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Hörbare Tagträume: Warum Doo Wop (nicht nur) in Krisenzeiten boomt

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„Wie schlecht unser Gedächtnis auch sein mag - Musik wird uns immer wieder in die Vergangenheit zurückschicken." (Daniel Rettig)

Das Schwelgen in Erinnerungen sollte zwar niemals das einzige Ziel unserer Existenz sein und unser Leben dominieren, weil wir sonst die Chancen verpassen, die uns die Zukunft bietet - dennoch ist Nostalgie in richtiger Dosierung etwas sehr Wohltuendes in unserer von Krisen und Erschütterungen gezeichneten Welt. Wo alles größer, unübersichtlicher und austauschbarer wird, wird Nostalgisches wieder sehr geschätzt, weil der Rückgriff auf Bewährtes und Bekanntes Komplexität reduziert und das Gefühl von Unsicherheit verringert.

Wo Ängste, Massenkonsum oder Terror unser Leben schrumpfen oder gefrieren lassen, bereichert Nostalgie unser Leben, erweitert und erwärmt es. Wir sollten jenen dankbar sein, die sich für diese Form der „Nachhaltigkeit" einsetzen, denn im Zeitalter digitaler Reproduzierbarkeit muss man sich für Nostalgie Zeit nehmen. Sie macht das Besondere auf einzigartige Weise sichtbar - und hörbar:

Die Crystalairs (Daniel und Jens Franke, Ralf zur Linde und Claus-Peter Niem) zelebrieren Musik und vermitteln eine Aura von Nostalgie. Gesungen wird eine unkopierbare Mixtur aus klassischem Rock'n'Roll, Spuren von Country-Balladen, Vokalgruppen-Harmoniegesang und maritimen Schlagern der 50er- und 60er-Jahre, „eingedeckt" in einem Doo-Wop-Mantel.

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Copyright: Crystalairs

In Krisenzeiten ist die emotionale Bindung an nicht kopierbare und von Hand gemachte Musik besonders ausgeprägt, weil sie eine innere Brücke zu Erinnerungen und alten Sehnsüchten aufbaut, die uns auch in Zeiten tiefgreifender gesellschaftlicher Veränderungen trägt.

Nachdem sich die Ostwestfalen ausschließlich auf Englisch getextete Songs konzentrierten, haben sie im Jahr 2008 mit „Die ganze Welt" erstmalig ein deutschsprachiges Album aufgenommen mit Eigenkompositionen sowie Cover-Versionen von Songs, die u. a. Rick Nelson, Don Gibson, Marty Robbins und Dion and The Belmonts bereits vor Jahrzehnten populär machten.

Titel wie „El Paso", „Melba aus Melbourne", „Bombay Girl" und „Die Sterne von Tonga" zeigen die globale Spannweite der Songs. „Jung und verliebt", „Meer voller Tränen" und „Einen Ring mit zwei blutroten Steinen" haben eine romantische Verklärung, sind aber dennoch frei von Kitsch. Sie verkleinern die Welt, machen Nähe und Ferne wieder hörbar und weisen uns den Weg zurück nach Hause.

In der „Odyssee" schilderte Homer die Irrfahrt von Odysseus, der nach zehn Jahren im Trojanischen Krieg noch mal genauso lange brauchte, bis er wieder daheim war. Er dachte nur an die Rückkehr (griech. nostos) und ertrug dafür viele Qualen (griech. algos). Nostalgie ist deshalb immer auch mit dem „Schmerz der Heimkehr" untrennbar verbunden. Aus seinen Erinnerungen schöpfte Odysseus die Kraft, alle Widerstände zu überwinden und nach Hause zu finden.

Wer die im buchstäblichen Sinne „gebrauchten" Lieder der Crystalairs hört, hat das Gefühl, getröstet und mit Freude beschenkt zu werden in schwierigen Zeiten: Sie leben von Traditionen, Qualität, Perfektion und Geschichten.

Mit „Die ganze Welt" und den nachfolgend produzierten Alben, darunter „Westwärts" oder „Christmas With The Crystalairs" (das bis in die Spitzen der deutschen Airplay Charts aufstieg), wurde endgültig ein Publikum erreicht, das weit über die kleinen Szene-Bühnen und Indie-Ladentische hinausging.

In 25 aktiven Jahren erschienen acht LPs, einer EP und zehn Singles. In dieser Zeit haben sie sich eine nationale und internationale Stammgemeinde ersungen und erspielt, auch in Amerika. Erstmalig in der Crystalairs-Recording-Geschichte werden die Singles dieser Sammlung ausschließlich in den einschlägigen Online-Portalen wie iTunes, Amazon MP3 und Google Play veröffentlicht.

Auch wenn die Crystalairs musikalisch zurückschauen, so bedeutet das nicht, den alten Retro-Sound zu kopieren. Das Ursprüngliche wird stattdessen in seiner Vielfältigkeit und zeitlosen Wirkung gezeigt. Auch ihre Übersetzungen der amerikanischen Doo Wop Klassiker orientieren sich hautnah am Original, ohne dabei „aufgesetzt" oder künstlich zu wirken. Denn was vollkommen ist, braucht keinen neuen Belag, der den zeitlosen Glanz nur stumpf machen würde.

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Copyright: Crystalairs

Claus-Peter Niem von den Crystalairs wohnt in Dortmund und arbeitet als Lehrer sowie als Coach in der Lehrerfortbildung. Retromusik hört er seit Anfang der 1980-er Jahre. „Damals wurde auf einer Raupe, also auf einem Markt in meiner Heimatstadt, ein alter Song gespielt - der haute mich um", sagt er.

Der Sound der fünfziger, frühen sechziger Jahre ging ihm sofort ins Blut. Daraufhin lernte er mit 14 Jahren Kontrabass, und er gründete die erste Band. 1988 folgten die Crystalairs. Hier dominierte vor allem die Freude, Lieder mehrstimmig zu singen: „Und das ging überall gut - in Parkhäusern, Toiletten oder in New York auf dem Dach." Es war immer ein produktives Hobby und ein guter Ausgleich für ihn, bei dem er sich in eine andere Zeit (zumindest auf Konzerten) beamen konnte.

Als kleiner Junge wurde er von seinem Onkel aber auch mit ins Fußballstadion genommen - fortan war er auch davon begeistert. Während seines Studiums in den Bereichen Pädagogik, Psychologie und Soziologie beschäftigt sich Claus-Peter Niem insbesondere mit der Fußballsozialgeschichte des Ruhrgebiets sowie Englands - und bereiste viele Stadien in ganz Europa.

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Foto und Copyright: Claus-Peter Niem

Durch eine Begegnung im Jahr 1999 mit Spitzentrainern des Premier-League-Tabellenführers Aston Villa FC tauschte er sich mit Karin Helle seitdem gemeinsam mit vielen Führungskräften aus. Sie arbeiten gemeinsam mit einzelnen Profitrainern sowie Profisportlern und Teams, unter anderem mit Jürgen Klinsmann, Jogi Löw, Sebastian Kehl, Christoph Metzelder, Hansi Flick oder Stefan Kuntz. Mit Karin Helle schrieb er auch das Buch „One touch. Was Führungskräfte vom Profifußball lernen können" (2016).

Die beiden Leidenschaften Musik und Fußball wechselten sich bei Claus-Peter Niem immer ab - je nach Stimmungslage: „Spielte mein Lieblingsverein eine schlechte Saison, legte ich den Fokus eher auf die Musik, um schlechte Ergebnisse nicht so ertragen zu müssen. Dann war das Leiden einfach weniger."

Nostalgie
hilft uns, damit umzugehen, sie lindert Schmerz und ordnet das Chaos - individuell und gesellschaftlich. Sie ist der Klebstoff, der die fragile Gemeinschaft zu allen Zeiten nachhaltig zusammenhält.

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