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Im Fokus: Wie wir unser Leben nicht aus den Augen verlieren

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Wege aus der Ablenkungsgesellschaft

Das Glück ist für Modedesigner Karl Lagerfeld eine Frage des Willens. Er bezeichnete sich einmal als das Ergebnis dessen, was er gewollt und beschlossen hat zu sein:

„Ich bin mein Anfang und mein Ende, und was ich erreichen möchte, bestimme ich selbst."

Zeitprobleme kennt er nicht, weil er kaum ausgeht. Das interessiert ihn heute nicht mehr. Unverständlich sind ihm auch die Klagen einiger Designer über ihre Arbeit:

"Wenn man denkt, es ist zu viel, dann sollte man die Finger von solchen Verträgen lassen."

Das ist keine Arroganz und Überheblichkeit, sondern eine einfache Wahrheit, die uns alle betrifft: Fokussierung.

Dies zu „können" bedeutet nicht nur, die höchsten Prioritäten zu setzen, sondern auch zu entscheiden, welche Aufgaben von der eigenen To-do-Liste gestrichen werden können, um sich auf die richtigen Maßnahmen zu konzentrieren.

Dabei geht es nicht nur um die Effektivität im eigenen Leben, sondern auch um die Bedeutung der Fokussierung in der Gesellschaft:

„Überlegen Sie mal, welchen immensen volkswirtschaftlichen Schaden mangelnder Fokus anrichtet!" Schreibt der Managementexperte Hermann Scherer in seinem aktuellen Buch „Fokus!", in dem er zugleich darstellt, was dieses Thema mit Nachhaltigkeit zu tun hat:

„Wir legen unseren Fokus auf kurzfristige Erfolge statt auf langfristige Ergebnisse und wundern uns, dass wir kurzfristig scheinbar erreichen, was wir wollen, aber langfristig nicht dahin kommen, wofür wir wirklich angetreten sind."

Das eigene Leben ist für Scherer die Summe der persönlichen Entscheidungen und Fokussierungen zwischen Quick und Long.

Warum wir Scheuklappen brauchen

Scherers Buch legt den Fokus auf den Fokus, damit wir unser Leben nicht aus den Augen verlieren.

Das funktioniert, wenn wir schädliches Multitasking, das Hin- und Herwechseln zwischen verschiedenen Aufgaben (das zu mehr Fehlern führt, die im Nachgang wieder korrigiert werden müssen) vernachlässigen und lernen, uns auf das eigene Potenzial und die damit verbundenen Möglichkeiten zu konzentrieren und Störfaktoren ausblenden.

Schon Goethe und Steve Jobs waren klug genug, sich nicht durch den Zufluss der Realität innerlich überschwemmen zu lassen.

Innerer Zusammenhalt war bei Goethe mit dem „unentbehrlichen, scharfen, selbstischen Prinzip" verbunden, das einem Menschen etwas Kompaktes und Undurchdringliches gibt (Auch der unnahbare Karl Lagerfeld sagt von sich: „Ich bin total Egoiste.").

Alle Fokussierten können sich mit einer Aufgabe intensiv und leidenschaftlich beschäftigten und nehmen alles andere um sie herum kaum wahr.

Wer etwas hervorbringen möchte, muss sich vorher „abschließen", wird aber dennoch das Big Picture nie aus den Augen verlieren.

Goethe, Steve Jobs und Lagerfeld haben viel gemeinsam mit den von Hermann Scherer in seinem gleichnamigen Buch beschriebenen „Glückskindern", „denn sie setzen für das, was zu erledigen ist, keine zur Tätigkeit passenden Termine, sondern sie bestimmen schlicht, was für sie Priorität hat".

Sie leben in ihren magischen Momenten radikal aus ihrem Inneren heraus, handeln nach ihrer inneren Überzeugung und sind frei von äußeren sozialen Zwängen.

Sie nehmen nur so viel Welt in sich auf, wie sie auch verarbeiten können. Was sich nicht produktiv verwerten lässt, wird einfach vernachlässigt, um die eigene Aufgabe so gut wie möglich zu erfüllen und im Leben nur ein begrenztes Zeitkontingent zur Verfügung hat.

Fokussierung und Konzentration sind all jenen, die Besonderes hervorbringen, ein fundamentales Bedürfnis.

Wie Goethe verbannte auch Steve Jobs alles andere aus seinem Blickfeld, bis er die richtige Ent-Scheidung im Sinne einer Scheidekunst getroffen hat.

Malu Dreyer, seit 2013 Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, bemerkte dazu kürzlich im Interview mit dem Psychologen und Coach Louis Lewitan:

„Du kannst eine Akte nur einmal in die Hand nehmen. Wenn Du einen Extrahaufen anlegst für alles, was du nicht direkt entscheiden willst, dann wirst du nie fertig." (DIE ZEIT DOCTOR 9/2016)

Ohne „gesunden" Egoismus (als Selbstbehauptung) kann Fokussierung allerdings nicht gelingen, denn der Schwerpunkt der eigenen Tätigkeit braucht das Unabgelenkte und den Mittelpunkt des eigenen Schaffens.

Das meint auch Hermann Scherer, wenn er in seinem aktuellen Buch schreibt:

„Konzentrieren und fokussieren Sie sich also auf eine Sache, ein Ziel. Setzen Sie Scheuklappen auf, um Optionen und Ablenkungen nicht nur zu ignorieren, sondern gar nicht zu sehen."

Er selbst wollte Redner werden, fertig. Alles andere hatte ihn nicht interessiert. Er erkannte, dass er mit besonderen Talenten und Fähigkeiten ausgestattet war und spürte den inneren Drang, etwas daraus zu machen.

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Foto und Copyright: Hermann Scherer

Dabei kommt es darauf an, in einigen wenigen Sachen gut, besser und großartig zu sein und nicht in vielen Gebieten diverse Ziele anzustreben.

Wer größer werden will, muss kleiner werden: „Kleiner denken. Fokussierter sein. Konzentrierter sein."

Das bedeutet: weniger machen, sich weniger ablenken zu lassen und sich stets die Frage stellen:
„Bringt mich das, was ich jetzt gerade tue, wirklich meinen Zielen näher?"

Schon in seinem Buch „Jenseits vom Mittelmaß" verweist der Businessexperte darauf, dass sich Erfolgsmenschen und Erfolgsunternehmen auf ihre wirklichen Stärken konzentrieren und die wichtigen Projekte oder Vorhaben angehen.

Vollkommene Präsenz

Um sich nicht im eigenen egoistischen Universum zu verlieren, empfiehlt Scherer eine „Extraportion Gelassenheit" - vor allem aber den Faktor Menschlichkeit:

„Lassen Sie uns heute menschlich sein, um Eigeninteressen zu wahren. Das ist immerhin ein Schritt. Und vielleicht lernen wir dadurch, so fokussiert, menschlich und selbstvergessen zu sein wie Jesus von Nazareth."

Was für ein großer Satz! Er ist nicht einfach so dahingeschrieben, sondern gehört zum nachhaltigen Denken von Hermann Scherer, der schon 2013 in seinem Buch „Schatzfinder. Warum manche das Leben ihrer Träume suchen - und andere es längst leben" auf Jesus Bezug nahm.

Was hat das Fokussierung zu tun? Ganz einfach: Jeder Mensch, der vor Jesus stand, war für ihn in diesem Augenblick „der wichtigste Mensch auf der Welt".

Dieser „Schatzfinder" des Menschlichen hatte die Fähigkeit zum Fokus auf den Moment und die jeweilige Person. Damit verbunden ist noch ein weiterer interessanter Aspekt:

In Griechenland nannten sich die frühchristlichen Mönche „Athleten Christi", weil sie dem Herrn in seiner asketischen Lebensführung (die der von Hochleistungsathleten entsprach), nacheifern wollten:

Ein Christ soll sich nicht separieren, sondern am Leben und Wettlauf beteiligen, sich anstrengen, üben und trainieren (das bedeutet der griechische Begriff askesis).

All dies findet sich in einer knappen Aussage, die im Glückskinder-Buch von Hermann Scherer buchstäblich „aufgelesen" wurde und zugleich zeigt, worauf die Kunst des Fokussierens basiert: auf Können und Übung, die „effektiver als Talent" ist.

Literatur:

Hermann Scherer: Fokus! Provokative Ideen für Menschen, die was erreichen wollen. Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2016.

Weitere Informationen im Internet:

Volle Konzentration! Warum Aufmerksamkeit unsere knappste Ressource ist

Warum Anfängergeist, Eigensinn und Fokussierung zum Erfolg führen und Steve Jobs mit Goethe verwandt ist


Jonathan Sierck: 33 Wege, wie du deine Konzentrationsfähigkeit augenblicklich steigern kannst

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