BLOG

Im Testosteron-Ghetto: Macht, Karriere und die Außenseiterposition der Frauen

04/03/2016 20:03 CET | Aktualisiert 05/03/2017 11:12 CET
Martin Barraud via Getty Images

Testosteron und Korruption

Nachdem Ende Februar 99 Prozent Männer über die Zukunft der FIFA abgestimmt haben, „die von der Gattung Mann in den moralischen Abgrund gesteuert wurde" (Evi Simeoni), bleibt die Frage nach einem geistigen Kulturwandel, mit dem eine Reihe von Veränderungen verbunden ist:

Wie stellt sich die Organisation künftig auf? Wie sollte Führung agieren? Welche interne Kultur soll gelebt werden? Und welche Rolle spielen dabei die Frauen?

Bislang brachte es der Fußball-Weltverband noch nicht einmal zu einer Kandidatin für die Präsidentschaft - einerseits lag das an den männlich ausgerichteten Strukturen, andererseits machen die „guten Frauen" längst woanders Karriere:

„Sie werden zum Beispiel Justizministerin in den Vereinigten Staaten wie Loretta Lynch und machen von dort aus der Fifa die Hölle so heiß, wie sie es in ihrer 112 Jahre währenden Geschichte noch nicht erlebt hat", schrieb Evi Simeoni kürzlich in der FAZ und ergänzt, dass es schon immer schwer war, eine Frau zu finden, „die an der Hotelbar genug Bier vertragen kann, um dann, wenn die großen Entscheidungen fallen, noch aufnahmefähig zu sein."

Mit der Vorstellung des Berichts der Wirtschaftskanzlei Freshfields zu den dubiosen Vorgängen um die WM-Vergabe 2006 am 4. März 2016 steht auch das gesamte System DFB auf dem Prüfstand.

Ex-DFB-Präsident und Noch-Exekutivmitglied bei FIFA und UEFA, Wolfgang Niersbach, sagte in diesen Tagen: "Ich bin für mich selbst total im Reinen."

Als er im November als DFB-Präsident zurücktrat, sagte er, dass er im Zuge der WM-Affäre lediglich die rein „politische Verantwortung" übernimmt. Wenn das jemand sagt, sei dies ein Hinweis darauf, dass Sachargumente eine untergeordnete Rolle gespielt haben.

Darauf verweist die Autorin und Management-Expertin Cornelia Edding in ihrem Buch „Herausforderung Karriere. Strategien für Frauen auf dem Weg nach oben", das in diesen Tagen erscheint. Auch wenn sich die DFB- und FIFA-Beispiele nicht darin finden, so liegt ihre „Anschlussfähigkeit" auf der Hand.

Frauen auf dem Weg nach oben

Cornelia Edding beschreibt in ihrem Buch weibliche Karrierewege nicht nur detailliert und anekdotenreich, sondern verbindet sie auch mit Strategien und praktischen Lösungsansätzen. Es ist ein Lehrstück weiblicher Lebens- und Arbeitsgestaltung, das nicht im „Authentischen" steckenbleibt, sondern auf einen nachhaltigen Veränderungsprozess setzt.

Am System Fußball zeigt sich in diesen Krisenzeiten in besonderer Weise, welche Möglichkeiten Frauen haben „können", wenn organisatorische Veränderungen greifen und sie auch selbst einige Spielregeln verändern.

Gewiss können sie die Hürden, die Unternehmen und Organisationen errichtet haben, die außerhalb ihrer Person liegen, nicht abschaffen. Aber sie können akzeptieren (lernen), dass das Misslingen, diese Hürden zu überspringen, nicht ihre eigene „Schuld" ist.

Edding führt viele Beispiele dafür an, wie Strukturen, Verfahren und gängige Verhaltensweisen es den Frauen schwerer machen - besonders in männerdominierten. Umgebungen.

Hier sind sie - wie im Fußball - automatisch in einer Außenseiterposition (Minderheitenstatus), die niemals unauffällig ist. Sie sind wie auf einer Bühne ständig präsent, werden genau beobachtet und mit Klischees belegt (z.B. mangelnde Durchsetzungsfähigkeit).

