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Immer dabei: Warum das Smartphone das Schweizer Messer des 21. Jahrhunderts ist

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SMARTPHONE
Jeffrey Coolidge via Getty Images
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Unerwünschte Nebenwirkungen

Was früher das Schweizer Messer war, mit dem man schneiden, sägen, ritzen, feilen, Schrauben drehen, Korken ziehen oder Koffer tragen konnte, ist im digitalen Zeitalter das Smartphone, das von 44 Millionen Deutschen täglich genutzt wird.

Junge Menschen haben mit ihren Smartphones heute über das mobile Internet Zugang zu mehr Echtzeit-Informationen als der Präsident der Vereinigten Staaten vor 20 Jahren. Was auch immer sie heute tun - das Smartphone ist überall dabei, selbst beim Sex, wie in entsprechenden Umfragen angegeben wird.

Etliche Beispiele dafür finden sich im aktuellen Buch „Cyberkrank!" des Hirnforschers und Psychologen Manfred Spitzer, der auch auf zahlreiche unerwünschte Nebenwirkungen durch die übermäßige Nutzung von Smartphones verweist:

So können nur drei von zehn Deutschen die Rufnummer des Partners auswendig nennen. Für Spitzer ist das ein Beispiel dafür, dass es in der modernen Gesellschaft immer häufiger Konzentrations-, Gedächtnis- sowie Aufmerksamkeitsstörungen gibt.

Das Unternehmen Kaspersky Lab kam in einer Studie zu ähnlichen Ergebnissen: Neun von zehn Studienteilnehmern sind abhängig von ihren Geräten. Sie denken nicht, speichern kein Wissen in ihrem Gehirn und lösen Probleme nicht selbst, sondern mithilfe von Google.

Nur etwa 10 Prozent der Jugendlichen gehen mit dem Smartphone so achtsam um wie Benutzer eines Schweizer Messers, das in der Regel dann zum Einsatz kommt, wenn es wirklich gebraucht wird.

Selbstbestimmung statt Fremdbestimmung

Auf den ersten Blick stärkt die digitale Entwicklung die Wünsche nach autonomen Entscheidungswegen. Doch da wir mit unseren Smartphones erkennen, „wie mächtig wir sind, werden wir abhängig von dieser Droge der schnellen Interaktion und drohen die gerade gewonnene Souveränität schon wieder zu verlieren", bestätigen Weert Canzler und Andreas Knie, Gründer der Projektgruppe Mobilität am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, in ihrem Buch „Die digitale Mobilitätsrevolution".

Auf der Suche nach den Bedrohungsformeln der zunehmenden Digitalisierung würden wir letztlich immer wieder bei uns selbst und unserem eigenen Nutzungsverhalten landen.

Ein selbstbestimmter Mensch, für den auch Spitzers Buch vor dem Hintergrund zunehmender Fremdbestimmung durch die digitale Informationstechnik plädiert, weiß mit dem Smartphone allerdings richtig umzugehen.

Nach Ansicht von Manfred Spitzer hat unser Gehirn eine übergeordnete Funktion, das dem Überleben dient. Deshalb sucht es nach Regelmäßigkeiten „hinter den von Moment zu Moment wechselnden Eindrücken, extrahiert diese und speichert sie ab". Für Details sei es nach seiner Ansicht eigentlich nicht ausgelegt.

In diesem Zusammenhang erwähnt Spitzer den Ding-Vergleich nicht. Doch gerade hier spielt das Schweizer Messer des 21. Jahrhunderts eine wesentliche Rolle, denn auch ein Smartphone kann bei richtiger Anwendung dazu beitragen, Komplexität besser zu bewältigen, Einzelheiten nicht nur zu kennen, sondern auch zu verstehen.

Messerscharfe Einsichten

Wer mit dem Smartphone so arbeitet wie mit einem Schweizer Messer, ist durchaus in der Lage, selektiv nach Informationen zu suchen, bei komplexen Problemstellungen das Wesentliche zu finden und alles andere abzuschneiden. Aus einer großen Menge von Informationen werden die wesentlichen Elemente herausgefiltert (Mustererkennung).

Nach Mustern zu suchen und in Mustern zu denken ermöglicht uns überhaupt erst, Komplexität so zu reduzieren, so dass wir darin zurechtkommen können.

Der richtige Umgang mit dem Schweizer Messer des 21. Jahrhunderts berücksichtigt das nachhaltige Zusammenspiel von Auge, Hirn und Hand, weil das (Be-)Greifen von Welt buchstäblich zusammengehört.

Wie ein Smartphone bedient wird, weiß fast jeder - worauf es heute ankommt, ist vielmehr, dafür Sorge zu tragen, sich nicht vom Smartphone bedienen zu lassen. Und es wie ein Schweizer Messer nicht nur dabei, sondern auch fest im Griff zu haben.

Dabei sind Klarheit und Einfachheit des Denkens genauso gefragt wie eine nachhaltige Digitalisierung. Sie ist geprägt durch technologische, soziale und ökonomische Vernetzung, optimiert deren Wechselwirkungen, antizipiert materielle und immaterielle Knappheiten und übersetzt Nebenwirkungen der Transformation in Lernprozesse, wie es der Schweizer Autor Joël Luc Cachelin „messerscharf" (!) in seinem aktuellen Buch „Update!" beschreibt.

Literatur:

Erik Brynjolfsson, Andrew Mcafee: The Second. Machine Age. Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird. Börsenmedien AG, Kulmbach 2015.

Joël Luc Cachelin: Update! Warum die digitale Gesellschaft ein neues Betriebssystem braucht. Stämpfli Verlag AG, Bern 2016.

Weert Canzler, Andreas Knie: Die digitale Mobilitätsrevolution. Vom Ende des Verkehrs, wie wir ihn kannten. Oekom Verlag, München 2016

Manfred Spitzer: Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. Droemer Knaur GmbH & Co. KG, München 2015.

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