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Innovativ, nachhaltig, weiblich: Richtungswechsel in deutschen Aufsichtsräten

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Nachhaltiges Wirtschaften braucht Kurskorrekturen

Das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns gibt es in Deutschland bereits seit dem Mittelalter. Neu ist allerdings, dass eine Vielzahl von Finanzinvestoren diese zeitlosen Gedanken aufnehmen und ihre Investitionen zuweilen sogar als Druckmittel verwenden, um einen nachhaltigen Richtungswechsel in Unternehmen zu bewirken. Dabei handeln sie nicht losgelöst von gesellschaftlichen Entwicklungen, denn die Nachfrage nach ethisch sauberen Investitionen und Anlagemöglichkeiten ist seit der Finanzkrise erheblich angestiegen.

Ökonomische, ökologische und soziale Aspekte werden zunehmend auch in Hauptversammlungen thematisiert. Hintergrund ist eine Veränderung der Regulierung in Europa. Eine Überarbeitung der Aktionärsrechte-Richtlinie hat beispielsweise zum Ziel, die Anteilseigner aus der Anonymität des Aktienbesitzes herauszuführen und von ihnen aktive Mitsprache einzufordern. Anonyme Inhaberaktien sollen durch Namensaktien ersetzt werden, um eine höhere Beteiligung bei den Hauptversammlungen zu erreichen.

Aktien sollen nicht nur als Investition verstanden werden, sondern auch als greifbares Dokument der Unternehmensverantwortung durch Privatanleger. Darin zeigt sich auch eine (Kurs-)Korrektur des lange einseitig auf kurzfristige Gewinne ausgerichteten wirtschaftlichen Denkens.

Um nachhaltiges Wirtschaften zu gewährleisten, braucht es ehrbare Aufsichtsräte. Der Wirtschaftswissenschaftler, Autor, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer Rudolf X. Ruter widmete ihnen 2016 ein ganzes Buch, in dem er dafür plädiert, dass Nachhaltigkeit auch immer ein persönliches Anliegen eines ehrbaren Aufsichtsrats sein sollte. Zudem formuliert er eine Vielzahl von Fragen, die zeigen, worauf es ankommt:

Enthält die Corporate Governance eine Nachhaltigkeitsorientierung? Wie lautet das unternehmerische Verständnis der Nachhaltigkeit? Wie sieht das unternehmerische Nachhaltigkeitsmanagement konkret aus? Was sind die Ziele, wo sind sie verankert, und wo werden sie gemessen? Woran ist erkennbar, dass Nachhaltigkeit ein wesentlicher Bestandteil der Unternehmensstrategie ist? Wer ist wofür verantwortlich?

Der ehrbare Aufsichtsrat hat „den Vorstand zu bestellen, zu überwachen und zu beraten und gegebenenfalls in dessen Entscheidungen einzugreifen, indem er zum Wohle der Gesellschaft seine Zustimmung zu Geschäften auch verweigert." Er lehnt allerdings auch gegebenenfalls eine Berufung in ein Gremium ab und bewertet die Zugehörigkeit zu einer vermeintlich anzustrebenden Gruppe nicht über. „Er folgt lieber seinem eigenen Werte-Kanon", so Ruter.

Was ihn ausmacht, ist die Fähigkeit zur inneren Reflexion, des Überdenkens und Unterbrechens, „weil er emotional, materiell und persönlich unabhängig ist." Es geht ihm nicht um das maximale betriebswirtschaftliche Optimum, sondern um das abwägende Innehalten eines rechten Maßes, einer richtigen Urteilsfindung und Entscheidung.

Ruters inhaltlicher Ansatz hängt auch mit der vorgenommenen Änderung innerhalb der Präambel des Deutschen Corporate Governance Index zum Verhalten von Vorständen und Aufsichtsräten zusammen. Hier werden Wirtschaftslenker daran erinnert, dass ihr Verhalten nicht nur legal sein, sondern auch ethisch fundiert und verantwortlich sein sollte. Das sollte zwar selbstverständlich sein, doch wie Ereignisse auch der jüngsten Vergangenheit zeigen, ist es das leider nicht immer. Fairness und eine Haltung der Verantwortlichkeit kann zwar nicht durch Gesetze verordnet werden, aber eine nachhaltige, leistungsfähige und wettbewerbsfähige Wirtschaft braucht Recht und Ethik, die (festgeschriebene) Verpflichtung auf Legalität und auf ethisch fundiertes, verantwortliches Verhalten.

Bereits 1999 stellte der Bundesgerichtshof fest, dass Aufsichtsräte haften, wenn sie Vorstände, die Schaden verursacht haben, dafür nicht in Anspruch nehmen.

Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Thema Aufsichtsrat finden sich hier.

• Wer entscheidet darüber, wer in einen Aufsichtsrat gewählt wird?

• Wie setzt sich ein Aufsichtsrat zusammen?

• Was gehört zu den Aufgaben, Rechten und Pflichten eines Aufsichtsrats?

• Welche Kompetenzen müssen Kontrolleure mitbringen, welches Wissen bzw. welche Fähigkeiten sind gefordert?

• Wie können sie sich optimal fachlich, inhaltlich und juristisch auf ihre Aufgabe vorbereiten?

• Wie sieht die Haftung eines Aufsichtsrats aus? Welche Wege gibt es, die Haftungsrisiken zu minimieren?

• Was verdient ein Aufsichtsrat?

Können statt Quote - was einen guten Aufsichtsrat ausmacht

Es geht heute um Können und Kompetenzen statt Quote. Das zeigt sich am Beispiel einer der besten Spitzeningenieurinnen Deutschlands: Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl leitet das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI und ist Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement am Institut für Entrepreneurship, Technologie-Management und Innovation (ENTECHNON) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Seit Juli 2012 ist sie Mitglied im Aufsichtsrat der HeidelbergCement AG. Zuvor konnte der Baustofflieferant keine einzige Frau in Vorstand und Aufsichtsrat vorweisen. Sie bildet mit ihrer Erfahrung und Kompetenz in den Bereichen Innovationsforschung, Foresight, Roadmapping und Szenarienentwicklung, demografische Entwicklung, Nachhaltigkeit und Wissensmanagement eine Ergänzung für das Unternehmen. Außerdem wurde sie im Mai 2013 in den Aufsichtsrat der MTU Aero Engines AG gewählt. Seit Mai 2016 ist sie Mitglied im Aufsichtsrat der Rheinmetall AG.

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Foto: Franz Wamhof

Das Thema Innovation wird für Unternehmen auch künftig immer essentiell sein - deshalb möchte sie sich auch in Zukunft intensiv damit auseinandersetzen. Ihre Erfahrung ist, dass Entscheider aus allen gesellschaftlichen Teilbereichen, insbesondere aber der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, die Impulse aus der angewandten Innovationsforschung interessiert aufgreifen, um Deutschland auf allen Ebenen voranzubringen.

Neugierde ist für sie eine sehr nützliche Eigenschaft, da sie einen immer aufs Neue motiviert, den Dingen nachzuspüren und die Hintergründe auch komplexester Sachverhalte aufzudecken, die sich nicht auf den ersten Blick erschließen. Sie ist es, die herausragenden Leistungen vorausgeht. Auch in ihrer Arbeit als Aufsichtsrätin profitiert sie von dieser Eigenschaft, denn nachhaltiges Handeln braucht einen ganzheitlichen Blick.


Weitere Informationen:

Rudolf X. Ruter: Tugenden eines ehrbaren Aufsichtsrats. Leitlinien für nachhaltiges Erfolgsmanagement. Erich Schmidt Verlag GmbH & Co. KG, Berlin 2016.