BLOG

Der innere Kompass: Wie wir heute richtig navigieren

23/01/2016 17:26 CET | Aktualisiert 23/01/2017 11:12 CET
Leonardo Patrizi via Getty Images

„Ich setze viel auf den gesunden Menschenverstand, auf schonungslose Ist-Beobachtung. Um daraus abzuleiten, wie sich die Dinge entwickeln werden." Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE.

Um den eigenen Kurs im Leben festzulegen, braucht es eine tiefere Ebene des eigenen Gewissens, einen Maßstab, der dabei hilft, richtig zu navigieren und Gelegenheiten auch dann zu erkennen, wenn es schwierig wird.

Die innere Stimme stellt als Bauchgefühl eine Orientierung in einer gemeinsamen Welt dar und unterstützt uns darin, den Instinkt dafür nicht zu verlieren, was richtig ist.

Denn das Leben ist ein „großer Tumult mit unaufhörlichen Schwankungen zwischen dem, was uns ängstigt, und anderem, was uns Freude bereitet", schreibt der schwedische Bestseller-Autor Henning Mankell in seinem letzten Buch „Treibsand":

„Haben wir noch die Zeit, uns zu besinnen? Oder ist der Atomabfall ein weiterer Schritt auf einem Weg, der immer steiler abwärts führt?"

Die Beschäftigung mit dieser durch den gesunden Menschenverstand geleiteten Frage lehrte den an Krebs verstorbenen Autor das Wichtigste, das man können muss: „sein Leben in die Hand nehmen. Zu seinen Entscheidungen stehen."

Ohne diesen persönlichen Hintergrund der inneren Ausrichtung wird ein Thema wie gesunder Menschenverstand im Unternehmenskontext nicht wirklich (be)greifbar.

Die Entdeckung eines alten Begriffs in modernen Arbeitswelten

Auffällig ist, dass eine Vielzahl aktueller Publikationen über Lebenssinn, Arbeit, Führung und Management auf den gesunden Menschenverstand verweisen. So sind die Überlegungen zum Aufbruch der Unternehmensdemokratie, die Andreas Zeuch in seinem Buch „Alle Macht für Niemand" auch wissenschaftlich belegt „dem gesunden Menschenverstand entsprungen".

Der Begriff erlebt auch bei den Anfang und Mitte Dreißigjährigen gerade eine Renaissance - vor allem, wenn es um Themen moderner Arbeitswelten geht. Viele von ihnen fühlen sich unverstanden und nicht „abgeholt":

„Oft werden in Organisationen Positionen an Menschen übertragen, denen der Erfahrungsschatz fehlt. Schlimm ist, dass oft entweder ein Mentor fehlt, der bündelt und in eine Richtung lenkt oder aber auch, dass die jungen Menschen glauben, alles zu können.

Viel zu oft passiert es, dass viele machen können, was sie wollen - sie kurbeln ihre Karriere an, indem sie versuchen, das strategisch Beste für sich rauszuholen - anstatt für die Organisation oder Gesellschaft. Was bleibt, ist ein großes Durcheinander, Ratlosigkeit und Verantwortungslosigkeit."

Sagt Natalie Pichler, Jahrgang 1981, Fachgruppenleiterin in einem Industrieunternehmen. Wer unter solchen Bedingungen versucht, Verantwortung zu übernehmen, „ist oft allein auf großer Flur". Die Folge: Wer das Thema erkannt hat und etwas daraus machen möchte, zieht den Kürzeren und ist deshalb später vielleicht zurückhaltend.

Sie verweist darauf, dass oft ein klares Commitment fehlt. Auch seien Kommunikation und Aussprache, wer was bis wann macht, oft nicht klar. Gefördert wird nicht, wer langfristig und gesamtheitlich denkt, sondern wer kurzfristig der eigenen Karriere nützt.

„Der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass nachhaltige Gesellschaftspolitik dann gut funktioniert, wenn die eigene Organisation richtig ausrichtet ist. Der Mensch und seine persönliche Geisteshaltung ist wichtiger Bestandteil für das Funktionieren", sagt Natalie Pichler.

Krise des Funktionierens

Das genannte Beispiel bestätigt die Aussage von Fredmund Malik, dass die heutige Krise des Navigierens vor allem eine des Funktionierens ist, bei der es um folgende Fragen geht:

• Wie können die heutigen Organisationen zum Funktionieren gebracht werden?

• Wie gelingt es, Silos in Unternehmen aufzulösen?

• Wie können (Zentral-)Verwaltungen entbürokratisiert und Konflikte oder Blockaden in Organisationssystemen aufgelöst werden?

Gesunder Menschenverstand und Bauchgefühl können dabei ein wichtiger innerer Kompass sein. Einige Führungskräfte haben das schon vor Jahren erkannt.

So fragte 2012 das Women Business-Portal SAAL ZWEI Nina Witt (Brand Director Kiehl's, L'Oréal), nach welcher Managementregel sie arbeitet. Sie antwortete:

„Mit gesundem Menschenverstand gepaart mit Bauchgefühl bin ich bis jetzt sehr gut gefahren. Ich bin recht gradlinig, kommuniziere Prioritäten klar, bin in der Lage zu delegieren, was wiederum die Motivation des Teams steigert, da sie viel Verantwortung übernehmen können."

In der Wissenschaft wird auch häufiger von Intuition gesprochen, deren Fundament gesammeltes Erfahrungswissen ist, auf das auch Natalie Pichler verwiesen hat.

Leider wird in der Ausbildung angehender Führungskräfte kaum etwas darüber gelehrt, obwohl später bei unternehmerischen Entscheidungen Bauchentscheidungen dominieren.

Das hat Dr. Sebastian Gradinger, ehemaliger Geschäftsführer der WÖHRL Akademie GmbH auf Schloss Reichenschwand und Personalexperte, in seinem Buch „Nachhaltig führen - mit gesundem Menschenverstand" mit vielen Beispielen aus dem Unternehmensalltag belegt.

Wo immer er in Unternehmen Verantwortung übernahm, plädierte er für eine neue Führungskultur, die (statt auf antrainierte Managementmethoden) auf den gesunden Menschenverstand setzt, weil es in einer immer komplexer werdenden und instabilen Welt verstärkt auf unsere Intuition ankommen wird.

Für den Handels- und Neuromerchandising-Experten Bert Martin Ohnemüller ist sie so etwas wie die letzte Instanz für den Prozess der eigenen Entscheidungsfindung: „Vertrauen auf die innere Resonanz und das eigene gute Bauchgefühl".

Empfohlener Link:

Zur besseren Ausbildung der Intuition im Fußball

Literaturempfehlungen:

Nachhaltig führen - mit gesundem Menschenverstand. Hg. Sebastian Gradinger und Robert Rösch. Hardcover, Goldegg Verlag 2015.

Bert Martin Ohnemüller: Lead. Speak. Inspire. Ein persönlicher Erfahrungs- und Erlebnisbericht über die drei wesentlichen Elemente gelungener Unternehmens- und Lebensführung. Frankfurt a. M. 2016.

Andreas Zeuch: Alle Macht für Niemand. Aufbruch der Unternehmensdemokraten. Murmann Publishers, Hamburg 2015.

Henning Mankell: Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2015.

Lesenswert:

Autoritär, selbstbewusst oder ehrgeizig?: Das verrät die Autofarbe über den Charakter eines Menschen

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Gesponsert von Knappschaft