsiger zu einem Team formen möchte - jeder Mensch ist einzigartig und jedes Team ebenso.

Was folgt daraus?

Flexibilität ist alles. Und was mit dem einen Spieler oder Team geklappt hat, muss in einer neuen Situation und mit anderen Kickern noch lange nicht klappen. Die Hochform: Sich auf jeden Spieler - ob Minikicker oder Akademiespieler - einstellen, ihn annehmen, ernst nehmen, weiter entwickeln und zunächst einmal integrieren. Vor allem dann, wenn es auf den ersten Blick nicht immer ganz einfach erscheint.

Weshalb sollte integriert statt aussortiert werden?

Wer kennst sie nicht, die berühmten „Pflegefälle" oder auch „faulen Äpfel", die einem Team einerseits meist fußballerisch gut tun würden, andererseits aber gerne anecken, weil sie menschlich schwierig sind. Häufig sind die Mechanismen - auf lange Sicht - die gleichen: Ausmusterung. Denn faule Äpfel stecken bekanntlich andere Äpfel an.

In der Tat ist es immer eine Gratwanderung, möchte man auf lange Sicht einen auf den ersten Blick etwas schwierigeren Charakter integrieren. Und nicht immer wird dies möglich sein. Doch es gibt Optionen. Und es lohnt sich fast immer. Denn gerade recht individuelle Charaktere verfügen über besondere Kompetenzen und Fähigkeiten - wenn man sie denn zulässt und zu kanalisieren weiß.

Eine davon?

Enge Bindungen! Auch, wenn es manchmal schwer fällt, zu jedem eine Beziehung aufzubauen. Je mehr man aber weiß, wie der Spieler tickt, desto besser kann man individuell auf ihn eingehen, Konflikte im Vorfeld erkennen, ihn vor Spielen berühren, inspirieren, an die Grenzen führen!

Natürlich wird man nicht zu jedem seiner Kicker die innigste Beziehung aufbauen. Das ist auch gar nicht nötig. Und auch für Toptrainer ist es menschlich, zu bestimmten Spielern einen engeren Draht zu haben als zu anderen.

Weshalb ist ein Mittel zum Zweck gute Kommunikation?

Je besser man sein Gegenüber kennt, desto besser kann man ihn auch berühren. Genau nach dem Grundsatz: Gute Kommunikation ist das Herzblut einer gesunden Mannschaft (Kabinenspruch).

Was muss ein Trainer tun, um von Anfang an das Beste aus seiner Mannschaft herauszuholen?

Er sollte er auf jeden Kicker individuell eingehen können. Das setzt voraus, dass er seine Spieler möglichst schnell kennen lernt. Mannschaftsaktivitäten außerhalb des Fußballs können dazu beitragen. Doch das Entscheidende ist sicher: Gemeinsames Kicken auf dem Platz! Zudem macht es Sinn, sich von Anfang an Notizen über seine neue Mannschaft zu machen. Das betrifft das Fachliche genauso wie das Menschliche. Und gerade zu Beginn einer neuen Spielzeit oder der Übernahme eines neuen Teams ist es von Bedeutung, sich nach dem Training ein paar Notizen über seine Kicker zu machen. Oder: Einfach gut zuhören, Profile erstellen, Informationen sammeln und festhalten! Natürlich variiert ein solches Persönlichkeitsprofil je nach Alter der Spieler.

Was ist nachhaltig daran, wenn ein Führender dem individuellen, persönlichen Kontakt besondere Bedeutung beimisst?

Dies trägt wesentlich zum Mehrwert bei. Und häufig sind es die Kleinigkeiten, die einen Mitarbeiter über sich hinaus wachsen lassen. Beziehung eben - oder in anderen Worten: Nur wer seine Mitarbeiter richtig kennt, kennt auch sein Team. Fragen wie „Wie kann ich meine Spieler berühren?", Wie kann ich aus meinem Team das Beste herausholen?" oder „Warum haben wir das Spiel her geschenkt?" können individuell häufig besser beantwortet werden. Kennen Trainer ihre Spieler sowohl als einzelne Persönlichkeit wie auch als Teamspieler, können sie mit deren Stärken, Ängsten, Zweifeln, Wünschen usw. viel gezielter umgehen, weil sie wissen, welcher Spieler wie reagiert - und tragen so zur Entwicklung der einzelnen Spieler wie auch des Teams bei.

Welche Rolle spielt das Zuhören?

Gut zuzuhören ist eine der besten Möglichkeiten, Vertrauen aufzubauen. Spürt ein Mensch, dass ihm aufmerksam zugehört wird, dann entsteht die ergiebigste menschliche Interaktion. Das bedeutet aber nicht, dass man mit dem Sprecher immer einer Meinung ist, zeigt aber, dass man sich in den anderen einfühlen kann und ihn versteht. Jeder möchte gewürdigt werden, jeder gemocht werden. Und oft ist es gar nicht nötig, dass mit schnellen Lösungen oder Antworten parat zu stehen. Es sollte stattdessen einfach nur zugehört werden! Denn es handelt sich um ein absolutes Grundbedürfnis gehört zu werden - bevor nach Lösungen gesucht wird. Ähnliche Erfahrungen machte Kommunikations- und Motivationstrainer Dale Carnegie schon vor fast 100 Jahren. "Das Geheimnis, Menschen zu beeinflussen, liegt weniger darin, ein guter Redner zu sein, als darin, ein guter Zuhörer zu sein."

Ein weiterer Schlüssel ist für Sie die Balance der Bedürfnisse Selbstbestimmung, Kompetenz und Zugehörigkeit. Warum?

Wer sich als Trainer entschieden hat, mit jungen Kickern zu arbeiten, steht in der Verantwortung - und zwar für jeden seiner Spieler. Und auch, wenn es für die meisten Leiter an der Seitenlinie nur ein unbezahltes Hobby ist: Es gilt immer, für eine positive Grundstimmung zu sorgen und eine Wohlfühlatmosphäre zu erzeugen, damit jeder sein Potential voll ausschöpfen kann. Gute Trainer achten darauf, dass die drei Grundbedürfnisse möglichst in der Balance sind.

Wissenschaftliche Untersuchungen der Universität Rochester haben ergeben, dass sich Menschen besonders dann wohl fühlen, wenn sie ihr Leben beruflich wie auch privat selbst bestimmen können, in ihren Kompetenzen anerkannt werden und sich zu einer Gruppe zugehörig fühlen.

Nur, wer sich in einem gewissen Maße selbst bestimmen kann, in seinen Kompetenzen anerkannt wird sowie sich seinem Team zugehörig fühlt, kann Topleistungen erbringen. Auf dem Fußballplatz genauso wie im Büro, in der Familie, der Schule oder in welchem Team auch immer - und zwar vor allem dann, wenn alle drei Bereiche gelebt werden können - und in der Balance sind.

Was bedeutet das für Trainingsgruppen?

Freiräume schaffen! Je mehr Selbstbestimmung, desto mehr (Lebens)-Freude. Natürlich gibt es für das gesamte Team feste Regeln, Rhythmen und Rituale, an die sich alle halten müssen - doch Selbstbestimmung darf dabei aber nie zu kurz kommen. Das beginnt bei den Minis mit der Aufforderung „Raus und spielen!", also zeitlichen Freiräumen während des Zusammenseins bis hin zu Möglichkeiten der Mitsprache beispielsweise bei jugendlichen Fußballern in Bezug auf Trainingslager, Jugendherberge, Fußballschule oder Freizeitgestaltung bis hin zu individuellen Trainingsschwerpunkten, die ein jeder Spieler für sich selbst bestimmen darf, will er sich verbessern.

Wie möchte ich mich gezielt weiter entwickeln? Wo meine Talente weiter ausbauen? Diese oder ähnliche Fragen gemeinsam mit seinen Kickern in Evaluationsgesprächen zu erörtern, um dann gezielt Zusatzprogramme anzubieten - ganz egal, ob im Bereich der Fitness, der fußballerischen Fähigkeiten, der mentalen Stärke oder der sozialen Kompetenzen - sind sicherlich die Hochform, die man als motivierter (Freizeit-)Coach seinen Kickern entgegen bringen kann, um für eine große Portion Selbstbestimmung zu sorgen.

Die Würdigung eines jeden Einzelnen sowie das Bewusstmachen der persönlichen Stärken gehören genauso dazu wie das Erhöhen der Kompetenzen durch individuelle Förderung, durch Gespräche oder Feedbacks. Jeder ist wichtig - und Vertrauen und Respekt machen stark und führen in die Erfolgspur. Das gilt für die kleinen Anführer im Team genauso wie für jeden Kicker, der neu zur Mannschaft hinzu stößt.

Zudem sollte jedem das Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt werden - in erster Linie durch persönliche Gespräche, kleine Botschaften, feste Rituale wie Sitz- oder Erzählkreis. Fühlt sich ein Spieler gewürdigt, fühlt er sich dem Team zugehörig, dann bringt er sich auch voll ein - und zwar mit ganzer Energie, Leidenschaft und Freude. Und geht gegebenenfalls an oder über seine Grenzen.

Vielen Dank für das Gespräch.

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