BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Innovationskultur, Digitalisierung, Nachhaltigkeit: Welche Rolle spielt die Politik?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BUNDESTAG
Axel Schmidt / Reuters
Drucken

Ziel der G20 soll es sein, die Weltwirtschaft so nachhaltig zu gestalten, dass die wichtigsten menschlichen Bedürfnisse erfüllt sind und für die Weltbevölkerung eine ökonomisch florierende, ökologisch nachhaltige und sozial integrative Zukunft verwirklicht werden kann.

Wissenschaftler, Politiker und Wirtschaftsvertreter haben als Mitglieder von Think20 Empfehlungen für den G20-Gipfel erarbeitet, die Kanzleramtsminister Peter Altmaier vor einigen Wochen entgegennahm.

Da Innovation durch zu lösende weltweite Probleme und die technische Entwicklung und nicht von der Politik angetrieben wird, sei es notwendig, „Regierungsstrukturen zu schaffen, um in einer vernetzten Welt die Probleme weltweit zu diskutieren". Deutschland hat die Digitalisierung deshalb als Chance für die Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele und zur Förderung von Entwicklungsländern auf die Agenda der G20-Staaten gesetzt.

Innovationskultur und ihre Weiterentwicklung sind langfristige Aufgaben, die mit allen gesellschaftlichen Akteuren angegangen werden müssen, denn nur wer breit verankert ist, wird künftig Gehör finden und seinen Einfluss geltend machen können (z.B. beim CO2-Thema).

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI unterstützt Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit Perspektiven für ein nachhaltiges Innovationsverständnis, bewertet ökonomische, soziale und politische Potenziale und Grenzen technischer Innovationen.

Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl, Leiterin des Fraunhofer ISI und Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement iTM am Karlsruher Institut für Technologie KIT, leitete die Arbeitsgruppe Innovationskultur beim Zukunftsdialog der Bundeskanzlerin 2011 bis 2012.

Daraus entstand die Idee zum Internationalen Deutschlandforum (IDF), einem Format für den interdisziplinären Austausch über weltweit relevante Zukunftsfragen. Beim IDF 2015 moderierte sie die Themengruppe "Die Zukunft braucht ganzheitliche Lösungen".

Im April 2017 wurde die Innovationsforscherin in den Lenkungskreis der Sustainable Development Goals (SDG)-Wissenschaftsplattform "Nachhaltigkeit 2030" der Bundesregierung berufen, die Teil der deutschen Nachhaltigkeitsstrategie ist und die Umsetzung der Agenda 2030 der Vereinten Nationen wissenschaftlich begleitet sowie Handlungsempfehlungen entwickelt.

Aufgabe der Politik ist es nach Ansicht der Wissenschaftlerin, Aktivitäten und Maßnahmen in verschiedenen Bereichen anzustoßen und zu moderieren, was die Fähigkeit voraussetzt, „Politiken in unterschiedlichen Feldern kohärent aufeinander abzustimmen". Allerdings betont sie auch, dass Politik die Innovationskultur nicht im Alleingang verändern kann - zumal sie selten so erratisch war wie heute. Politik sieht sich im Komplexitätszeitalter mit immer neuen Stimmungslagen und sich auflösenden Ordnungen und Themen konfrontiert.

2017-07-08-1499525988-2559017-WeissenbergerEibl_Tisch_Wamhof.JPG

Univ.-Prof. Dr. Marion A. Weissenberger-Eibl (Copyright: Franz Wamhof)

Politik kann Akzente setzen, „indem sie Themen aufgreift und auf die Agenda der Forschungs-, Innovations- und Bildungspolitik setzt. Sie kann Rahmenbedingungen gestalten, Möglichkeitsräume eröffnen, neue Ansätze fördern, gesellschaftliche Diskurse anstoßen und damit zum Vorreiter eines Paradigmenwechsels werden."

Auch bei Foresight-Prozessen (Vorausschau) kann die Politik in vielen Bereichen Impulse setzen oder darauf dringen, bestimmte Punkte auf die Agenda zu setzen, „wenn es sich nach unseren Erkenntnissen um ein mögliches Thema handelt, das in Zukunft an Bedeutung gewinnen wird."

Weissenberger-Eibl verweist in diesem Zusammenhang auf das für die Luftfahrtindustrie so bedeutende Thema der Versorgungssicherheit mit Rohstoffen: Die ISI-Studie „Rohstoffe für Zukunftstechnologien 2016", die im Auftrag der deutschen Rohstoffagentur (DERA) durchgeführt wurde, zeigt, dass durch neue Technologien der Bedarf an wirtschaftsstrategischen Rohstoffen in Zukunft drastisch zunehmen wird. Dies sei vor allem für die von Rohstoffimporten stark abhängige deutsche Wirtschaft relevant.

„So könnte sich eine in den kommenden Jahren stark steigende Nachfrage nach Superlegierungen in der Luft- und Raumfahrtindustrie auf die Märkte für Sonder- und Nebenmetalle auswirken, was für die Branche Konsequenzen auf der Technologiekostenseite hätte"
, so die Wissenschaftlerin.

Um hier international nicht hinterherzuhinken, muss die Politik rechtzeitig agieren und die Versorgung der Branche mit wirtschaftsstrategischen Rohstoffen sichern. Da die Umsetzung und Marktdurchdringung neuer Technologien auch von der Akzeptanz der BürgerInnen abhängt, sollte dies von der Politik mit bedacht werden.

Das Fraunhofer ISI berücksichtigt diese Aspekte in seiner Forschung und zeigt, dass Deutschland „eigentlich" gute Voraussetzungen hat, um bei der Digitalisierung vorn zu sein.

Eine Studie des International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne, die Ende Mai veröffentlicht wurde, zeigt, dass es Deutschland nicht an finanziellen Mitteln, innovativen Firmen und Forschungsprojekten fehlt, sondern vor allem an der „richtigen" Einstellung, Agilität und Flexibilität, sich der digitalen Transformation zu stellen.

Die Folge: In der digitalen Weltrangliste rangiert Deutschland auf Platz 17 (von 20), noch hinter Österreich (16). Die drei Erstplatzierten sind Singapur, Schweden und die USA. Dennoch muss dies keinen Anlass zur Sorge geben, denn die duale Berufsausbildung, die Innovationskraft deutscher Forschungseinrichtungen und Unternehmen sind wichtige Fundamente für einen guten Ausgang der Entwicklung, die mehr kommuniziert werden sollten.

Die Politik hat im Prozess der Digitalisierung, in dem dunkle Weltbilder häufig dominieren, auch die Möglichkeit, einen Aufschwung der Kreativität und des Möglichkeitssinns zu unterstützen. Dazu gehört, dass wir „das Nachdenken über einen guten Ausgang der Geschichte verteidigen. Denn Hoffnung ohne Kritik ist blind, doch Kritik ohne Hoffnung ist leer." (Thomas Macho)

Quellen und weiterführende Informationen:

Weissenberger-EIbl, Marion A.; (2014): Offenheit macht innovativ. In F.A.Z.-Institut (Hrsg.), Jahrbuch 2014. Innovationstreiber für Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. S.16.

Dialog über Deutschlands Zukunft. Ergebnisbericht der Expertinnen und Experten des Zukunftsdialogs der Bundeskanzlerin 2011/2012. Herausgeber: Presse- und Informationsamt der Bundesregierung, S. 76-78.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffiPost ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.