Gleichzeitig übertreiben Männer die Unterschiede zwischen sich selbst (den Männern) und der einzelnen Frau. Diese Haltung des „Du bist ganz anders als wir" hält frau nach Ansicht von Cornelia Edding auf Distanz.

Das zeigt sich im persönlichen Verhalten, aber auch in den Prozessen und Strukturen der jeweiligen Organisation, die beispielsweise im Fußball von Männern für Männer gemacht sind.

So spielen in der von ihnen geprägten Unternehmenskultur schon Kleinigkeiten eine Rolle: die Länge der Redezeit in Meetings, Sitzordnung oder die Anzahl der Mitarbeiter im eigenen Bereich.

So ging es in der DFB-Kommission Nachhaltigkeit (2010-2013) in den Sitzungen ebenfalls weniger ums Fachliche, sondern um die Rangordnung des Hauptamts, zu dem es gehörte, dass Männer das Wort führten und eine Abteilungsleiterin selbstverständlich das Protokoll schrieb.

Kritische Nachfragen seitens der Kommissionsmitglieder, unter denen sich auch ein großer Frauenanteil befand, wurden unterbrochen oder durch eine gezielte Bemerkung zum Verstummen gebracht.

„Ausschließungsprozesse" sorgten auch hier dafür, dass die männliche Dominanz der „Verwaltung" erhalten blieb. Es verwundert also nicht, dass es auch beim DFB kaum Frauen im Topmanagement gibt.

Die Macht der Frauen

Im Interview "Die 1. Liga hat Frauen verdient", fragte sich Katja Kraus, bislang einzige Vorstandsfrau eines Proficlubs, warum Silvia Neid nicht längst einen Bundesligisten trainiert:

„Manchmal habe ich das Gefühl, der Fußball wird als Geheimwissenschaft mystifiziert, die sich nur Männern erschließt. Insbesondere solchen, die selbst Fußballprofis gewesen sind. Das ist ein selbstreferenzielles System, das lange von den handelnden Personen getragen wurde. Inzwischen ist es an mancher Stelle aufgebrochen. Zum Beispiel sind die Trainertypen andere. Aber es gibt eben noch immer sehr archaische Elemente, es gilt das Gesetz der Stärke."

Dass es bislang keine Frau gibt, liegt nach Kraus' Ansicht daran, „dass niemand ernsthaft die Glaubenssätze infrage stellt, die lange gelernt sind." (DIE ZEIT Nr. 19/2015, 7. Mai 2015) Fußball ist eben Männersache.

Frauen, so das übliche Argument, würde die Härte für die Anforderungen dieses Geschäfts fehlen.

Cornelia Edding führt noch weitere Unternehmensmythen an, die gern aufrechterhalten werden - z.B. dass Frauen zu zögerlich seien und zu wenig Selbstvertrauen hätten oder:

„Wenn es in Deutschland nur 5 % Frauen in den Unternehmensvorständen gibt, dann liegt das daran, dass die Frauen nicht wollen." Es werden zahlreiche Belege dafür angeführt, dass das nicht stimmt.

Eines allerdings bestätigt Edding: dass Frauen im Gegensatz zu Männern, die den Wettkampf lieben, nicht gern konkurrieren.

Dabei kommen sie beruflich nicht drum herum, sich zu messen und zu vergleichen, ja sie sollten sich sogar Konkurrenten wünschen, wenn sie sich für eine spezielle Aufgabe interessieren.

Dabei sollte berücksichtigt werden:

• Ein Konkurrent ist kein Feind, sondern oft ein wichtiger Arbeitspartner. Es geht immer um beides: um Konkurrenz und Kooperation.

• Organisationen funktionieren nicht ohne den Einsatz von Macht. Klugheit und Erfahrungswissen der Führung bestimmen, welche sie einsetzen.

• Formale Macht allein genügt nicht, um alle Beteiligten „mitzunehmen". Dazu bedarf es anderer Mittel der Einflussnahme (Glaubwürdigkeit, soziales Geschicks und die Fähigkeit, das persönliche Netzwerk zu nutzen).

• Machtfragen sollten auch für Frauen von Interesse sein, weil Gestaltung Freiräume braucht, die unter Umständen auch verteidigt werden müssen.

Wie im Fußball mit fairen Spielregeln.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: