Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexandra Hildebrandt Headshot

Illusion der Gewissheit: Warum wir uns ungern mit der Realität auseinanderzusetzen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
HANDS EYES
Patrick Sheandell O'Carroll via Getty Images
Drucken

Gastbeitrag von Prof. Stefan Brunnhuber , Wirtschaftssoziologe und Psychiater

Immer dann, wenn eine Situation komplex, unsicher und nicht vorhersehbar ist, setzt das menschliche Gehirn bzw. menschliches Sozialverhalten gerade nicht auf Risiko (etwa auf „Mehr des Gleichen" einer unkontrollierbaren Großtechnologie), sondern vielmehr auf Priorisierungen, Diskriminierungsleitungen, verstärkte Kooperationsbereitschaft und - wie Biologen sagen - „auf die mittlere Dimension". So werden Gewinne und Verlust psychologisch völlig anders verarbeitet, genauso wie kurzfristiges Glück und langfristiges Wohlempfinden.

Unsere Bewertungsmaßstäbe, die eher dysfunktional, unvollständig, stellenweise gar psychopathologisch sind, werden durch zahlreiche empirisch gut reproduzierbare Effekte (Priming- Anker-, Dissoziationseffekte) verzerrt: Keiner merkt es, und wir fühlen uns alle wohl dabei. Die Liste lässt sich so weiterschreiben.

Das Gemeinsame ist, dass die Realität in unserem Kopf nicht mehr identisch ist mit der äußeren Wirklichkeit. Eigentlich nichts Neues, aber dennoch wichtig. Und diese Lücke wird durch die Lebenswissenschaften zuschlossen.

Noch ein Beispiel: So hat unser Verstand oder unser Geist prinzipiell zwei Möglichkeiten, die Welt zu erkennen und in ihr Entscheidungen zu treffen. Psychologen nennen diese beiden Modalitäten System 1 und System 2:

System 1: In diesem evolutionär älteren System gehen wir intuitiv vor, gleichsam automatisch und implizit, treffen schnelle Entscheidungen, meist non-verbal, häufig kontextspezifisch und assoziativ. Auch die Fähigkeit zu Kreativität und Humor gehören hierher. Das System arbeitet vor allem durch einen parallelen Prozess von möglichst viel Information.

System 2: Hier geht es um langsame Vorgänge, um abstraktes, logisches, analytisches, regel- und pfadgeleitetes Denken und sprachlich geleitete Ereignisse. Der Aufwand ist hier höher und die Kapazität durch das Arbeitsgedächtnis begrenzt. Das System arbeitet vor allem linear und sequentiell.

Dem Menschen stehen beide zur Verfügung. Obwohl die allermeisten Denk-, Wahrnehmungs- und Entscheidungsprozesse parallel verschaltet und damit dem System 1 näher sind, verwenden wir vorrangig lineare, perspektivische, sequentielle Problemlösungsstrategien.

Sie haben zwar den Vorteil, dass man recht präzise und zuverlässige, aber eben langsame Aussagen bekommt.

Solche Aussagen sind dann nicht falsch, aber unvollständig, da sich komplexe Systeme häufig erst durch eine Parallelverschaltung hineichend abbilden lassen. Wenn wir aber nur linear vorgehen, etwa: „Erst wachsen, dann umverteilen", dann sehen wir auch nur Handlungsfelder entlang jenes Pfades.

Viele Vorgänge aber sind simultan, parallel und entziehen sich dann dem linearen Denken als Problemlösung, weil man nur Einzelereignisse sieht und die Aufmerksamkeit darauf fokussiert. Dabei geht der Überblick verloren. Wir sehen, bewerten und entscheiden dann nur innerhalb des Systems 2.

Je komplexer Probleme sind (ein Leben im Anthropozän gehört dazu), benötigt aber auch die Leistungen des Systems 1: schnell, holistisch, aber unscharf und nicht linear, langsam, analytisch und exakt.

Wenn es um einen Paradigmawechsel geht, sollte das Gehirn zunächst im System 1 aktiv sein, um alle möglichen Varianten, Strategien, Gefahren und Risiken rasch einschätzen zu können. Wenn man sich dann innerhalb eines vorgegebenen Paradigmas bewegt ist, das System 2 besser. Jetzt können zielgenau, lineare, konkrete Detailfragen sequentiell abgearbeitet werden.

Woran wir unser Handeln ausrichten

Sprechen und Denken kann nur in Frames passieren, an denen wir unser Handeln ausrichten. Ein Frame ist ein kognitiver Deutungsrahmen, innerhalb dessen wir denken, sprechen, interagieren und sprachgeleitet handeln. Das geschieht niemals kontextfrei, a-perspektivisch oder schier rational an den Fakten orientiert, sondern immer perspektivisch.

Zu den wesentlichen Charakteristika von Frames gehört, dass sie kognitiv-ideologisch selektiv sind: Es werden immer bestimmte Aspekte beleuchtet, und andere fallen gleichzeitig unter den Tisch. Zu den bedeutungsträchtigsten kognitiven Frames innerhalb unserer Kultur gehört etwa der „Vertikalitäts-Frame" von oben und unten:

Oben wird in unserer Kultur mit besonderer Qualität, Kontrollvermögen, Glück, Erfolg, hohe Moralstandards, ja mit dem Numinosen und Göttlichen assoziiert. Alles was oben ist, ist (scheinbar) gut, sinnvoll und richtig. Das Umgekehrte gilt dann für „unten".

Wir organisieren unsere Wahrnehmung und soziale Bewertungen auf weiten Strecken über diesen Meta-Frame. Zum anderen sind Frames immer an physiologische, sensomotorische, taktile, emotionale oder auch gustatorische Erfahrungen gekoppelt.

Psycholinguistisch sind Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen nicht hinreichend sprachlich besetzt oder differenziert, das heißt, sie sind kognitiv unterrepräsentiert. Der technische Begriff dafür ist „Hypokognition".

Auch wenn wir ständig gegen etwas sind, etwa gegen expansives Wachstum, gegen mehr Reichtum für die Oberschicht, gegen Fracking oder Großtechnologien, passiert neuropsychologisch folgendes:

Wir re-aktiveren ständig den gleichen Frame, ob wir dafür oder dagegen sind, und unterstützen damit das, was wir eigentlich nicht wollen - und verhindern gleichzeitig, das zu sagen und zu tun, was wir eigentlich sagen und tun wollen. Auch Begriffe wie Postwachstum, Nicht-Nachhaltigkeit, fehlende Umverteilung gehören in diese Kategorie.

Die subtile Verbindung von Sprache, Handeln und Körperwahrnehmung, die uns als Menschen auszeichnet, führt dazu, dass reine Fakten ohne Frames gesellschaftlich, sozial und psychologisch wert- und bedeutungslos werden bzw. keine wirkliche Verhaltensänderung auslösen.

Begriffe wie Klimaerwärmung führen dann eher dazu, dass wir uns zwei weitere T-Shirts kaufen und Klimawandel aktiviert einen Frame, der alles andere als verhaltensändernd wirkt. Ein Wandel ist semantisch in beide Richtungen offen, gleichsam nach oben und nach hinten. Noch dramatischer wird es bei Klimaschutz:

Das Klima soll logisch überhaupt nicht geschützt werden, denn für das Klima ist es eigentlich egal, ob es zu einer höheren oder niedrigeren Temperatur kommt. Geschützt werden sollen Natur und Mensch.

Eigentlich müssten wir mindestens von einer Klimaüberhitzung sprechen und an Stelle von Umweltverschmutzung besser von Verseuchung oder Vergiftung sprechen, da wir nicht nur die Natur, sondern tagtäglich uns selbst vergiften.

Wir verwenden die falschen Begriffe und wundern uns dann, wenn wir nicht adäquat handeln. Die verwendeten Begriffe sind stellenweise schlicht falsch oder doch zumindest eine maßlose Bagatellisierung eines Vorgangs, dem wir uns im Anthropozän ausgesetzt sehen.

Wenn wir von „begreifen", „handhaben" oder „zurück-weisen" sprechen, dann wird unser prämotorischer Cortex genau für jene körperlichen Vorgänge mit codiert, und wenn wir von „Knoblauchgeruch" sprechen oder von einer übel riechenden vergifteten Kloake, dann sind die entsprechenden Hirnareale des Riechhirn mit aktiv. Man spricht hier technisch von embodied cognitions oder verkörperlichtem Denken. Es gibt kein Denken ohne somatischen Bezug.

Das geht aber noch weiter: Es reicht bereits aus, Stühle in einem Sitzungssaal so zu manipulieren, dass sie entweder etwas nach links oder nach rechts geneigt sind, um daraus eine signifikante politische Positionierung zugunsten eher konservativer (rechts) oder eher progressiver (links) politischer Haltungen einzunehmen. Sprachverarbeitung, Entscheidungen und Handeln gehören von Anfang an eng zusammen.

Wird einen solcher Frame aktiviert, führt dies gleichsam automatisch und unbewusst zu einer Co-Aktivierung von einer Reihe von Qualitäten, auch wenn sie primär mit der Sachlage gar nichts zu tun haben. Das alles entsteht unbewusst, automatisch und ist durch die Kultur, Erziehungspraxis und Lerngeschichte, in der wir eingebettet sind, wesentlich determiniert. Hätten wir andere Frames, hätten wir eine andere Sprache und in Folge auf ein anderes Handeln.

Wenn wir anfangen würden, die Befunde der klinischen Psychologie, der Sozialpsychologie und Neurobiologie zu berücksichtigen, hätten wir eine vollständig andere Diskussionsgrundlage über unser gesellschaftliches Zusammenleben.

Es gibt mittlerweile eine Fülle von Ergebnissen aus den Lebenswissenschaften, welche die These stützen, dass unser Geist, unser Gehirn und unser (Sozial-)Verhalten einer völlig anderen Logik folgen, als dies durch das Standardargument allein gedeckt ist.

Eine Psychologie im Anthropozän stellt gewissermaßen ein Fenster dar, durch welches wir in eine andere Zukunft blicken können - ein Blick der uns durch Technik, Wachstum, Bevölkerungspolitik und Governance verstellt bleibt.

Zur Person:

Prof. Stefan Brunnhuber ist Wirtschaftssoziologe und Psychiater und arbeitet als ärztlicher Direktor einer Diakonie-Klinik für Integrative Psychiatrie. Er hat Medizin, Sozialwissenschaften und Wirtschaft studiert. Er romovierte bei dem deutsch-britischen Soziologen Ralf Dahrendorf. Am C. G. Jung Institut in Küsnacht (Schweiz) absolvierte er eine Ausbildung in Psychotherapie bei Helmut Barz. Seine beiden Schwerpunkte, die Medizin einerseits und die sozialen Aspekte der Wirtschaft andererseits, prägen heute sein Tätigkeitsfeld. Er ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste und Mitglied des Club of Rome (Austrian Chapter) und Sprecher einer Gruppe um Bernard Lietaer, die sich intensiv mit der Beziehung der internationalen Finanzmärkte und der Nachhaltigkeit beschäftigt. In seinem aktuellem Buch „Die Kunst der Transformation - Wie wir lernen die Welt zu verändern" (Herder Verlag) analysiert er erstmals, welche (sozial-)psychologischen Mechanismen diese Transformation verhindern und welche sie fördern.

2016-07-09-1468068239-5366226-Stefan_Brunnhuber.jpg

Foto: Prof. Stefan Brunnhuber

Literatur:

Stefan Brunnhuber: Die Kunst der Transformation. Wie wir lernen, die Welt zu verändern. Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2016.

Wolfgang Haber, Martin Held, Markus Vogt (Hrsg.): Die Welt im Anthropozän. Erkundungen im Spannungsfeld zwischen Ökologie und Humanität. Oekom Verlag, München 2016.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-09-1468043190-9784650-2016060214648668675342179HUFFPOST3.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Lesenswert: